Medusa & Lampedusa im MSK Gent

05. Mrz. 2014 in Ausstellungen

Isabel & Alfredo Aquilizan, MSK Gent 2014

Isabel & Alfredeo Aquilizan + Théodore Géricault im MSK Gent

Am 2. Juli läuft die Medusa auf Grund auf und kentert. Für die 395 Passagiere gibt es nur 6 Rettungsboote. Ein Floß wird gebaut, auf das 149 Menschen klettern. Statt das Floß an Land zu ziehen, kappt ein Offizier am nächsten Tag das Abschleppseil.

Théodore Géricault, Das Floß der Medusa, 1818-19, Lille, Palais des Beaux-Arts, © RMN – Grand Palais | Philippe Bernard, Paris

Am 6. Juli streiten die Menschen auf dem Floß um ein Weinfass, 20 Menschen sterben. Am 7. Juli bricht Kannibalismus aus, am 8. leben nur mehr 30 Menschen. Am 17. Juli werden endlich die letzten 15 Menschen gerettet. Fünf weitere sterben im Krankenhaus.

Dieses Drama ereignete sich im Jahr 1816. Die Medusa gehörte der französischen Armee und sollte Infanteristen, Beamte und Forscher zur französischen Kolonie Senegal bringen. Das Versagen des Kapitäns und der gesamte Skandal wären längst vergessen. Aber Théodore Géricault (1791-1824) nahm es zum Anlass für ein fast fünf Meter großes Bild. In einer Kopie – das Original wird nicht ausgeliehen – ist es jetzt mit einer beeindruckenden Auswahl weiterer Werke Géricault im Museum voor Schone Kunsten (MSK) im belgischen Gent ausgestellt.

Théodore Géricault, Kopf eines weißen Pferdes, 1814-15, © RMN – Musée du Louvre, Département des Peintures, Paris

Géricault gilt als Meister des Abgründigen, der „horrorhafte Erfahrungen seiner Zeit ästhetisch erlebbar machte“, wie es Kurator und Kunsthistoriker Gregor Wedekind formuliert; der Psychatrie-Insassen subtil portraitierte und selbst einem Pferdekopf einen tragisch-dramatischen Ausdruck gab. Schwerpunkt der Werkauswahl in Gent – und zuvor in der Frankfurter Schirn – sind die Themen Leiden und Wahnsinn. In Kombination mit Bildern von Goya, Delacroix, Jean-Baptiste Carpeaux, Johann Heinrich Füssli und sogar Adolf Menzel wird herausgearbeitet, wie deutlich kriegskritisch Gericault war und wie in nahezu jedem Bildmotiv bereits die Ahnung des Todes  lauert. Seine Aufmerksamkeit galt nicht literarischen oder mythologischen Themen, sondern dem aktuellen Geschehen wie das Unglück der Medusa als einer Ikone gescheiterter Hoffnungen.

Isabel & Alfrede Aquilizan, Lade/Vracht/Cargaison. Project Another Country, MSK 2014, c: SBV

Kombiniert ist diese exquisite Ausstellung mit einer Installation aus Hunderten von kleinen Booten, gebastelt aus alten Kartons. Es ist ein Werk des Künstlerduos Isabel & Alfredo Aquilizan (Philippinen/Australien), die dafür mit lokalen Schulkindern zusammen arbeiteten.

Alfredo & Isabel Aquilizan, Gent 2014, c: SBV

Die Papp-Boote sind zu zwölf Gruppen arrangiert, darin an Gericaults Floß erinnernd, und rufen Assoziationen an Migration und Flüchtlinge hervor. Im hinteren Ausstellungsteil wird die Verbindung mit einer Zeittafel zum Bootsunglück 2013 vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa konkretisiert, bei der 390 Menschen starben.

Alten Meister plus zeitgenössische Kunst kennen wir aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Aber anders als in Wien kommen in Gent zwei Werke zusammen, die formal und inhaltlich mehr als konträr sind. Ist die Analogie zwischen Medusa und Lampedusa nicht reichlich oberflächlich? Gericault lenkt unseren Blick auf eine existentielle Not, malt das Leiden der Menschen und prangert das Versagen der Obrigkeiten an. Die zeitgenössische Antwort zeigt leere Boote – ist das eine „Aktualisierung der Medusa“, wie es Direktorin Catherine De Zegher nennt? Ja! Denn Themen wie Katastrophen, Todesangst und Hilflosigkeit werden in unserer Zeit im Blockbuster-Kino überdramatisiert, da kann Kunst nicht mithalten. Eine künstlerische Verbildlichung schicksalhafter Erfahrungen benötigt eine subtile und auch offene Form – offen für interkulturell mögliche Identifizierungen.

Genau das leisten diese leeren, teils liebevoll detaillierten, teils sehr einfachen Boote. Sie wurden von Kindern gebaut, die aus Konfliktzonen stammen. Im Museum jetzt können die Boote von Besuchern mit individuellen Erfahrungen beladen werden. Es ist die enorme Menge und die Offenheit der Formen, die den Dialog zwischen der Bildikone und der unter gänzlich anderen Voraussetzungen entstandenen Installation überhaupt erst zulässt. Am Ende übrigens erhalten die Kinder ihre Boote zurück.

Isabel & Alfredo Aquilizan, Lade/Vracht/Cargaison. Project Another Country, MSK 2014, c: SBV

MSK Gent, Theodore Gericault, Isabel & Alfredo Aquilizan, 22.2.-25.5.2014

veröffentlicht in: Die Presse, 4.März 2014

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