mehr mehr mehr – Kunstmessen Heute

15. Okt. 2014 in Kunstmarkt

ARCO 2014

„Kunstmessen heute sind Dinosaurier, verdammt dazu, bald zu sterben.“ Dieses krasse Statement schrieb jüngst ein Kollege auf Facebook. Seine Aussage steht im Kontrast zu den Zahlen. Ed Winkleman, Galerist in New York und Co-Gründer der Moving Image Art Fair, fasste es in seinem Vortrag im Mai 2014 im Sotheby´s Institute London zusammen: 1970 gab es die Art Cologne, Art Basel und Art Brussels. 2005 waren es bereits 68 Kunstmessen, 2011 stolze 189. Heute kann man kaum noch eine genaue Zahl angeben. Winkleman spricht von aktuell 220 Messen – ob darunter auch jene auf den Philippinen oder in Yogyakarta sind?

Vienna Fair 2014

Wie kommt der FB-Kollege da zu seiner pessimistischen Prophezeiung, wo gerade die junge Art International in Istanbul mit Jubelmeldungen über Besucherandrang und Verkäufe schloss und auch die Vienna Fair heuer nach der 10. Ausgabe die Erfüllung „aller Erwartungen“ vermeldet?

 

2. Art International in Istanbul. Foto SBV

Erster Bruch: 2008

Kunstmessen befinden sich im enormen Wandel. Ein erster Bruch geschah 2008. Bis dahin konnten Galerien den 4- bis 5fachen Umsatz der Messekosten einspielen. Im Zuge der globalen Wirtschaftskrisen gingen nicht nur die Umsätze zurück sondern auch die Kosten hoch für Standmiete, Transporte und all die Zusatzleistungen wie Möbel, Licht, zusätzliche Wände oder Lager. Elisabeth Dee, New Yorker Galeristin und Gründerin der Satellitenmesse Independent, spricht von einer Verzehnfachung der Kosten – ohne dass die Einnahmen folgen. Ein 100qm-Stand auf der Art Istanbul etwa kostete heuer 40.000,- Euro, ein kleiner, 40 qm Stand auf der Frieze London stolze 25.000,- Euro. Plus Hotel, Reise, Standhilfen muss die Galerie in den vier Tagen mindestens 90.000,- bzw. 60.000,- Euro einnehmen, nur um die Kosten einzuspielen – das ist für ein mittelgroße Galerie sehr viel.

 

Abu Dhabi Artfair 2013, Erwin Wurm am Stand von Ropac

Zweiter Bruch: Klienten

Diese Entwicklung führt jedoch nicht zu weniger Messen. Im Gegenteil. Immer mehr Galerien möchten an internationalen Kunstmessen teilnehmen, denn das lokale Geschäft hat sich dramatisch verändert. Dies ist auch der zweite Bruch: Die Kunstmessen übernehmen mehr und mehr die Kontrolle über die „clients“, wie die Kunstkäufer in den USA genannt werden. Die früher üblichen, familienähnlichen Verbindungen zwischen Galerie und Sammler, die oft regelmäßig und ausschließlich in nur einer oder zwei Galerien ihres Vertrauens kauften, gehen durch Messen verloren – beidseitig. Die Londoner Galerie Lisson beispielsweise nimmt 2014 an 16 Messen teil. Das ist ein Geschäftsmodell weit entfernt von dem „Mom and Dad“-System, wie es Winkleman nennt.

 

Dubai 2013

Dritter Bruch: VIPs

Ein dritter Bruch entsteht mit dem VIP-Programm. Lange vergaben die Galerien die begehrten VIP-Pässe direkt an ihre Kunden und verfügten damit über ein Belohnsystem. Mittlerweile übernehmen die Messen die Kommunikation. Die teilnehmenden Galerien steuern die Namenslisten bei und erwarten gleichzeitig hochkarätige Sammler. Darum entwerfen die Messen immer ausgeklügeltere VIP-Programme, mit Besuchen in privaten Sammlungen, elegantem Galadinner und mondänen Schiffsfahrten wie in Istanbul. „Die anreisenden Sammler möchten Tagesprogramme,“ erklärte Vienna Fair-Direktorin Christina Steinbrecher-Pfandt, komplett ausgearbeitete Angebote für ihren Aufenthalt in der fremden Stadt. Die Messe ist nur ein Termin darauf. Im nächsten Schritt bedeutet diese enge Bindung zwischen Messe und Kunde, dass die Käufer von den Messen „trainiert“ werden, wie es Winkelman nennt. Kunst wird zunehmend weniger in Galerien und stattdessen auf Messen erworben, die einerseits niedrigschwellig sind und einer weitaus breiteren Käuferschicht den Zugang ermöglichen – abzulesen an den stetig steigenden Besucherzahlen: 92.000 kamen heuer zur Art Basel. Andererseits erhöht es den Druck auf Galerien und Künstler. Denn die gut informierten Kunden wollen neue und möglichst beste Werke sehen.

 

Marina Abramovic

Messe-Kunst

KünstlerInnen müssen also für Messen produzieren. Anderes als in der Galerie geht es dabei nicht um eine gelungene Ausstellung sondern um Ware, die schnell konsumierbar und am besten gleichzeitig noch „hot and young“ ist. Junge KünstlerInnen sind allerdings meist zu billig, selbst mit einem Ausverkauf können die Kosten einer Art Basel nicht hereingebracht werden – darum gibt es dort längst nichts mehr zu entdecken. Inhaltliche Auseinandersetzungen sind eh kaum möglich, Zeit ist Geld. Einer der vielen Galerie-Direktoren der Gagosian-Galerie-Kette fasste es radikal zusammen: Eine Messe, in der die Kunden 10 Stunden für eine Entscheidung benötigen, interessiert sie nicht. So wird auch die Kunst selbst von Messen beeinflusst. Es gilt: the bigger the better. Manche Künstler reagieren gelassen und fertigen Variationen an wie die Fotografien von Marina Abramovic, mit Blume oder Kerze in der Hand, mit pathetischen Handbewegungen, mit leidendem Blick oder meditativ in einem farbenkräftigen See oder „Powerplaces“. Manch andere Künstler dagegen kommen gar nicht mehr vor.

 

Art Dubai im Madinat Jumeirah

Nicht jeder Galerist, nicht jeder Künstler und auch nicht jeder Sammler mag diesem wachsenden Messedruck folgen. Wie lange kann dieses System noch weiter hochkochen? Darauf zielt die Aussage des Eingangs zitierten Kollegen. Es braucht ganz sicher Kunstmessen, damit KünstlerInnen international positioniert werden können. Aber es braucht auch den langsameren Heimmarkt, den zunehmend mehr Galerien wieder stärken wollen. Das Wiener Projekt „curated by“ ist ein Schritt dahin, den Messen ein spannendes Format zur Seite zu stellen.  

Zahlen:

12 Millionen Besucher kamen laut „Skate’s Art Fair Report“ letztes Jahr zu den 80 großen Messen – darunter die Arco Madrid (100.000), die Art Basel (92.000), die Fiac Paris (73.543) und die Frieze London (70.000). 25.274 Besucher zählte die Viennafair 2014

 veröffentlicht in: Die Presse, 12.10.2014

 

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