Mithu Sen, A VOID, Galerie Krinzinger, Wien

09. Sep. 2014 in Ausstellungen, Kunstmarkt

Mithu Sens Poesie

Plötzlich sind die Menschen verschwunden. Goldenen Blumen, Glitter auf Steinen, bunte Vögel, rote Farbspuren und silber-grau glänzende, winzige Raben bleiben übrig. Idyllisch, fast wie chinesische Tuschezeichnungen, ist diese märchenhafte Bildwelt. Kaum jedoch werfen die Scheinwerfer wieder ihr Licht auf die Zeichnungen, erkennen wir die Werke kaum wieder: Die rote Farbe wird zu Blutspuren, zu Flammen auf Häusern,

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die abstrakten dunklen Spuren zu brennenden Köpfen, die Raben zu Boten von Gewalt und Gräuel. Zwischen den verträumten Pflanzen liegen verletzte und verrenkte Körper.

Es sind außergewöhnliche Zeichnungen, die Mithu Sen hier in der Galerie Krinzinger ausstellt. Die indische, 1971 geborene Künstlerin entwarf dafür einen dreischichtigen Rahmen: ein Box für das Papier, darüber eine Plexiglasscheibe und darüber ein Schutzglas. In die mittlere Schicht sind ganz fein einzelne Figuren eingeritzt, die bei richtigem Lichteinfall den Zeichnungen eine zweite Bildebene hinzufügen. Immer wieder deckt man das Licht mit der Hand ab, so perfekt sind diese Schatten in die Zeichnungen integriert – nein, die Linien sind nicht auf dem Papier. Sie sind wirklich nur flüchtige Lichtspuren.

12.000,- Euro kosten ihre großen Zeichnungen, mit denen sie dem schnellen Kunstmarkt eine Absage erteilt. Denn diese Werke können nicht irgendwo an eine Wand gehängt werden, sondern benötigen eine exakt ausgerichtete Beleuchtung, die automatisch gedimmt wird. Erst dann entfalten sie ihre magische Schönheit.

Drei Jahre hat sie an dieser Form experimentiert, erzählt die Künstlerin. Schon lange suche sie einen Weg, auch das Nicht-Sichtbare zu zeigen, jene Ebene, die unser Leben oft mehr beeinflusst als die physisch-materielle Welt – und dies eben nicht nur zu zeigen, sondern in der Flüchtigkeit belassen. Man kann es Assoziationen nennen, Gefühle, Erinnerungen oder auch namenlos belassen. Auch in ihrer Performance sucht sie einen Weg, das Unbewusste, das Ungehörte ins Licht zu rücken. Durch den Raum gehend, liest Sen während der Eröffnung aus ihrem Gedichtband vor. Was wir hören, ergibt keinen Sinn. Es sind keine Worte. Sen nennt es „asemische Schriften“, Laute voller Emotionen, sprachlos und doch voller Ausdruck. In ihrem Buch stehen dafür nur kryptische Zeichen. Ob zuvor in der Tate Modern in London oder jetzt in Wien, immer bittet Sen einige Zuschauer, ebenfalls aus ihrem Buch vorzulesen.

Mithu Sen

Mithu Sen gehört zu einer jungen Generation von indischen Künstlern, die erst nach dem Kunstmarktboom bekannt wurden. Nach der Jahrtausendwende setzte eine große Nachfrage nach zeitgenössischer indischer Kunst auf, auf Auktionen gingen Preise für Jitish Khallat, Bharti Kher oder Subodh Gupta in den dreistelligen Bereich hoch. 2006 setzte Chriestie´s mit moderner indischer Kunst 17 Mio Dollar um, Sotheby´s mit bis dahin kaum bekanntem Zeitgenössischen nahezu 2 Mio., das indische online-Auktionshaus Saffronart in einer Auktion sogar 7.15 Mio. Dollar. Mittlerweile kosten frühe Werke von bekannten Vertretern der Moderne wie M. F. Husain oder F. N. Souza bis zu 1 Mio Dollar. Anfangs waren die meisten Käufer NRI (non residental indians) aus New York oder London, die mit der Kunst ihre kulturelle Identität bestärkten und die Preise online hochtrieben. In Europa zeigte ein Museum nach dem anderen Überblicksausstellungen, das Interesse an der Bildsprache des Subkontinents war enorm. Dann brach der Markt vor fünf Jahren massiv ein – um sich jetzt wieder langsam zu erholen. Heute ist die die Zeit der „indishness“ vorbei – wie die offensiv indisch erscheinende Bildsprache genannt wird. Jetzt müssen es nicht mehr ornamental verzierte Tiere, Elefanten, schräg stehende, dunkle Augen und ähnliche Bildelemente sein. Vorbei sind auch die Länderausstellungen. Jetzt folgen konzentrierte Einzelausstellungen, letztes Jahr zeigte documenta-Künstlerin Sheela Gowda im Van Abbemuseum Eindhoven, am 12.9. eröffnet der Superstar Subodh Gupta – bekannt für seine Skulpturen aus Edelstahlgeschirr – eine große Solo-Schau im Frankfurter Museum Moderner Kunst. Und auch Mithu Sen zeigt in der Wiener Galerienausstellung, wie vielschichtig zeitgenössische Kunst aus Indien ist.

Galerie Krinzinger, Wien, Seilerstätte 16, 3.9.-25.9.2014

in gekürzter Form veröffentlicht in: Die Presse, 7.9.2014