Nedko Solakov bei Georg Kargl Fine Arts, Wien

16. Mai. 2016 in Ausstellungen

Nedko Solakov, Ears, 2016. Georg Kargl Fine Arts, Wien

Nedko Solakov, Ears, 2016. Georg Kargl Fine Arts, Wien

In einem unscheinbaren Holzkasten sah man auf der documenta 12 (2007) Mengen von Karteikarten. Mit den 180 Blättern hatte Nedko Solakov ein dunkles Geheimnis verarbeitet: Als junger Student und überzeugter Sozialist arbeitete er von 1976 bis 1983 für den bulgarischen Geheimdienst. Als er „Top Secret (1989-90)“ 1990 in Sofia das erste Mal ausstellte, war der Schock in Bulgariens Kunstszene groß. Auf der documenta 12 präsentierte er sein offenherziges Geständnis dann in einer Vitrine. Man konnte nicht mehr blättern und wusste nicht so recht, ob Solakov sich tatsächlich hatte anheuern lassen oder es eine seiner vielen Geschichten war. Denn der bulgarische Künstler ist ein Meister im Geschichtenerzählen. Jetzt zeigt er in seiner ersten Einzelausstellung in der Wiener Galerie Georg Kargl Fine Arts neue „Stories“.
Eigentlich hätte der Titel der Schau ja anders lauten sollen, erzählt er: „Stories with Long Prologues, Rapid Climaxes and Quiet Endings.“ Aber seine Toleranz für prätentiöse Titel sei unerwartet gesunken. Also hat er es auf „Stories“ abgekürzt und bietet den ursprünglichen Titel im Eingang als Wandobjekt mit Buchstaben aus farbigem Stoff zum Kauf an. Solche Wendungen sind typisch für den 1957 in Cherven Briag geborenen Künstler. Denn immer spielen seine eigenen Interessen und auch Ängste in seine Werke hinein. Damals auf der documenta hing auch seine Zeichnungsserie „Fears“ (2007). Auf 99 Blättern waren da kleinen Charaktere mit handgeschriebenen Texten kombiniert. Sie beschrieben verschiedene Ängste, und allen war eines gemeinsam: „Wenn ich eine Geschichte voller Sarkasmus und Humor erzähle, dann gibt es eine Regel, die ich immer befolgen muss: Ich muss auch über mich selbst witzeln,“ sagte er da.

Nedko Solakov, Inside/Outside, 2016. Georg Kargl Fine Arts

Nedko Solakov, Inside/Outside, 2016. Georg Kargl Fine Arts

Dieser Selbstbezug ist auch zentral bei Georg Kargl Fine Arts. Hier allerdings stehen weniger seine Gefühle als scharfe Kunstkommentare im Zentrum. Dafür bedient er sich vieler Medien. „Manchmal verwechseln Besucher meine Schau mit einer Gruppenausstellung, weil ich eine so große Breite in meinem Werk habe,“ erklärte er einmal. Eine Koketterie, denn den ironischen, analytischen, hintergründigen Zeichnungen, Skulpturen und der Malerei gemeinsam ist die hohe Qualität, komplexe Zusammenhänge in Bild und Wort anschaulich zu machen. Eine besondere Technik ist dabei die Wandmalerei. Darin wurde er ausgebildet und darin liegt eine seiner besonderen Stärken. Manchmal zeichnet er winzig kleine Geschichten an fast verborgene Stellen auf die Wände. In der Wiener Galerie dagegen hat er die Landkarte Österreichs mit roter Farbe groß aufgemalt. Daneben steht eine kleine Figuren und sagt: „Kann ich herein kommen? Aber ich habe laut Weiße um mich herum?!“ Die Figur ist rot auf der weißen Wand, aber das wird erst mit dem zweiten Maxl klar: „Nein, ich habe genug von Deiner Farbe um mich herum“, antwortet der Weiße auf der roten Farbe der Landkarte. 16.950,- Euro kostet „Inside/Outside“.
Ist diese Wandmalerei auf die Flüchtlingssituation bezogen? „Ja, in gewisser Weise“, relativiert Solakov. Aber diese Flüchtlinge kommen aus der Schweiz, fügt er hinzu. Womit klar ist: Einseitige Bezüge interessieren ihn nicht. Auch hier schwingt natürlich das Thema der Kunst mit, wenn Farben aufeinandertreffen und Konturen verloren gehen. Deutlicher wird der Bezug in „The Abstract painting (with no frame)“ (50.850,- Euro) – das von einem aufdringlich opulenten, goldenen Rahmen umgeben ist. „Ab und an produziere ich diese glänzenden, komischen Objekte, deren Erscheinung sich dann beim Lesen der Geschichte völlig verkehrt,“ sagt Solokov dazu. Mitten drin ist ein Bild mit einem winzigen, schwarzen Quadrat. Ein abstraktes Bild. Das allerdings hat Beine und will wegrennen. Denn es fühlte sich miserabel, weil es im Internet herausfand, keineswegs originär zu sein. Ein philosophischer Geschichtenerzähler sollte dem Quadrat dann etwas hinzuerfinden, um die Einzigartigkeit herauszuheben – einen Rahmen zu schaffen.

The Abstract Painting (with no frame), 2016. Georg Kargl Fine Arts

The Abstract Painting (with no frame), 2016. Georg Kargl Fine Arts

Die Geschichte rundherum ist zu lang, um sie komplett zu zitieren, zu lang auch für das kleine Bild, weswegen kleine Pfeile uns immer anzeigen, wo der Satz auf dem goldenen Rahmen weitergeht – wunderbar, wie Solakov hier die Überhöhung von banaler Kunst durch absurde Texte zuspitzt!
Eine humorvolle Abrechnung mit der Malerei ist auch „Five Paintings“. Jedes Bild ironisiert die abstrakte Malerei: „Ein Bild bekommt die Grippe und verliert 6,2 % der formalistischen Erscheinung“, sein „inneres Leben wird dafür um 19 % bereichert“, das weiße Bild „fühlt sich ganz originär in der Purheit“ und besonders wild ist: „Ein Konzeptkünstler verlor sich in einer malerischen Fläche und war schnell von einer Quarantäneblase eingeschlossen, damit seine konzeptuellen Vibes das Bild nicht infizieren.“
Solakovs Spitzen gegen Stile und Strategien sind derartig pointiert, dass man es zitieren muss und nichts mehr hinzufügen möchte.
Manchmal erzählen seine Werke aber auch von ihm selbst, etwa die beiden großen Ohren aus Aluminium. Eines hängt verkehrt herum, aber der Text betont, dass hier alles ganz ausbalanciert sei – ein weiterer Schritt in seiner Verarbeitung seiner Stasi-Zeit? Auch wenn das Thema für ihn eigentlich abgeschlossen ist, blitzt es doch hin und wieder auf – und gibt zumindest eine Antwort: Ja, diese Geschichte ist wahr. Denn Solakovs erfindet nichts außerhalb des Tatsächlichen – und dies auch bei so fernliegenden Themen wie Religion: Er fand eine Szene zu Christus´ Geburt, gemalt im Stil russischer Ikonen. Und klebte Sprechblasen mit blasphemischen Kommentaren hinein. Da sagt etwa Maria: „Endlich werde ich das erste Mal Sex mit meinem armen Ehemann Josef haben.“ Eine junge, wassertragende Frau am Bildrand bekennt: „Eigentlich gehöre ich zu einer anderen Religion, aber da ist kein Job zu kriegen“ und das Wasser selbst hofft „vielleicht werde ich eines Tages heilig“. Und das kleine Jesuskind? Es grüßt: „Hi there!“

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