Österreichische Heimatfotografie

27. Feb. 2015 in Kunstmarkt

Rudolf Koppitz, Pflügen am Steilhang, um 1930

Während im Markt für Nachkriegs- und Zeitgenössische Kunst ein Rekord den nächsten jagt, ist es im Feld der Fotografie weitaus ruhiger. Aber auch hier passieren erstaunliche Preissteigerungen, wenn etwa letztes Jahr in der Westlicht-Auktion Rudolf Koppitz „Bewegungsstudie“ (1925) für sensationelle 90.000,- Euro versteigert wurde. Für solche Aktbilder ist Koppitz (1884-1936) bekannt, aber auch für seine Heimatfotografie, die noch kaum auf Auktionen zu finden ist. Denn dieses Genre ist durchaus heikel.

Schutzumschlag W. Angerer, E. Sturmmair, Die Einheit Tirols, Selbstverlag 1946

In den Bildern von alpinen Landschaften und ländlichem Bergleben wird eine Welt präsentiert, die so nie existierte. Das Wiener Photoinstitut Bonartes widmet diesem Thema jetzt eine herausragende Ausstellung: „Heimatfotografie Österreich. Eine politisierte Sicht auf Bauern und Skifahrer“. Dafür konnte das Institut auf Leihgaben, die eigene Sammlung mit umfassenden Nachlässen österreichischer Fotografen zurückgreifen, ergänzt durch gezielte Käufe von Bildbänden in Antiquariaten und Auktionen vor allem aus den 1930er Jahren.

Peter Paul Atuwanger, Die Schnitter, 1921

Der Beginn der Heimatfotografie geht zurück bis in die Romantik. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war ´Heimat´ lediglich ein nüchterner, juristischer Begriff für den Geburtsort. Seit die Dichter daraus einen Sehnsuchtsort machten, steht Heimat für Sicherheit und Vertrautheit, in der Fremdheit und Entfremdung keinen Platz haben. Eine zweite Voraussetzung ist technisch bedingt: Nach 1918 kamen leichte und vergleichsweise einfach zu handhabende Kameras, lichtstarke Objektive und empfindlichere Filme in den Handel. Die Fotografen verließen die Studios, suchten ihre Motive in der Natur. Bald beginnt eine Verklärung des ländlichen Lebens, die in ganz Europa und über mehrere Jahrzehnte stattfindet. In den 1930er Jahren allerdings erlebte die Heimatfotografie eine besondere Blüte, die als Propagandamittel der Nationalsozialisten gezielt in Fotobänden und illustrierten Zeitschriften forciert wurde. Anders als in den anderen Ländern konzentrierten sich in Österreich professionelle und auch Hobby-Fotografen dabei besonders auf die Alpen – warum?

Hans Angerer, Tiros, wie es ist: Berg und Mensch, Dt. Alpenverein 1939

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie galt es, der jungen Republik Österreich eine neue Identität zu geben. Der alpine Raum mit „Felswänden und Schneefeldern eignete sich ideal zur Inszenierung eines von jedem zeitlichen Wandel freigebliebenen Idylls“, erklärt Monika Faber, Leiter von Bonartes. Die Alpen als Inbegriff von Standfestigkeit. Dabei dienen die Alpen als Grundlage eines neuen Nationalgefühls, das auf Tradition beruht und eine ideale Gegenwelt zur modernistischen Stadt darstellt. Eine zentrale Rolle in Österreich spielte der Amateurfotograf Hans Hannau, ein Polizeikommissar, der 1938 nach Florida auswanderte. Er schrieb Anweisungen für die Heimatfotografie und forderte eine strenge Abgrenzung zur Neuen Sachlichkeit, die Bilder sollten ansprechend und „bildmäßig“ sein – ein Konzept, dass auch der Fotograf Hugo Haluschka propagierte. Anders als in Deutschland, wo die Heimatfotografie viel sachlicher ausfiel, suchten die österreichischen Fotografen eine ästhetische Überformung. „Der deutsche Bauer ist viel runzeliger“, fasst Faber die Unterschiede zusammen. Statt deutlich erkennbarer Gesichtszüge inszenierten die Österreicher ihre Bilder sehr bewusst, mit ausgewählten Hüten, Trachten, dramatischem Lichteinfall und Schattenspielen.

Rudolf Koppitz, Passeiertal, um 1930

Nicht das wirkliche Leben, sondern Heimat als idealisiertes Leben galt es zu zeigen. Rudolf Koppitz etwa konnte seine Trachtenaufnahmen nur bei speziellen Veranstaltungen fotografieren, denn die Folklore hatte in den 1930er Jahren schon längst keinen Platz mehr im bäuerlichen Alltag. Armut und Elend wurden weitgehend ausgeblendet, wenn bei Koppitz die Mühe der Arbeit ins Bild kommt, dann als heroische Helden.

Schutzumschlag Simon Moser, Deutsche Bergbauern, Dt Alpenverein 1940

In den Zeitschriften und Bildbänden wird jedoch auch deutlich, dass nicht die Bilder allein bedeutungstragend sind. Entscheidend ist die Verbindung von Text und Bild. Je nach politischem Kontext konnte den Fotografien „die jeweils erwünschte politische Stoßrichtung“ (Faber) gegeben werden. In der Ausstellung sehen wir dies hervorragend in den Fotografien ab den 1930er Jahren von Rudolf Koppitz, Peter Paul Atzwanger, vor allem auch Simon Moser, Stefan Kruckenhauser und Wilhelm Angerer – dessen wunderschöne Schneelandschaften bereits kräftig im Preis gestiegen sind.

Wilhelm Angerer, Gesang der Seligen, 1933-42

Ob Eingemeindung in das Deutsche Reich, Werbung für Urlaub oder Neutralität – die Alpen als Bildmotiv sind geduldig. Von „Gott und Boden“ zu „Blut und Boden“ nennt es Elisabeth Cronin. Die junge US-Amerikanerin schrieb in New York ihre Dissertation über Heimatfotografie in Österreich, erhielt dafür Unterstützung von Monika Faber und gab mit ihrer Arbeit den Anlass für diese Ausstellung. In begleitenden Katalog zitiert Cronin den Fotohistoriker Rolf Sachsse, der von einer „Erziehung zum Wegsehen“ spricht: Die Nationalsozialisten erkannten die Heimatfotografie als ideales Medium, um Konflikte und Krisen vergessen zu lassen. Oft wurden dieselben Fotografien in mehreren Jahrzehnten nacheinander verwendet, „verändert wurde ihr Zusammenhang und ihre Bedeutung“, schreibt Cronin.

Stefan Kruckenhauser, aus: Du schöner Winter in Tirol, Photokino Verlag 1937

Denn auch nach dem Zweiten Weltkrieg helfen die Bilder aus den Bergen wieder, diesmal um die Illusion eines unzerstörten Heimatlandes aufzubauen. Stefan Kruckenhausers „Verborgene Schönheit. Bauwerk und Plastik der Ostmark“ erschien erstmals 1938 und brachte es bis 1964 auf sieben Auflagen. Er hatte sakrale Architekturen und Plastiken mit Blick auf die künstlerische Qualität fotografiert. So konnte der Bildband in jedem politischen System erfreuen, ohne gegen vorherrschende Doktrinen zu verstoßen – zumal Kruckenhauser über alle Kriterien seiner Bildmotive die Idee der Heimat stellte: eine Welt, in der es weder Krieg noch Zerstörung, Armut oder Konflikte gibt – und bis heute ist die Heimatfotografie ein visuelles Leitmotiv für Österreich.

Photoinstitut Bonartes, Seilerstätte 22, bis 8. Mai 2015

veröffentlicht in: Die Presse, 22.2.

Österreich-Pavillon v. Oswald Haerdtl auf der Weltausstellung Paris 1937