Jonathan Meese: Parsifal, Wagner, Hitlergruß

02. Jun. 2017 in Ausstellungen

JONATHAN MEESE. „DE PAKT MIT RICHARD WAGNERZ (Gestattns’: Die Hügeljanerz hebens’ ab…)". Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

JONATHAN MEESE. „DE PAKT MIT RICHARD WAGNERZ (Gestattns’: Die Hügeljanerz hebens’ ab…)“. Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

Gerade eröffnete Jonathan Meese seine große Ausstellung DE PAKT MIT RICHARD WAGNERZ (Gestattns’:Die Hügeljanerz heben’ ab…) in der Wiener Galerie Krinzinger Wien, die parallel zur von Meese inszenierten Oper MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) bei den Wiener Festwochen (Premiere am 4. Juni, weitere Aufführungen am 6. und 8. Juni) und seiner Intervention im Kunsthistorischen Museum Wien (bis 18. Juni) zu sehen ist. Aus diesem Anlass hier ein Text zu Meeses Koketterie mit dem Nationalsozialismus:

Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

Das erste Mal stand Jonathan Meese 2013 in Kassel vor Gericht, angeklagt wegen eines in Deutschland sehr scharf geahndeten Vergehens: Paragraf 86 a des Strafgesetzbuchs, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Anlass war sein zum Hitlergruß erhobener Arm. 2014 wurde wieder gegen Meese ermittelt, diesmal von der Staatsanwaltschaft Mannheim wegen möglicher Volksverhetzung. Der Künstler hatte bei einer Theateraufführung mehrmals den Hitlergruß gezeigt und eine Alien-Puppe mit einem Hakenkreuz beschmiert. 2015 bemühte dann die Staatsanwaltschaft München den Paragrafen.

Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

Courtesy Galerie Krinzinger, Foto Jan Bauer

Jedes Mal wurde der deutsche Maler freigesprochen, oder die Ermittlungen wurden eingestellt. Meese darf also den Hitlergruß auf Fotografien und in Performances zeigen. Schon im August 2014 hatte er in einem FAZ-Interview mit Johanna Adorján gesagt: Der Hitlergruß „gehört zu mir wie rote Farbe“.1
Aber warum ist es dem deutschen Maler derart wichtig, nationalsozialistisch aufgeladenen Symbolen wie Hakenkreuz und Hitlergruß einen so hohen Stellenwert in seinem Werk beizumessen? Ist es ihm ernst? Oder Ironie, Spott? Zunächst einmal muss klar gesagt werden, dass der 1970 geborene Maler keineswegs mit dem Nationalsozialismus kokettiert. Im Gegenteil: Weder seine Bilder noch seine Performances oder Texte propagieren irgendeine konkrete politische Ideologie. Im Gegenteil: Es sind übersteigerte Forderungen nach einer vagen „Diktatur der Kunst“. Noch weniger interessiert der Nationalsozialismus Meese als Privatperson. Häufig schon betonte Meese, den Hitlergruß nicht als „mickriger Privatmensch“, sondern als Bühnenperson zu entbieten. Privat ist Meese ein netter Kerl, der selten auf Partys geht, kaum Alkohol trinkt und bei Eröffnungen gerne seine Mutter an seiner Seite hat. Ist es also eine rein theatralische Provokation? Nach seinem Rauswurf als Bayreuther Parsifal-Regisseur Ende 2014 sagte er, auf dem Grünen Hügel habe es seit 1945 keine starke Performance mehr gegeben, und behauptete: „Die letzte starke Inszenierung war Hitler.“ Geht das nicht doch ein wenig zu weit?
03_krinzinger_jonathan_meese_ausstellungsansichtAm 26.7.2015 beschrieb Meese in einem fünfunddreißigseitigen Pamphlet Katharina Wagners Kunstlosigkeiten und von seiner Enttäuschung über die aktuelle Bayreuth-Aufführung. Es ist Seite für Seite als Faksimile auf seiner Website zu lesen. Geschrieben in seinem „Hauptquartier in Berlin“, spricht er darin von „Kunst ist Führung“, denn nur mit „K.U.N.S.T.“ sei das „Weichspülbayreuth“ zu retten. Meese verehrt Richard Wagner, sieht darin jene künstlerische Radikalität, die er auch in seinem eigenen Werk sucht. Wagners Parsifal ist für ihn „die Figur des Künstlers. Also Jonathan Meese. Parsifal vernichtet alle Ideologien, alle Menschenmacht, alle Gottesmacht, alle Ideologie. Er führt die Welt in eine neue Zeit und verwirklicht die Diktatur der Kunst“, erklärt er im Interview im November 2014 mit Lucas Wiegelmann in der Welt.3 Schon länger spricht er von der „Diktatur der Kunst“: „Nur die ‚Diktatur der Kunst‘ erzeugt Zukunft, nur Kunst ist ohne Ideologie, ohne Falsch, ohne Arg und ohne Nostalgie“, verlas er 2012 aus seinem Manifest.4 Bayreuth in seiner heutigen Form dagegen steht für ihn für Harmlosigkeit. Das „Reich (Erzreich) der Radikalität“ ist identisch mit dem „Reich der Kunst“: „In der Kunst legt sich der Sturm niemals. In der K.U.N.S.T. ist immer Orkanstärke 13“, „Kunst entmachtet jede Harmlosigkeit“ (Pamphlet).
01_krinzinger_jonathan_meese_ausstellungsansichtBei aller Naivität sind Meeses Texte eine interessante Variante zu jenen in der Moderne beliebten Künstlermanifesten, die voller Radikalität eine neue Geisteshaltung ankündigten, vom Futurismus über Dada bis zum Surrealismus. Manche kokettierten dabei durchaus mit politischen Realitäten, aber niemand bediente sich derart distanzlos einer politisch bereits etablierten – und diskreditierten – Sprache wie Meese. Gerne schreibt der Maler von der „Staatsherrschaft Kunst“, spricht von „haltungslosem Gesindel“ und wiederholt immer wieder: „Es geht um die Machtergreifung, Machtschenkung, K.U.N.S.T.“. Er verspricht: „Kunst ist das Regierungssystem der Zukunft“, „Kunst verbietet jedes Einigkeitsgeschwafel“ (Pamphlet), und benennt den Hitlergruß in „Meesegruß“ um.
Aber wenn Meese die Kunst vor Banalisierung und Harmlosigkeit schützen will, warum bemüht er dann ausgerechnet Worte und Gesten jener Ideologie, die radikale Kunst als „entartet“ bezeichnete? In dem bereits zitierten FAZ-Interview erklärt er: „Wenn man eben die harten Themen und harten Symbole sucht, dann kommt man da nicht dran vorbei.“ – „Es muss radikal sein. Ich kann mich nur an Radikalität abarbeiten. Radikal schön oder radikal üppig oder radikal furchtbar oder radikal böse oder radikal gut oder radikal irgendwas. Mit optimiertem Mittelmaß kann ich mich nicht beschäftigen.“
Radikal waren in Deutschland im 20. Jahrhundert zwei höchst gegensätzliche Bewegungen: die künstlerischen Avantgarden und der Nationalsozialismus. Beides flicht Meese zu einem dicken Zopf zusammen, an dem er die Kunst aus dem Sumpf der Harmlosigkeit ziehen will – in erster Linie wohl sein eigenes Werk. Denn seine künstlerischen Bezugnahmen auf deutsche Mythologien, Heldenepen vermischt mit Populärkultur, erzählen von allem anderen als von Radikalität oder gar Zukunft – es sind pure Rückgriffe in die Mottenkiste der Geschichte. Daher sucht Meese verfemte Helden, Figuren, Symbole und Gesten, um sie dann lauthals umzudeuten: Was böse aussieht, wird dank der künstlerischen Verarbeitung wahr, total, rein – was immer das bedeuten mag. Es funktioniert als Weg, Wichtigkeit zu behaupten, da Belastetes neutralisiert wird – wenn es denn aufgeht. Von Provokation, Ironie oder Spott keine Spur. Diese Methode ist Meese sehr ernst – und damit auch die von ihm gewählten Performance-Mittel, der Hitlergruß, das laute Reden, der fast wahnsinnige Blick, die Drohgebärde: „Meeses Parsifalgarantie: In Bayreuth wird bald nichts mehr seinen ‚sozialistischen Gang‘ gehen, basta und fertig“ (Pamphlet).
Ursprünglich hatte Meese für Bayreuth viel von seiner Malerei auf Vorhängen, Gerüsten, Objekten vorgesehen. Manche Ideen trägt er jetzt in andere Ausstellungen, manche leben weiter in seinen Bildern. Hier liegt dann die wirkliche Ironie: Denn all die polternden Auftritte und sein Anspruch, alles zu „entheiligen“ und unter das Diktat der Kunst zu stellen, führen letztendlich zu nichts anderem als zu stetig steigenden Kunstmarktpreisen für seine Bilder.

veröffentlicht in: Kunstforum, Bd. 236, Okt.-Nov. 2015

1 Johanna Adorján, Radikal schön oder radikal irgendwas, Interview mit Jonathan Meese, in: FAZ, 30.08.2014, online unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/interview-mit-jonathan-meese-radikal-schoen-oder-radikal-irgendwas-13126872.html (Abruf: 20.08.2015).
2 http://www.jonathanmeese.com/ (Abruf: 20.8.2015).
3 Lucas Wiegelmann, „Die Gralsritter, das sind ja Penner“, Interview mit Jonathan Meese, in: Die Welt, 24.11.2014, online unter: http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article134660626/Die-Gralsritter-das-sind-ja-Penner.html (Abruf: 20.8.2015).
4 Verfasst anlässlich eines SPIEGEL-Gesprächs mit Jonathan Meese und Kasseler Studierenden an der Universität Kassel am 4.6.2012, Faksimile online unter: http://www.spiegel.de/media/media-28865.pdf (Abruf: 20.8.2015).

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