Pearl Lam, Shanghai

02. Okt. 2011 in Reisen

Pearl Lam, Shanghai, Mai 2010

Maximale Kontraste

Pearl Lam – Grande Dame Shanghais

APARTMENTHAUS 41

Weniger ist mehr – diese Devise gilt ganz offensichtlich nicht für Pearl Lam. Wellenförmige weiße Wand- und Deckenüberbauten verbergen die Türen und verwandeln das große Loft in eine geheimnisvolle Höhle. Das Sofa mit einem Muster aus Zeitschriftenseiten von Mattia Bonetti und die Löffel-ähnlichen Stühle von Zhang Qingfang, das verschlungene Love-Sofa von Mark Brazier-Jones und die schwarzen Kugelsessel von Eero Aarnio, dazu die Mengen von kleinen Figuren auf den Tischen, die glänzende Steinskulptur aus Stahl von Zhan Wang im Eingang, der üppig gedeckte Tisch mit 66 goldenen Stühlen, darauf Kerzenleuchter mit dekorativ-schiefen Kerzen und für jeden Gast weiße Porzellanhände von Peter Ting als Tellerhalter auf Sets aus Pfauenfedern – in diesem Apartment kommen die Augen nicht zur Ruhe.

Unterteilt ist das Loft durch ornamentale Zwischenwände aus Aluminium von Danny Lane, der lange Tisch ist eingerahmt von einer freistehenden, massiven, eisernen Tür und einem beeindruckend detailreichen, antiken Schrank aus Japan. Auch die Brunnen auf den Balkonen an beiden Enden des Apartments mit einem grandiosen Blick über Shanghai sind von Lane. Gut 900 Quadratmeter groß ist die Residenz der Grand Dame von Shanghai, die in der einen Hälfte ihre Privaträume bewohnt und in dieser anderen ihre legendären Dinnerparties abhält. Und jeder Zentimeter hier ist geprägt von Pearl Lams Gestaltungswillen.

Lam ist Sammlerin, Galeristin und Designerin in einer Person. Geboren in Shanghai als Tochter des erfolgreichen Geschäftsmannes Lim Por-yen und seiner dritten Frau, der Bauunternehmerin Koo Siu-ying, wuchs sie in Hong Kong, den USA und London auf. Im Auftrag ihrer Mutter siedelte sie 1992 nach Shanghai, um den Bau des Appartmentshauses 41 im Xuhui Destrikt an der Hung Shan Road zu überwachen, in dem sie auf der 18.Etage ihre Sammlung ausstellt und in der 23.Etage lebt. Architekt ist der Engländer Patrice Butler, dessen Stil einmal als „industrial baroque“ beschrieben wurde. Dieser spannende Widerspruch passt perfekt zu Pearl Lams exaltiert-maximalistischem Universum.

Balkon

SHANGHAI ART DECO

Schon bald nach ihrer Ankunft in Shanghai interessierte sie sich für die Möbel ihres Heimatlandes und entdeckte die Besonderheiten des „Shanghai Art Deco“. In diesem Stils der 1920er und 1930er Jahre vermischen sich europäische Art Deco-Elemente mit traditionellem chinesischen Design und Materialien – ein Grundprinzip, dem Lam in ihrer Ästhetik bis heute folgt. Voller Faszination über diese Fusion von West und Ost eröffnete sie noch 1992 ihre Galerie. 1999 begründet sie dann die „XYZ Design Group“. Keines der vier Mitglieder hat eine Design-Ausbildung. Ihre Produktpalette umfasst Lampen, Tische und Stühle, alle in einem wilden Materialmix experimentell-opulent. Eines der Mitglieder ist Pearl Lam selbst – auch wenn es heute ihre Zeit immer seltener zulässt, aktiv zu gestalten. Das gesamte Tischarrangement in ihrem Loft beispielsweise hat sie selbst entworfen: „Ich wollte immer einen lang Tisch, aber nach sechs Monaten gab es noch keinen Entwurf. Also habe ich es selbst gemacht,“ erklärt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Wie in ihrem Apartment und im Programm ihrer Galerie basieren auch diese Entwürfe auf dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen.

CONTRASTS GALLERY

„Contrasts Gallery“ – der Name ist Programm: „Her philosophy is to celebrate and exaggerate differencies,“ wie es im Profil der Galerie heißt. Ihre Mission: der Aufbau einer „chinesisch zentrierten Renaissance“, ein „post-revolutionary environment in which artistic language is the communication mode that integrates global divergences and differences.“

Hinter diesen großen Worten, verfasst für den Internetauftritt der Galerie, steht Lams felsenfeste Überzeugung, dass unsere westliche Hierarchie zwischen Kunst und Design falsch ist. „In China gibt es nicht einmal das Wort ´Design´. In früheren Zeiten waren die Künstler in allen Disziplinen geübt. Heute ist zwar auch hier eine Spezialisierung entstanden, aber es bleibt ein zentraler Unterschied in der Herangehensweise: Im Westen ist Industrial Design eine Industrie mit maschineller Fertigung, von der erwartet wird, das neueste Material und die neueste Technologie zu benutzen – auch, um die Führungsrolle der Nation widerzuspiegeln. In China dagegen basiert Design genauso wie Kunst auf Handarbeit – denn hier sind Hände billiger als Maschinen. Das gibt einerseits eine hohe Freiheit, aber auf dem internationalen Parkett limitiert es andererseits die Chancen des chinesischen Designs – ich spreche oft mit dem Centre Pompidou über diese Ungerechtigkeit.“

In ihrer Galerie unterscheidet sie zwischen „functional art artists“ und „non functional art artists“. Patrice Butlers weiße Objekte gehören zur ersten, Shao Fan´s in freischwebende Einzelteile zerlegten Stühle zur zweiten Kategorie. Shao kombiniert Möbelelemente mit zeitgenössischen Themen und Materialien, etwa der Ming-Epoche, um ein Bild für den explodieren Kunstmarkt in China Anfang des 21.Jahrtausends zu schaffen. Ein anderer Künstler ihrer Galerie, den sie ebenfalls in ihrer Sammlung im Haus 41 zeigt, ist Qiu Anxiong, der mit seinen Animationsfilmen berühmt wurde und in seinen Werken immer wieder sozialkritische Parallelen zwischen historischen und zeitgenössischen Situationen findet.

Die Kontraste zwischen diesen Werken können tatsächlich größer kaum sein, aber in Lams weitem Weltbild finden die verschiedenen Werke zusammen, denn ob aus dem Westen oder aus China – all ihre Künstler beziehen in der einen oder anderen Weise explizit Traditionen ein.

MAXIMALISM

Manche der Werke erscheinen uns exaltiert bis kitschig, andere minimalistisch. Keine dieser Kategorien trifft dabei den Punkt. Im Gegenteil – es spiegelt den Graben, der das Verständnis chinesischer Kunst erschwert. Und genau diese Missverständnisse sind ein Leitmotiv von Lams Galerie-Arbeit. Ihre aktuelle Ausstellung in der Middle Jiangxi Road trägt den Untertitel „Maximalism“. Zu sehen aber sind minimalistische Werke. Kurator ist der bekannte Künstler Gao Minglu, der 1998 in New York in der Asia Society und im PS1 mit der Ausstellung „Inside Out“ chinesische Kunst in den USA bekannt machte. Für die Contrasts Gallery hat Gao vier chinesische Künstler ausgewählt: Zhang Yu trägt auf lange, transparente Plastikbahnen tausende seiner Fingerabdrücken auf, abstrakte Formen jetzt, die keinerlei Bedeutung mehr haben, sondern ausschließlich ob ihrer Schönheit auffallen. Auf anderen Bahnen sind Spuren von Regentropfen zu sehen – „Every touch is a dialogue with nature“, schreib Gao. Ein Jahr lang verkochte He Xiangyu tausende Liter Coca Cola zu einer schwarzen Masse zusammen, um damit dann traditionelle Tuschezeichnungen auf Seide zu malen – ein Massenprodukt in eine individuelle Äußerung übersetzend. Zhu Jinshi, der weißes Reispapier in einen Container voller schwarzer Tinte stapelt und einen Prozess initiiert, der zum langsamen Einfärben des Papiers führt. Im Untergeschoß liegen 20.000 ineinander gedrehte, weiße Reispapiere mit schwarzer Tinte aufgeschichtet auf dem Boden, einer Mauer ähnlich, aber voller Leichtigkeit und Reinheit. Kombiniert damit sind die faszinierenden, auf das Äußerste reduzierten Bilder von Lei Hong, weiße und schwarze Quadrate auf brauner Fläche beispielsweise, die so schöne Titel tragen wie „After the emptiness“. Bei aller Abstraktion erzählen diese Bilder von Erlebnissen und Eindrücken wie „Lonely smoke in the great desert“ oder „Line of flying wild geese“.

Zhu Jinshi

Minglu zeigt uns hier einen chinesischen Minimalismus, der nicht wie bei Donald Judd oder Carl Andre als Befreiungsschlag von Assoziationen und menschlichen Relationen heraus entsteht, sondern gerade im Gegenteil tief in Emotionen und alltäglichen Erfahrungen verwurzelt ist. „Diese Ausstellung lässt uns die großen Unterschiede zwischen der minimalistischen Kunst im Westen und in China sehen,“ erklärt Lam im Gespräch. „In früheren Zeiten war Kunst in China keine Verkaufsware, sondern diente der Konzentration und Charakterbildung. Immer wieder malte man die immer gleichen kalligraphischen Zeichen, Tag für Tag. Damit sollte das Herz und der Geist gestärkt werden, um Toleranz, Geduld und Stärke zu entwickeln. In dieser Tradition stehen auch die Werke dieser Ausstellung. Im Westen dagegen sieht man darin nur schlicht eine Abstraktion oder ein Konzept.“

Lange, erzählt sie, lehnte sie die Kalligraphie ab. „Als ich jung war, musste ich auch jeden Tag die Tuschemalerei praktizieren – ich war hyperaktiv und das sollte mich ruhiger werden lassen.“ In den letzten drei Jahren aber hat sie eine neue Begeisterung für die Tuschemalerei entwickelt. Auf der diesjährigen SFJAF (Shanghai Fine Jewellery and Art Fair) zeigte sie Wang Dong Ling, der auch Direktor des Modern Kalligraphy Research Centre of China Academy of Art in Hangzhou ist. Seine bis zu 2 Meter großen Bilder tragen so assoziationsreiche Titel wie „Poem of Gong Dingan“ oder „Moonlight in Lotus Pool“. Auch hier sind es gerade die Assoziationen, die die Faszination der Kalligraphien ausmachen.

KUNST IST KOMMUNIKATION

Bei aller Begeisterung für die chinesische Kunst konzentriert sich Lam aber nicht nur auf diese eine Kultur, sondern mischt in ihrer Sammlung, ihrem Loft und ihrer Galerie Ost und West-Künstler. Vielleicht deshalb kommt sie immer wieder auf die zentralen Missverständnisse zu sprechen: „Unsere Wurzeln, aber auch unsere Wirklichkeit ist so anders als im Westen. Kultur hier hieß zum Beispiel seit Anfang des 20. Jahrhundert Kollaps, denn mit der Kolonialisierung brach unsere Jahrhunderte alte Kultur zusammen. Heute ändert sich das, und in dieser Situation können wir wieder auf vergangene Epochen zurückschauen, Neues aus unserer Geschichte entwickeln und müssen nicht blindlings dem Design-Begriff des Westens folgen. Unsere Definition von Kunst ist sehr liberal. Wir spielen die Künste nicht gegeneinander aus und degradieren nicht die dekorativen Künste. Wahre Künstler oder Designer kennen keine Grenzen, keine Hierarchien, keine Diskriminierung. Kunst ist Kommunikation, und das kann ein Möbelstück, eine Skulptur, Kalligraphie oder Architektur sein,“ erklärt sie voller Überzeugung. Mittlerweile verfügt Lam über insgesamt sieben Galerien in Shanghai, Peking und Hong Kong – ihr maximaler Minimalismus trifft ganz offensichtlich den
Geist unserer Zeit.

veröffentlicht in: Weltkunst 2011