Pierre Bismuth in der Kunsthalle Wien

09. Feb. 2015 in Ausstellungen

Pierre Bismuth, The Jungle Book Project // Foto Stephan Wykoff

Es ist eines der beliebtesten Kinderbücher: die Geschichte von dem kleinen Jungen Mogli, der in friedlicher Eintracht mit allen Tieren im Urwald lebt. Der französische Künstler Pierre Bismuth kreierte aus dem „Dschungelbuch“ eine Meta-Geschichte: Jeder Charakter spricht in einer eigenen Sprache, der Elefant etwa in deutsch: „Ich vergesse nie etwas“ – ein erfrischendes Spiel mit nationalen Klischees und Stereotypen, ein friedlicher Babel-Dschungel.

// Christine König Galerie, Wien

2002 zeigte der 1963 geborene Künstler sein Video auf der Manifesta 2 in Frankfurt. Seither habe ich seine Werke immer wieder in internationalen Ausstellungen und auch in der Wiener Galerie Christine König gesehen – und jedes Mal war es eine Überraschung. Denn in Bismuths Werk ist kein roter Faden in den Themen, Materialien oder Medien zu finden. Sicherlich, es gibt wiederkehrende Elemente wie Urheberrechtsverletzung, die auch auf das Dschungelbuch zutrifft. Eigentlich sind solche Aneignungen rechtlich nicht erlaubt. Oder erlaubte Aneignungen wie die Zertifikate: Berühmte Künstler wie Daniel Buren unterschreiben darauf die Aussage, dass dieses Zertifikat eben keine Arbeit des Unterzeichners sei. Aber dann zeigte Bismuth plötzlich eine Holzwand mit großen Löchern, zog nackten Fotomodellen Bikinis aus Spiegeln an oder verfolgte die Handbewegungen von Filmstars auf einer Folie, die er auf den Bildschirm legt. Das Ergebnis sind irritierende Kritzelzeichnungen. Sogar ein großes Bild malte er.

Foto Stephan Wykoff

Jetzt findet erstmals eine große Personale des Künstlers mit mehr als sechzig Werken seit 1988 statt – wie kann ein derartig facettenreiches Oeuvre auf einen Nenner, in eine Geschichte gelenkt werden? Der Titel gibt eine klare Antwort: Gar nicht. Denn Bismuth entschied sich für drei Lesarten seines Werkes und lud dafür drei Männer ein: einen Kurator, einen Rechtsanwalt, einen Psychoanalytiker. Ein Kurator: klare Sache, einer muss die Ausstellung begleiten und die Präsentation im Raum festlegen (Luca Lo Pinto). Ein Rechtsanwalt? Immer wieder hat Bismuth mit copy right-Fragen zu tun und ein Anwalt beantwortete die juristische Unsicherheit mit einer derartig beeindruckenden Betrachtung, dass Bismuth ihn gleich einlud (Laurent Caretto). Der Psychoanalytiker (Angel Enciso) geht auf eine frühere Performance zurück, als Bismuth eine siebenstündige Couchsitzung vor Publikum abhielt. Analysiert wurde dabei nicht seine Person, sondern sein Werk. Erhielt er unerwartete Einsichten? Nein, erklärt er im Gespräch mit Die Presse, aber er sah überraschende Verbindungen zwischen seinen Werken. Vor allem aber wollte er mit dem Anwalt und dem Psychoanalytiker zwei Sichtweisen einbinden, die nicht wie der Kurator das Werk, sondern sich selbst in den Mittelpunkt setzen. Liest man die Werkerklärungen der beiden, ist das auch gelungen. Aber bestand dabei nicht die Gefahr, dass die Ausstellung völlig aus dem Ruder lief, die Werke kaum nebeneinander zur Wirkung kommen? Tatsächlich habe er Anfangs Sorge gehabt: „Ich kann nichts kontrollieren – wird es ein einziges Chaos geben?“, fragte er sich. Aber so ganz losgelöst lief es ohnehin nicht: Erstens hat der Kurator die drei ausgewählten Blöcke vermischt. Und zweitens hat Bismuth die Hängung mitbestimmt, wenn er etwa die leeren, zurückgesetzten Wände der ehemaligen oberen Halbstockwerke mit Namen beschreibt: Tim Eitel, Candice Breitz, Catherine Sullivan – vor neun Jahren hatte er Kunstberater gebeten, ihm eine Liste wichtiger KünstlerInnen zu geben. Ein Zeitbild des Kunstmarkts, perfekt über der gesamten Ausstellung schwebend.

Foto Stephan Wykoff

Und drittens hat er eine neue Arbeit eigens für die Kunsthalle angefertigt: Mitten in der großen Halle liegen kleine Haufen, die wie die weitgehend unverdauten Ausscheidungen von Nudeln aussehen. Daneben irritiert eine schnöde Maschine. Sie dient der Formgebung von Kunststoff. Davor liegen Säcke mit Polyethylen und mit Pulver für Hähnchen-Geschmack. Beides sind weiße Substanzen.

Fried Chicken Flavored Polyethylene, 2015. Foto David Avazzadeh

Da die Mischung in der Maschine auf 200 Grad erhitzt wird, brennt das Geschmackspulver in das Plastik ein – und alles wird eine kackbraune Masse. Eine faszinierende Methode zur Herstellung von Skulpturen, aber wo ist bei all dem der rote Faden? Ein Werk gibt uns die Antwort: Aus einer US-amerikanischen Fahne faltete Bismuth eine Box und betitelt es „One Thing Made of Another, One Thing Used as Another“, eine „Origami Box“ frei nach dem Zitat von Jasper Johns, dem Maler der Flaggenbilder.

Courtesy Pierre Bismuth und Jan Mot, Brüssel

In dieser Arbeit findet man all das gebündelt, was Bismuths Werk und auch diese beeindruckende Ausstellung so schön und verwirrend macht: Es ist eine babylonische Stilvermischung im Kunstdschungel, in dem die Werke wie die Charaktere im Dschungelbuch lauter verschiedene Sprachen sprechen oder doch in einer Geschichte zusammenkommen.

Pierre Bismuth, Der Kurator, der Anwalt und der Psychoanalytiker. Kunsthalle Wien bis 22.3.2015

veröffentlicht in: Die Presse, 4.2.2015