Schauplatz Kornberg, Kunstraum Lakeside, Politische Landschaft

14. Jul. 2015 in Ausstellungen, Kunstmarkt

Tue Greenfort

Zeitgenössische Kunst hat Hochkonjunktur. Führt das nur zu Rekordpreisen und Besucherrekorden oder kommt das enorme Interesse auch der Kunst zugute? Drei Sommerausstellungen in Österreich beweisen: Es bereichert die Vielfalt.

Foto Walter Löscher

 Lange galt Kunst als elitär und das wenige Publikum interessierte sich hauptsächlich für Museales. Aktuelles wurde kaum verstanden und daher abgelehnt, man schätzte nur, was längst etabliert war. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergrößerte sich der Graben endgültig, denn die Jungen brachen programmatisch mit den Traditionen und Techniken ihrer Väter – das Unverständnis der Bürger nahmen sie als Qualitätsmerkmal.

Wie sehr hat sich die Situation mittlerweile geändert! Immer mehr Menschen interessieren sich für Kunst – und zwar vor allem für Zeitgenössisches. Noch nie besuchten derartig viele Menschen die Museen, die fast durchwegs auch aktuelle Kunst vermitteln. Immer mehr Kunstmessen werden gegründet und selbst Antiquitätenmessen holen sich Zeitgenössisches ins Haus. Immer mehr Städte schmücken sich mit Kunstprojekten, immer mehr Private gründen Museen und Firmen unterhalten eigene Kunsthallen. Ist die Kunst populärer geworden oder das Publikum offener? Wer profitiert von dieser Veränderung?

 

In Klagenfurt leistet sich der Technologiepark ´Lakeside´ einen eigenen Kunstraum. Noch vor der Fertigstellung aller Gebäude startete 2005 der „Kunstraum Lakeside“. Von dem Künstler Josef Dabernig als Ausstellungs-, Projekt- und Veranstaltungsraum gestaltet, sind die sehr eingeschränkten Öffnungszeiten auf die Menschen in dem Areal zugeschnitten, denn nach Feierabend kommt niemand mehr her. Muss der Kunstraum auf diesen Kontext, auf das spezielle Publikum Rücksicht nehmen? Im Gegenteil: Ein Blick in das Archiv zeigt, dass hier seit Beginn ein radikales Programm stattfindet, dass Themen wie „Grenzen der Arbeit“, „Wirtschaftsparadiese“ oder „Zukunft“ in Ausstellungen und Diskussionen anbot.

Kunstraum Lakeside

Jetzt eröffnete gerade „So wilde Freiheit war noch nie. Für Christine Lavant“ – ein „Geschenk an die Schriftstellerin“, wie es Kuratorin Hemma Schmutz nennt. Die Ausstellung ist zwar eine Hommage an die berühmteste Dichterin Kärntens, aber eine durchaus kritische.

Werner Berg, Maske Christine Lavant, 1951Künstlerischer Nachlass Werner Berg

Geboren 1915 im Lavanttal, 1973 in Wolfsberg gestorben, zeichnete die Dichterin ein Bild großer Zurückgezogenheit von sich selbst. Schmutz betont mit ihrer Ausstellung, dass Lavant durchaus im Kontakt zu Kollegen ihrer Zeit stand, zu Maria Bussmann, Gerhard Rühm und natürlich Werner Berg, der mit seinem Holzschnitt ein trauriges Lavant-Portrait zeichnete. Einige Jüngere schufen eigens Werke für die Ausstellung wie Markus Proscheks „Adaption“: schwarze Reitstiefel, über einen ist ein dicker Strumpf gezogen – Lavant strickte für ihren Lebensunterhalt, zugleich ist es eine Anspielung an Lavants Freundin Ingeborg Teuffenbach, die in ihrer Jugend „euphorische Nazi-Gedicht schrieb“ (Schmutz).

 

Fotos Johannes Puch

Der „Kunstraum Lakeside“ ist zwar zu Dreiviertel privat finanziert, kann aber gänzlich frei agieren – freier sogar als ein Museum, denn um Besucherzahlen geht es hier nicht. Eine ähnliche Freiheit hat auch „Schauplatz Kornberg“. 2013 gründeten Michaela Leutzendorff-Pakesch und Elfie Semotan zusammen mit Schlossbesitzer Andreas Bardeau den steirischen Kulturverein Meierhof Kornberg.

Meierhof Kornberg

Der zum Schloss gehörende Meierhof war in den 1930er Jahren verkauft worden, diente zuletzt als Hühnerlege-Batterie, konnte dann von dem Schlossherren zugekauft werden und ist jetzt ein Ort „für Ideen, Initiativen und Projekte zum weitgefassten Thema Landwirtschaft“ (Pressetext). Heuer wurde zur Sommereröffnung der dänische Künstler Tue Greenfort eingeladen. Er entwarf zusammen mit Mathis Esterhazy ein elegantes Gewächshaus, um das Zusammenleben von Pflanzen und Pilzen zu untersuchen. Jetzt steht mitten auf der eigens angelegten „schmetterlings- und bienenfreundlichen“ Streuobstwiese eine eleganten Hütte aus Glas, Lehm, einer Wand aus Buchenstämmen und einem kleinen Kellerloch. Greenfort hat hier drei Kleinklimazonen angelegt, in denen auf den Stämmen und in speziellen Bodenmischungen Burgundertrüffel, Shiitake- und Stockschwämmchen wachsen sollen. „Wenn das Experiment gelingt, werden Austernseitlinge auf der Wand aus Buchenstämmen wachsen und die Pilze könnten beginnen, die Wand im Verlauf mehrerer Jahre aufzufressen,“ erklärt Kuratorin Leutzendorff-Pakesch. Ein „ökologisches, ein philosophisches oder ein utopisches Projekt, aber auch eine Form der Heilung“ nennt sie es.

 

Das Projekt ist vollständig von ´Kunst im Öffentlichen Raum Steiermark´ finanziert, die auch die ambitionierte, von der Künstlerin Eva Grubinger konzipierte Ausstellung „Politische Landschaft. Kunst, Widerstand, Salzkammergut“ unterstützen. Ein Teil findet im Tal, ein anderer im Hochgebirge, ein dritter im Kunsthaus Graz statt. Am 12. Und am 18.7. wird eine Bergwanderung angeboten. Sechs international renommierte KünstlerInnen thematisieren in ihren Beiträgen die politische Geschichte dieser Region. Dass solch eine herausfordernde Ausstellung finanziert wird zeigt deutlich das gewandelte Interesse des Publikums: Kunst dient keineswegs nur als Dekoration oder Investition, wie es der Kunstmarkt manchmal nahelegen könnte. Kunst wird als Möglichkeit wahrgenommen, spezifische Aspekte des Lebens aus ungewohnten Perspektiven wahrzunehmen. Der ehemals tiefe Graben zwischen Publikum und Kunst wird überwunden, indem hier Landschaft nicht zum Motiv malerischer Fragestellungen, sondern konkreter historischer Ereignisse und einer kollektiven Erinnerung wird. Kunst ist in solchen Projekten keine Ware, es ist ein Weg für Veränderungen.

 

Das gilt ebenso für die facettenreiche Hommage an die Dichterin Lavant im Kunstraum Lakeside und ganz besonders für Greenforts Hütte in Kornberg. Er präsentiert dort eine Weltsicht, die nicht auf einseitigem Nutzen, sondern auf symbiotischem Leben basiert. Mykorrhiza wird das Phänomen in der Biologie genannt: ein Pilz lebt in dem Feinwurzelsystem einer Pflanze, liefert der Pflanze Nährsalze und Wasser und erhält dafür von der Pflanze wichtige Stoffe. Vielleicht kann Mykorrhiza ja als Metapher dienen, um die Veränderungen zwischen Kunst und Publikum zu beschreiben: Keiner profitiert einseitig von dem zunehmenden Interesse, auf beiden Seiten wird der Lebensraum bereichert. Das Problem allerdings: Nicht immer klappt der Austausch zum beidseitigen Vorteil – Symbiosen sind anfällig für Ausbeuter und Täuscher. Aber das findet auf einem anderen Parkett statt.

 veröffentlicht in: Die Presse, 12.7.2015