7. Sharjah Biennale 2005

19. Apr. 2005 in Biennalen

 

Sharjah, 2005

Zwischen Venedig und Sao Paulo: 7. Sharjah Biennale 2005

 Eigentlich ist hier Wüste. Aber mit ihren immensen Erdöl- und Erdgasgeldern lassen die ehemaligen Beduinen, Fischer und Seeräuber in atemberaubender Geschwindigkeit ein Hochhaus nach dem anderen bauen. So haben die sieben Vereinigten Emirate seit ihrer Unabhängigkeit 1972 mit künstlich angelegten Lagunen, Unmengen gepflanzter Petunien und Palmen, Shopping-Malls ohne Ende und Luxushotels der allerhöchsten Klasse ihr Land in ein florierendes Touristenparadies verwandelt. Dieser Wirtschaftszweig begann in den frühen 80ern im drittgrößten Emirat, in Sharjah. Aber die Einführung des strengen Alkoholverbots führte zum abrupten Ende.

Heute gilt das Verbot nur noch in Sharjah und das Nachbaremirat Dubai ist zum neuen Touristenmekka avanciert. Sharjah dagegen entwickelt sich zum kulturellen Zentrum der Förderation. Der Herrscher Sharjahs, H.H. Sheikh Dr. Sultan Bin Mohammad Al Qasimi, ließ 1969 ein gut 100 Jahre altes Fort rekonstruieren und legte damit damals den Grundstein für Sharjahs Position als kulturelles Zentrum der Emirate. Heute punktet Sharjah mit 32 Museen, für die frühe arabische Stadtarchitektur rekonstruiert und neu aufgebaut wird. Neben dem Blick auf die eigene Kultur, die mit Fotografien aus den 30er Jahren, aus der Zeit der britischen Besatzung, stammen, unterstützt der Scheich aber auch die zeitgenössische Kunst. 1993 gegründet, findet hier die internationale Sharjah Biennale statt. Während Anfangs lokale und ´klassische´ Kunst gezeigt wurde, hat die junge Tochter des Scheichs die Biennale 2003 erstmals auf internationales Niveau gebracht.

 H.H. Sheikha Hoor Al-Qasimi, die in London Kunstgeschichte studierte, lud dieses Jahr den palästinensischen Kurator – mit US-amerikanischem Pass – Jack Persekian ein, der wiederum den kanadischen Künstler Ken Lum und den jungen Schweizer Kurator Tirdad Zolghadr in sein Team holte. Persekian, Direktor der Anadiel Gallery in Jerusalem und Berater des palästinensischen Kulturministers, bestimmte das Biennale-Thema: „Belonging“ – where do I belong? Dislokation, Diaspora, Emigration, Dazugehörigkeit bzw. Ausgeschlossensein – Aspekte, die von vielen der 69 KünstlerInnen, oft im dokumentarischen Stil, aufgegriffen sind.

 So erzählen in den Videoprojektionen des Italieners Mario Rizzi oder des Kanadiers Jayce Salloum verschiedene Personen ihre oft traumatischen, meist symptomatischen Einzelschicksale. Solvey Dufours befragt in seinem Video Dänen, warum sie Palästina mit einem Benefiz-Dinner unterstützt haben – als Zeitschriftreportage wahrscheinlich effektiver denn als  Black Box-Video. Maja Bajevic fotografiert Häuser und Strassen in Sarajevo, zunächst harmlos voller Weihnachtsbeleuchtung, die allerdings gleichzeitig von Kriegsschäden erzählen – wenn man es weiß.

Maja Bajevic

Neben all den, bisweilen formal und inhaltlich oft simplen Bestandsaufnahmen gehen aber auch einige Beiträge einen entschiedenen Schritt weiter. So greift die Australierin Tracey Moffat in ihren großartigen, knallbunten, fast übertrieben kitschig-plakativen Bild-Arrangements Klischees über Aborginees aus Comics und „outback“-Spielfilmen auf und kombiniert die Szenen wie in einer Fotoromanza. Nicht ´wo gehöre ich hin´ sondern die Frage, ´welches mediale Bild bin ich´ steht hier im Mittelpunkt – eine Art Rückholaktion!

Tracey Moffat

Emily Jacir zeigt Arbeitsplätze, Reisebüro, Bar, Friseur, in Ramallah und New York – ein Blick auf die Unterschiede, die scheinbar gering sind.

Emily Jacir

 Wenige Beiträge entstanden auch eigens für diese Biennale. Beat Streuli fotografierte Menschen in Sharjah – ein anschaulicher Beleg für die vielen Nationalitäten in diesem Staat, in dem 85 % der 650.000 Einwohner aus anderen Ländern, allen voran aus Indien kommen. Der in Paris und Beirut lebende Fouad El Koury vergleicht Dubai mit Las Vegas in seinen fotografischen Doppelportraits unter dem Titel „Dream Cities“. Im Auftrag der Kuratoren entstand der eher unterkomplexe, wenig reflektierte Film des Deutschen Dirk Herzogs über die Moskau Biennale, in dem Eröffnungsbesuchern simple Fragen wie „Fotografie oder Malerei“ oder „Kabakov oder Boltanski“ gestellt wurden.

 Wunderbar subtil-kritisch dagegen reagiert Olaf Nicolai auf den bisweilen aberwitzigen Umgang mit Original und Kopie in den arabischen Emiraten – Kapitalismus pur, alles ist gekauft. In der ruhigen Strasse hinter dem Museum flattert bunte Wäsche in der Luft, malerisch, voller Leben und garantiert authentisch. Nicolai kaufte ganze Wäscheleinen in Italien auf, um sie hierher zu transferieren. Solche Straßen-Wäsche ist in den Emiraten eigentlich verboten. 

Olaf Nicolai, Sharjah 2005

Auffällig hier wird, dass sich die westlichen im Gegensatz zu vor allem den arabischen KünstlerInnen der ´Belonging´-Frage nicht stellen. Statt einer ideologischen, nationalen oder geographischen kommt so eine andere Zugehörigkeit in den Blick, die Hassan Sharif – Künstler aus den Emiraten, dessen verschnürte Objekte aus Karton und Zeitungspapier noch vor der Eröffnung von der Putzkollone übereifrig weggeräumt wurden – auf dem Symposium präzise benennt: „ Wir gehören jetzt zur Welt der Kunst. Und ihr alle wollt zur Sharjah Biennale gehören, sonst wärt ihr nicht hier.“ Und das ist dann eine weitere Antwort auf die ´Belonging´-Frage: Mit dieser 7. Biennale gehört Sharjah jetzt zur Weltbühne der wichtigsten zweijährlichen Kunstausstellungen. 

Hasan Sharif, Sharjah 2005

Sharjah Biennale, Vereinigte Emirate, 6. April – 6. Juni (Katalog)

publiziert in: www.artnet.de, 19.4.2005,

http://www.artnet.de/content/DesktopModules/PackFlashPublish/ArticleDetail/ArticleDetailPrint.aspx?ArticleID=1562&Template=Article_Print.ascx&siteID=0