Sister Corita in Innsbruck

29. Jun. 2020 in Ausstellungen

Corita Kent, E eye love 1968, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Corita Kent, E eye love 1968, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Nonnen-Künstlerin wurde sie genannt, und sie war eine Berühmtheit: Sister Corita. Sie lebte in einem Kloster in Los Angeles, wo sie Kunst unterrichtete und ihre radikalen Siebdrucke produzierte. Soziale Gerechtigkeit war ihr Thema, Motive aus Werbung und Konsum ihr Material. 1967 kam sie auf das Cover der Newsweek, 1969 verließ sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms das Kloster. Danach änderte sich ihre Bildsprache, alles wurde lieblicher und ordentlicher. Als sie 1986 starb, war Corita Kent nahezu vergessen – ein Schicksal, dass sie mit anderen Künstlerinnen der Pop Art teilt. Jetzt sind Höhepunkte ihres Werks in einer großen Personale im Taxispalais Kunsthalle Tirol in Innsbruck zu sehen. Ihre Werke sind ganz ihrer Zeit verpflichtet: die für die Pop Art so typische Welt der Werbung, des Konsums – und der Liebe. Aber ganz anders als ihre männlichen Kollegen basieren ihre Werke auf spirituellen Werten: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Corita Kentt, it can be said of them, 1969, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Corita Kentt, it can be said of them, 1969, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Diese drei Worte sind immer wieder zu lesen, meist kombiniert mit Bildmotiven aus dem Alltag. Ihr Medium ist der Siebdruck, den sie sich selbst beigebracht hatte. Anfangs dominierten noch religiöse Motive, bis 1962 zwei Erlebnisse ihre Kunst veränderten: der Besuch einer Ausstellung von Andy Warhol und das 2. Vatikanische Konzil, mit dem die Öffnung der Kirche zur Welt bestimmt wurde. Zwei Momente, die ihr den Weg in die künstlerische Freiheit öffneten. Im Taxispalais sind einige ihrer ersten Schritte zu sehen, abstrakte Farbfelder, kombiniert mit Bibel- oder Literaturzitaten. Bald danach entdeckte Sister Corita Werbeslogans, Logos und auch Straßenschilder als Versatzstücke für ihre Botschaften. So schreibt sie neben ein beschnittenes Supermarkt-Logo einen Auszug aus Martin Luther Kings Rede „I have a dream“: Nahrung und Gerechtigkeit, ein häufig wiederkehrendes Thema in ihrem Werk. Großartig auch ihre Serie „Zirkus Alphabet“ von 1968, mit der die Innsbrucker Ausstellung beginnt: 26 nahezu quadratische Siebdrucke, in denen historische Zirkus-Plakate mit handschriftlichen Texten aus einem Werbe-Handbuch, aus Pop-Songs und literarischen Texten kombiniert sind. Es ist ein vielteiliges Plädoyer für Demokratie und Gerechtigkeit, eine Verdichtung ihres gesamten Werkes der 1960er Jahre, enorm engagiert, poetisch, berührend. Nahezu alle Bildmotive sind hier enthalten. Taxispalais-Direktorin Nina Tabassomi spricht von einem „Baukastensystem unserer Kultur“, mit dem Sister Corita arbeitete. Ein letztes großes Werk steht am Ende ihrer Sister Corita-Phase, die 29teilige Serie „heroes und sheroes“: Erstmals integriert sie Fotografien in ihre Siebdrucke. Auf ungemein farbintensivem Hintergrund sind Bürgerrechtler und Freiheitskämpfern mit Texten überdruckt, um auf Ungerechtigkeit hinzuweisen. Eines der wenigen dunklen Blätter zeigt einen Schwarzen auf dem Titelbild der Zeitschrift Life, daneben liest man die Schlagzeile „The Cry that will be heart“. Im handschriftlichen Teil fügte Sister Corita ein Popsong-Zitat über das Leben im Ghetto dazu.

Corita Kent, T the tight rope, 1968, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Corita Kent, T the tight rope, 1968, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Viele ihrer Text-Fragmente plädieren für Hoffnung und den Glauben an Veränderung. Dafür bedient sich Sister Corita einer spannenden Gestaltung: Die Handschriftlichen erscheinen wie Tagebuchaufzeichnungen, jene in Großbuchstaben sind die an die Sprache der Protestkultur angelehnt. Statt politischer Slogans lesen wir Bibelzitate, die als gesellschaftliche Forderung gestellt werden wie „gib uns unser Brot“. Auf einem Blatt steht „a passion for the possible“. Im Text trifft ein „Playboy“ die Unterscheidung zwischen Optimismus und Hoffnung: „Ich bin nicht optimistisch, aber hoffnungsvoll. Hoffnung, im Gegensatz zu Zynismus und Verzweiflung, ist die einzige Voraussetzung für neue und bessere Erfahrungen“ – es könnte ein Lebensmotto von Sister Corita sein in ihrem Kampf für soziale Gerechtigkeit. Vielleicht sollten wir diese Künstlerin gar nicht rückwirkend in die Kunstgeschichts-Kategorie Pop Art einschreiben, sondern ihre anhaltende, gerade heute angesichts der „Black Live Matters“-Forderungen sogar enorme Aktualität betonen? Genau das ist der Ausstellung in Innsbruck gelungen!

Corita Kent, Joyful Revolutionary, Taxispalais Kunsthalle Tirol, bis 11.Oktober 2020
veröffentlicht in: Die Presse, 25.6.2020