Stirb Nie! Künstlernachlässe – eine Tagung in Berlin

28. Sep. 2016 in Kunstmarkt

Tagung Keeping The Legacy Alive in der Villa Elisabeth, Berlin

Tagung Keeping The Legacy Alive in der Villa Elisabeth, Berlin // SBV

„Ein Stift war nur ein Stift – bis zu dem Moment, als mein Vater starb. Dann bekam alles eine Bedeutung. Jeder wollten etwas von Don und hatte eine andere Idee, wie wir mit dem Nachlass umgehen sollen“, erzählt Flavin Judd. Sein Vater Donald Judd starb 1996, „und plötzlich wurde alles zu Geld. Wir konnten niemandem mehr trauen. Aber wir wussten, was Don wollte.“ Flavin und seine Schwester Rainer erbten jeder 300.000 Dollar. Und einen lebenslangen Auftrag: Sie sollten die Häuser in New York und in Marfa, Texas, genau so erhalten, wie sie Judd in seiner minimalistischen Formensprache sorgfältig über Jahre hergerichtet hatte. Allein die Restaurierung des mehrstöckigen Hauses in der New Yorker Spring Street war aber auf 23 Millionen Dollar geschätzt worden, das Kapitel dafür nicht vorhanden. Also verkauften sie 2006 in einer einzigen Auktion 36 Werke ihres Vaters, einiges weit unter seinem Wert. Das bildete den Grundstock für die Judd Foundation, die heute 21 Mitarbeiter beschäftigt und über ein operatives Budget von 3.1 Millionen Dollar verfügt.

Flavin Judd, Magda Salvesen, Hélène Vandenberghe, Mary Moore and Mayen Beckmann at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists' Estates' inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists' Estates

Flavin Judd, Magda Salvesen, Hélène Vandenberghe, Mary Moore and Mayen Beckmann at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists‘ Estates‘ inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists‘ Estates

Judds sprach von seinen Erfahrungen auf einer zweitägigen Tagung über Künstlernachlässe, die im September von Loretta Würtenberger in Berlin mit hochkarätigen Teilnehmern veranstaltet wurde. Künstlernachlässe sind zu einem wichtigen Thema im Kunstmarkt geworden, immer mehr zeitgenössische Galerien nehmen solche Konvolute in ihr Programm, Auktionshäuser wie Van Ham in Köln bieten einen Service inklusiv Lagerung für Nachlässe an, auch die Privatbank Berenberg plant einen Einstieg in dieses Geschäftsfeld. Gerade gab Würtenberger ein Handbuch zu diesem Thema heraus. Denn ein Nachlass wirft zunächst einmal viele Fragen auf und stellt die Erben vor eine große Herausforderung. Wie soll die Menge an Entwürfen, Notizen, Briefen und Dokumenten sortiert werden? Wie sollen die Werke verwaltet und wie der Ruhm erhalten werden? Und von wem?

Loretta Würtenberger // SBV

Loretta Würtenberger // SBV

Würtenberger hatte diese Situation selbst erlebt. Als ihr Schwiegervater starb, entschied sie mit ihrem Mann, den gesamten Nachlass des verstorbenen Silberschmieds und Industriedesigners Wolfgang Tümpel einem Museum zu übergeben. Damit war aber zugleich eine neue Geschäftsidee geboren: 2008 übernahmen sie die Mitverantwortung für den Nachlass von Hans Arp, gründeten das Institute for Artists´ Estates und ist heute Spezialisten auf diesem Gebiet.

Loretta Würtenberger, Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists' Estates' inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists' Estates

Loretta Würtenberger, Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists‘ Estates‘ inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists‘ Estates

Ihr wichtigster Rat: Nichts wegschmeißen! Jede Farbtube kann wichtig werden. Um einen Nachlass lebendig zu halten, rät sie zu drei „Säulen“: Akademie, Museen, Markt. Stipendien und ein Werkverzeichnis gehören zum ersten, Ausstellungen in den zweiten und eine passende Galerie in den dritten Bereich. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterteilung des Nachlasses in vier Kategorien: A sind jene Werke, in denen das künstlerische Anliegen verdichtet ist, die in Museen gehören oder als Unverkäuflich weit hinten im Lager ruhen sollen. Kategorie B umfasst das für den Kunstmarkt interessante Konvolut, Gruppe C sind Werke minderer Qualität und Gruppe D ist das Archiv mit Dokumenten, Fotos, Erinnerungstücken, Werkzeugen, das am besten in einer Universität aufgehoben ist.

Dr. Thomas Köhler, Joost Declercq and Dr. Arie Hartog at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists' Estates' inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists' Estates

Dr. Thomas Köhler, Joost Declercq and Dr. Arie Hartog at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists‘ Estates‘ inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists‘ Estates

Während das Handbuch praxisnah Strategien, zentrale Fragen, rechtliche Formen bis zu anfallenden Kosten zusammenfasst, kamen auf der Tagung auch die emotionalen Faktoren zur Sprache. Selbst wenn Künstler bereits zu Lebzeiten vorsorgen, bleibt es eine starke Belastung. Ihr Vater Henry Moore hatte schon 1977 eine Stiftung gegründet. Für ihre Mutter habe das eine tägliche Erinnerung an den bevorstehenden Tod des Partners bedeutet, erinnert sich Tochter Mary Moore. Hauptwunsch des 1986 verstorbenen Bildhauers war es, dass die Werke im Besitz der Erben bleiben und auf dem Anwesen öffentlich zugänglich sind, worum sich Mary hauptberuflich kümmert. Ganz anders war die Situation für Hélène Vandenberghe. Als ihr Vater Philippe 2009 in Brüssel starb, war er zwar unter Künstlern bekannt. Aber er hatte sich konsequent aus dem Kunstmarkt zurückgezogen. So beschloss sie zusammen mit ihren zwei Brüdern, sich Zeit zu lassen – einer der wichtigsten Ratschläge für solche Situationen. Dann schenkten sie das Archiv einer Universität, um gezielt Forschungen anzuregen, und machten die Kunst in einem Ateliermuseum öffentlich zugänglich. Vor allem aber fanden sie mit der Galerie Hauser & Wirth einen Partner, der in kürzester Zeit einen neuen Markt für das Werk aufbaute. Ganz anders die Situation für Mayen Beckmann. Sie verwaltet das Erbe ihres berühmten Großvaters, was sie 1990 von ihrem Vater Peter, dem einzigen Sohn von Max Beckmann übernahm. Eine Stiftung kommt für sie nicht in Frage, Beckmann Werke hat sie als zehnjährige Leihgaben mit automatischer Verlängerung in Museen gegeben. Wie viele Nachlassverwalter stammen ihre Haupteinnahmen aus dem Copyright. Dazu berichtete Christy MacLear von der Robert Rauschenberg Stiftung auf der Tagung von einer wichtigen Veränderung: Sie haben beobachtet, dass gerade in der Forschung mit schlechten Abbildungen gearbeitet wird, weil die Bildrechte zu teuer sind. Daher haben sie jetzt „fair use“ eingeführt: Für die Forschung und auch für Künstler ist die Benutzung kostenlos und ohne Anfrage möglich.
Nachlass oder Stiftung, Ateliermuseum oder Leihgaben, Authentifizierungen oder Werkverzeichniserstellung – auf Nachlassverwalter warten viele Aufgaben.

Dr. Thomas Köhler, Joost Declercq and Dr. Arie Hartog at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists' Estates' inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists' Estates

Dr. Thomas Köhler, Joost Declercq and Dr. Arie Hartog at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists‘ Estates‘ inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists‘ Estates

Aber sind Familienangehörige als Vermächtniswärter dafür überhaupt sinnvoll?

Flavin Judd // SBV

Flavin Judd // SBV

Flavin Judd betont das große Wissen, dass die Kinder und Ehepartner über eine lange Zeit trainieren. Sie kennen alle Wünsche der Verstorbenen – und sie können am ehesten Fälschungen erkennen, was bei Donald Judd nahezu nie vorkomme: „Seine Art zu Schweißen ist wie eine Signatur.“ Er habe die Verwaltung des Nachlasses zusammen mit seiner Schwester übernommen, „weil es sonst keiner kann. Kuratoren haben keine Beziehung dazu.“ Ist es ein lebenslanger Auftrag? „Das ist wie der Eintritt in die Armee, man weiß nicht, wie lange man bleiben wird.“ Und sein Ratschlag: Nehmt niemals Rechtsanwälte in den Vorstand einer Stiftung und stellt genügend Geld auf. Und an Künstler gerichtet: „Beginne, wenn du noch lebst. Und stirb nicht.“

veröffentlicht in: NZZ, 24.9.2016
Tagung: KEEPING THE LEGACY ALIVE. 14./15. SEPTEMBER 2016 BERLIN
Villa Elisabeth, Invalidenstr.3, 10115 Berlin

Loretta Würtenberger, Der Künstlernachlass, Handbuch für Künstler, ihre Erben und Nachlassverwalter, Hatje Cantz Verlag 2016