20. Sydney Biennale 2016

30. Okt. 2015 in Biennalen, News

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Es war ein wohlhabender Unternehmer aus einer italienischen Familie, der in Australien eine Veranstaltung nach dem Vorbild der Biennale Venedig schaffen wollte: Franco Belgiorno-Nettis, 1915 in Italien geboren, in den 1950ern nach Australien ausgewandert, gründete die Sydney Biennale. Er wollte die kulturelle Isolation und „the tyranny of distance“ von Australien durchbrechen. Und es gelang ihm: 1973 fand die erste Ausgabe statt, von Anfang an wurde nicht mit Länderkommissaren gearbeitet, sondern eine künstlerische Leitung berufen. Noch etwas unterscheidet die Sydney Biennale deutlich von Venedig: „this is strictly a show – no prizes, no sales, no Leone d´Oro“, fasste es Luca Belgionron-Nettis, Sohn des Begründers, 2006 zusammen.

Mit diesem Konzept wurde die Biennale von Beginn an als wichtige Ausstellung etabliert. Mit jeder Ausgabe werden neue Räume gesucht, die erste fand im Ausstellungsraum des damals neu eröffneten Sydney Opera Houses statt. Seit Beginn kommen die künstlerischen Direktoren vor allem aus Westeuropa/USA, die 3. Ausgabe 1979 betitelte Nick Waterlow sogar „European Dialogue“ und suchte Verbindungen zwischen europäischer und australischer Kunst zu entdecken. Aber erst auf der 4. Edition 1982 wurde ein Werk der Aboriginal People ausgestellt, ein riesiges „sand-painting“ der Walpiri Group.

Auch heuer ist die Leitung wieder in europäischer Hand: Stephanie Rosenthal, geboren in Deutschland, begann 1996 als Assistentin, später Kuratorin am Haus der Kunst in München und wechselte nach gut zehn Jahren 2007 nach London als Chefkuratorin der Hayword Gallery. Letztes Jahr wurde sie zur Leiterin der 20. Sydney Biennale ernannt und stellte gerade eine Liste mit 71 KünstlerInnen vor, die an 7 Orten in Sydney vom 18. März bis 5. Juni 2016 ausstellen werden. Ihr Titel: „The Future is already here, it´s just not evenly distributed“ sei inspiriert von einem Werk des SF-Autors William Gibson, erklärte sie. Jeder der 7 Orte steht zudem unter einem eigenen Titel, es sind alles „Botschaften“:

Cockatoo Island, c JROBBO

Cockatoo Island, c JROBBO

Cockatoo Island (Embassy of the Real), 18 KünstlerInnen, darunter Samuel Beckett, Lee Bul, Cevdet Erek, Nilbar Güres, Bharti Kher, Chiharu Shiota

Art Gallery of New South Wales (Embassy of Spirits), 10 KünstlerInnen, darunter Johanna Calle, Jumana Manna, Sudarshan Shetty, Rodel Tapaya, Nyapanyapa Yunupingu

Art Gallery of New South Wales. c Magnus Manske

Art Gallery of New South Wales. c Magnus Manske

Carriageworks (Embassy of Disappearance), ist die größte Kategorie mit 21 TeilnehmerInnen, darunter Chen Chieh-jen, Wan-Shuen Tsai, FX Harson, Charles Lim, Gerald Machona, Otobong Nkanga, Bernardo Ortiz – hier sind die wenigsten Europäer vertreten, ob das auf die Zukunft rückschließen lässt?

MCA. FotoGobeirne

MCA. Foto Gobeirne

Museum of Contemporary Art Australia (Embassy of Translation), 9 KünstlerInnen, darunter Nina Beier, Richard Bell, Daniel Boyd, Shahryar Nashat, Dayanita Singh

Karen Mirza und Brad Butler im Artspace (Embassy of Non-Participation)

Heman Chong in einer Buchhandlung  (Embassy of Stanislaw Lem)

Mortuary Station

Mortuary Station

Marco Chiandetti und Charwei Tsai in einem ehemaligen Bahnhof, Mortuary Station (Embassy of Transition) – ein etwas makabrer Ort, denn von diesem 1869 fertiggebauten „Leichenhallen-Bahnhof“ fuhren früher die Beerdigungs-Züge ab.

Das Reale, der Geist, Verschwinden, Nicht-Teilnahme, Übersetzung, Stanislaw Lem, Übergang – das sind spannende Kapitelüberschriften. Aber was ist ihr Konzept dahinter? Rosenthal: „If each era posits its own view of reality, what is ours? One of the key ideas this Biennale explores is how the common distinction between the virtual and the physical has become ever more elusive. The embassies are also inspired by the unique locations and individual histories of each venue,” adding that the exhibition will concern itself with “our interaction with the digital world, displacement from and occupation of spaces and land, and the interconnections and overlaps between politics and financial power structures.” Und die Botschaften? „Eine Botschaft sei wie ein Staat im Staat, erklärt sie, „a host country characteristically allows the embassy control of a specific territory, a system that enables the occupation and creation of new spaces in other lands.“

 

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