Teamwork in der Kunst

12. Okt. 2000 in Ausstellungen

INDIVIDUELLE BAUSTEINE – Teamwork in der Kunst

Katalog Kunsthalle Wien

 I. Gruppenidentität ”Services”

Zwei Tage lang traf sich die ”Arbeitsgruppe” an der Universität Lüneburg und diskutierte „Services – ein Vorschlag für eine Ausstellung und ein Diskussionsthema“, das Projekt von Helmut Draxler (Kurator) und Andrea Fraser (Künstlerin). Die Gruppe bestand aus KünstlerInnen und KuratorInnen[1], die gemeinsam die „neuen Verhältnisse projektbezogener künstlerischer Praxis“ befragen wollten. Ziel der Arbeitsgruppe war es, Verbesserung zu initiieren, konkret: kollektiv verbindliche Richtlinien für die Ausstellungsform ´Künstlerprojekt´.

Als Grundlagen dienten von Draxler/Fraser vorbereitete Fragen und diverse historische Materialien der frühen 70er Jahre zu „Art Workers Coalition“, „Internationales Künstlergremium“ und „Artist’s Meeting for Cultural Change“. Am dritten Tag wurden die Ergebnisse präsentiert und anschließend als Ausstellung auf Wanderschaft durch mehrere europäische Institutionen[2] geschickt. Zwar einigte sich die Arbeitsgruppe auf keine KünstlerInnen-Verträge, keine verbindlichen Projekthonorare oder Resolutionen[3] und formierte auch keine Vereinigung im Sinne eines Berufsverbandes, aber es etablierte sich für mehr als ein Jahr ein Forum, das diesen Themen eine Öffentlichkeit verschaffte.

Wie kein anderes Projekt schieden sich zu „Services“ die Meinungen[4], konnten Positionierungen bis zu Ideologien darüber manifestiert werden, auf die ich hier nicht eingehen werde. Entscheidend ist, daß Draxler/Fraser aus der Rollen- und Diskurskritik als Thema künstlerischer Projekte heraus eine organisatorische Veränderung suchten: statt produktorientierter Künstlergruppe seminaristische Gruppenarbeit. Was 1994 mit dem Versuch einer ideologisch-geprägten Gruppenidentität begann, setzt Fraser jetzt, diesmal mit Nils Normann initiiert, unter dem Titel „Parasite“ fort – allerdings als lose Gruppe ohne festen Ort, die (noch) ohne gemeinsames Projekt im Austausch steht.

II. Gruppenarbeit

Gruppenarbeit in der Kunst ist kein neues Phänomen. Die Frage hier richtet sich auf die Voraussetzungen und Differenzen der aktuellen Situation. Dafür ist „Services“ signifikant, da die Arbeitsgruppe gleichzeitig zum künstlerischen Produkt und zur künstlerischen Tätigkeit erklärt wurde.

„Services“ entstand während eines wirtschaftlich schwachen Kunstmarkts. Anfang der 90er Jahre wurden statt Warenprodukten Projekte erarbeitet und die Bedingungen realer Erfahrungsräume aufgegriffen. Dies hieß auch, ideologisch aufzutrumpfen und die eigenen Produktionsbedingungen – in Kunst, Kultur, Institutionen – zu befragen. Kunstinstitutionen und KuratorInnen stellten sich schnell ein auf eine Kunst, die den Ort oder damit verbundene Aspekte aufgriffen. Projekte, denen Recherchen vorausgehen, die auf Gesprächen und Interviews mit Hausmeistern oder Spezialisten basieren oder als Arbeitsgruppe in progress stattfinden, Installationen, die Präsentation mit Information zusammenschließen, gehören seither zum selbstverständlichen Repertoire der Ausstellungspraxis. Der entscheidende Unterschied zur traditionellen Einzelausstellung liegt darin, daß solche Präsentationen nicht als ästhetische Produktionen gelesen werden soll(t)en, sondern als Foren, die zur Information dienen. Der Entstehungsprozeß und das Ziel werden identisch: Diskussion.

Mittlerweile ist der Markt wieder erstarkt, die anfänglich dogmatische „Institutionskritik“ ist produkttauglich geworden und Gruppenarbeit zu einer ideologisch entkleideten Möglichkeit künstlerischer Arbeit.

III. Teamwork ad hoc

Seien es Kooperationen wie jene Projekte von Christine & Irene Hohenbüchler als „Multiple Autorenschaft“ mit der Lebenshilfe, mit Schülern und Architekten, interdisziplinäre Zusammenschlüsse wie Gabriel Orozco mit den Musikern Richard Dorfmeister und Rupert Huber, die zur Wiener Festwochen-Veranstaltung „Wahlverwandtschaften“ eine Diashow mit DJ-Begleitung inszenierten oder partiell zusammenarbeitende Kollektive wie Rita Ackermann, Kim Gordon und Jutta Koether, die als „Free Time“ gemeinsame Bilder malen – Gruppenarbeit hat in der bildenden Kunst Hochkonjunktur.

Mehrere Personen, die gemeinsam an einem Produkt, einem Projekt arbeiten, bedeutet nichts Ungewöhnliches. In den 80er Jahren schlossen sich Maler wie z.B. Dahn/Dokoupil einige Bilder lang zu Duos zusammen oder traten als Gruppe auf. Allerdings waren jene Formen über einheitliche formale Sprache oder Ideologien geprägt. Daß heute die Art der Arbeit, nämlich als temporäre Gruppe, dabei betont und gleichzeitig abzugrenzende Beiträge erkennbar bleiben, verdient eine genauere Betrachtung. Heimo Zobernig kooperierte mit Alfons Egger für eine Theaterperformance, mit Ferdinand Schmatz für literarische Produktionen, in der Kunst mit Franz West und Peter Kogler, für Videos mit Kollegen, deren Namen als Titel genannt werden. Für Kunst am Bau-Projekte schließen sich Thomas Locher und Rolf Walz zusammen. Im Team entwickeln sie Entwürfe aus bzw. in der Kombination ihrer künstlerischen Formen, Sprache und Farbe. Für den Campus Mitte der Charite, Berlin, werden Texte und Linien aus transparenten Folien in vier Farben auf Glastüren und -wänden angebracht. Darauf sind elf Sätze bzw. Worte appliziert, ”die Grenze verschieben”, ”sehen und wahrnehmen”, ”ruhen, erfahren und wiedererkennen”, ”was nicht zur Wahl steht”.

Auch auf der Vermittlungsstufe wird Teamarbeit institutionsfähig, teilen sich KuratorInnen Arbeit bis Verantwortung: ob als „Manifesta“-Team oder besonders auffällig zum aktuellen „Steirischen Herbst“ – Teams ersetzen die ‚eine Stimme‘.

Die Zusammenarbeit findet als offenes Team statt, die Zusammensetzungen wechseln, die Beteiligten können gleichzeitig in anderen Gruppierungen oder als Einzelne auftreten.

IV. Teamwork im Kontext

‚Teamwork‘ ist eine begriffliche Entlehnung aus der Betriebswirtschaft. Arbeitsgruppe oder Gruppenarbeit – als betriebswirtschaftliche Termini lassen sich einige Unterschiede der Begriffe festlegen, die aber in der Beschreibung einer künstlerischen Methode marginal sind. Beide Formen werden im Begriff Teamwork zusammengefaßt. Teamwork bezeichnet zwei oder mehr Personen, die auf gleicher Hierarchieebene in einem Arbeitszusammenhang tätig sind. Das Team löst das Individuum als vorrangige Leistungseinheit ab und bildet stattdessen eine flexible, selbstorganisierte Gruppe auf der Grundlage von Kommunikation und sozialer Interaktion.

Schon in dieser kurzen Beschreibung wird deutlich, daß Teamwork eine Schnittmenge aus teils vorangegangenen, teils anhaltenden Entwicklungen ist: Infragestellung des Autorenbegriffs in Folge philosophischer Theorien; institituionsfreie, selbstorganisierte KünstlerInnenprojekte; inhaltliche Schwerpunkte, die unter den Stichworten soziale Praxis, Interaktion, Interdisziplinarität, oder, modischer: ‚crossings‘ diskutiert werden. Mit Teamwork erreichen diese Möglichkeiten und Diskussionen eine andere Ebene, indem diese Stichworte nicht thematisch, sondern organisatorisch integriert sind. Soziale Interaktion beispielsweise fungiert nicht als Thema oder Anspruch an BetrachterInnen, sondern ist ein Element des Herstellungsprozesses.

Teamwork bezeichnet eine organisatorische Neuorientierung in Abgrenzung zu Tradiertem: zum Atelier mit Assistenten, das hierarchisch organisiert ist; zu  KünstlerInnengruppen oder -duos, die sich über gemeinsame Ziele definieren und formal symbiotisch auftreten. Kunst als Teamwork dagegen entspricht einem Zusammenlegen der Kräfte, das gerade nicht zu einer gruppeneigenen formalen Stilbildung führt. Die Eigenarten der einzelnen Beteiligten bleiben – wie z.B. in den Entwürfen von Locher/Walz – weitgehend sichtbar. Teamwork behauptet künstlerische Tätigkeit nicht als Werk eines einzelnen Künstlersubjektes, sondern als offene Form von Zusammenarbeit im Kontext kultureller Möglichkeiten.   

IV. Installation: zwischen Ereignis und Werk

Eine Voraussetzung für Teamarbeit liegt m.E. in der Ausstellungsform ‚Installation‘, die es ermöglicht, in einem offenen Bezugsraum prozeßbetont zu arbeiten. Damit einher geht eine Auflösung des Werkbegriffs

Zunächst als „Environmental Art“ bezeichnet, setzt sich seit den späten 70er Jahren der Begriff „Installation“ durch. In Installationen werden keine deutliche Präferenz einer einzelnen künstlerischen Ausdrucksform, keine bestimmten Materialien, Techniken oder Medien gewählt. Installationen entstehen vor Ort und im direkten – thematischen oder architektonischen – Ortsbezug. Installationen entkräften den Werk-Begriff, denn es sind keine in sich abgeschlossenen Formen, die ihre Parameter zum Verständnis in sich selbst tragen und als vollendete, letztgültige Formulierung eines Ausdrucks auftreten. Es sind prozessuale, raumfüllende Auftritte, die Raum- und Kontextbezüge anstelle werkimmanenter Gültigkeit/Vollendung setzen – offene Arrangements, die so oder später anders installiert werden, die mit kritischem Impetus – beispielsweise an symbolischen Ordnungen wie „white cube“ oder autoritäre Architekturen etc. – auftreten können, immer aber der Kategorie ‚Ereignis‘ näher stehen als einem ‚Werk‘. ‚Ereignis‘ hier verstanden im Sinne einer zu schaffenden Verbindung Kunstwirklichkeit/ Erfahrungswirklichkeit.

In einer Installation ergeben sämtliche Elemente zusammen ein Bild, dessen Begrenzungen mit den Bezugspunkten zusammenfallen, die über den Erfahrungsraum definiert sind. Architektonische, kulturelle, historische Gegebenheiten, Benutzungsweisen, Erwartungen stecken den Rahmen ab und stellen der stasis des Werkes einen (übersichtlichen) Erfahrungsraum entgegen, der verschiedene Zeit- und Geschichtsmomente synchronisiert.

In formaler und inhaltlicher Ausrichtung identisch, erweitert die künstlerische Ausdrucksform des Projektes diese Kategorie noch um eine eigene Zeitrechnung. Zeit wird zum konstitutiven Produktionsmoment, das es ohne Rückschlüsse auf die jeweilige Form zuläßt, wieder von einem Werk zu reden – allerdings eben als temporäre Einheit bzw. Abschluß.

Aus der sprachlichen Unsicherheit im Hinblick auf Installationen und Projekte hat sich ein Vokabular herausgebildet, das diese Situation deutlich spiegelt. Statt ‚Werk‘ wird ‚künstlerische Arbeit‘, ‚künstlerische Praxis‘ oder ‚Produktion‘ gesetzt – ziemlich schwerfällige Substantive, die der Wirtschaft weit näher stehen als der Kultur und damit die Auflösungen der strengen Grenzen zwischen Hoch- und Trivialkultur, Kunst- und Alltagswirklichkeit mittragen.

‚Teamwork‘ ist die Konsequenz dieser Auflösungstendenzen. Teamwork radikalisiert den Bruch, indem statt eines genialen Wurfs ein Nebeneinander verschiedener Werke/Arbeiten entsteht – Alleinautorenanspruch und formale Abgeschlossenheit in der Präsentation weichen der Gleichzeitig- und Gleichwertigkeit verschiedener künstlerischer Formulierungen. Entscheidend ist, daß dieses Verfahren nicht auf Produktion und Präsentation beschränkt bleibt, sondern die Organisation einschließt.

V. Massive Conditions of Collaboration

„In the Name of the Place“ ist ein kollektives Projekt von GALA Committee[5]. Initiiert von Mel Chin für das Los Angeles Museum of Contemporary Art, produzierte GALA Committee von 1995-1997 „site-specific art objects“ für die wöchentliche TV-Serie „Melrose Place„. Über 100 KünstlerInnen, KritikerInnen, SchreiberInnen und ProduzentInnen der Vorabendserie entwarfen Ausstattungsdetails. Kleidung und Bilder, Kissen, Decken und Möbel werden mit kritischen Anspielungen zu Themen wie Gender, Gewalt, globale Konflikte etc. aufgeladen, die den Episoden eine doppelte Ebene hinzufügen und den Kunstwerken ein Millionenpublikum verschaffen – wenn sie denn in der Kürze des Erscheinens wahrgenommen werden. Für ein Dart-Board wird die ‚Zielgruppe‘ der Sendung  wörtlich genommen, die Zahlen durch die Altersgruppen (18-49jährige Frauen) ersetzt; das Mobile für die schwangere Alison imitiert eine Fernbedienung, deren einzelne Funktionstasten zu beweglichen Teilen mutieren, verpackt in einer Kiste mit dem Muster des Fernsehflimmerns nach Sendeschluß; der „San Diego Seurat“ für Amandas Appartment stellt in pointellistischer Manier eine zeitgenössische Prügelszene dar; Kimberlys „Cause and Effect Rain Coat“ zeigt innen die Tragödie von Waco und außen die Trümmern von Oklahoma City. Das zentrale Objekt der Gruppe ist eine Bar: „Shooter’s Bar“, als Kopie für die Museumsausstellung angefertigt und jetzt im Künstlerhaus Stuttgart installiert, erzählt auf den über 70 Flaschenetiketten eine Geschichte des Alkohols in Amerika von 1700 bis heute. Jedes Flaschenlabel ist von einzelnen Gruppenmitgliedern gestaltet – nicht zuletzt auch als Statement, daß kollektive Aktivitäten nicht individuelle Äußerungen innerhalb der Produktion verhindern.

„In the Name of the Place“[6] ist Teamwork gleichermaßen innerhalb von GALA Committee und außerhalb mit dem TV-Team. Die Objekte wurden zwar von Einzelnen gefertigt, aber der Entstehungsprozeß beinhaltete eine permanente Diskussion zwischen allen Beteiligten. Und gerade in der Opposition von Museum und TV plazierte GALA Committee bewußt das Projekt in einer Soap Opera, um „massive condition of collaboration“ für KünstlerInnen zu entwickeln. Dazu gehört auch die Gegenüberstellung vom Individuellen, das eine klischee-beladene Serie über die Serienhelden schematisch produziert, zu jenem Individuellen der Objekte von GALA Committee, das auf speziellen künstlerischen Aussagen basiert. Die Gegenüberstellung individuell/kollektiv reicht bis in die Organisationsform Team, denn obwohl in Teamwork entstanden stehen die einzelnen Beiträge immer in Diskrepanz zum Anderen.

VI. Kollektive Wunschproduktion

Kunst als Teamwork bedingt nicht notwendigerweise eine Veränderung der Themen oder Produkte. Kunst als Teamwork ist eine sublime, aber sehr effektive Tendenz zur Erweiterung des künstlerischen Handlungsspielraumes.

Das letzte freie Stück Elbhang im Hamburger Stadtteil St. Pauli sollte verkauft und mit einem millionenschweren Häuserriegel verbaut werden. Diese Bebauung wurde vom Hafenrandverein gestoppt. Seit vier Jahren (anfangs gemeinsam mit Cathy Skene) kämpft und plant Christoph Schäfer zusammen mit AnwohnerInnen für einen selbstorganisierten Park[7]. „Park Fiction hat das Ziel”, so Christoph Schäfer, ”eine für die Kunst wie für die Stadtplanung neue, intensive Form von Beteiligung in Gang zu bringen. Park Fiction will mobilisieren, Wünsche sammeln, koordinieren, vermitteln, realisieren.“ In gemeinsamen Gesprächen und Aktionen wurden Wünsche zur Gestaltung des Parks gesammelt, die von einem „Erdbeerbaumhaus“ über künstliche Palmen bis zu einem „Seeräuberinnenbrunnen“ reichen. Diese Phase der „kollektiven Wunschproduktion“ ist mittlerweile beendet und tritt in die Phase der Realisierung.

Teamarbeit ist für „Park Fiction“ in jeder Hinsicht konstitutiv. Die einzelnen Entwürfe und Materialien entstanden u.a. mit der Freiraumplanerin Ellen Schmeisser, mit Kindern aus dem Kinderhaus oder mit Künstlern wie Andreas Siekmann und Hans-Christian Dany. Der Film “Park Fiction… die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Strasse gehen” ist eine Produktion der Filmemacherin Margit Czenki. In „Park Fiction“ stehen nicht die Vorstellungen eines Einzelnen/Künstlers im Vordergrund, sondern die kollektive Produktion. Der Entstehungsprozeß wird gleichwertig mit dem (End-)Produkt, künstlerische Praxis entwickelt eine Kompetenz, die sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit auswirkt.

VII. Interaktion: zwischen alter und ego

Im Teamwork wird die Ergebnisorientierung ohne Entweder-Oder um den Prozeß ergänzt. Gruppenarbeit holt den traditionellen Anspruch der Kommunikation (mit dem Betrachter, mit anderen Werken) in den Produktionsprozeß hinein. Ein zentraler Punkt liegt in der Ausrichtung der Kommunikation, die nicht vorrangig auf Vollendetes, sondern auf in der Entwicklung Befindliches zielt. In einer produktorientierten Gruppenarbeit passiert dies als Korrektiv, als Ergänzung, als Potential. Die angedeutete Verbesserung bedeutet einen produktionstechnischen Schritt, nicht zuletzt als Ressourcenerschließung.

Als Auftragsarbeit für das Ars Electronica Center in Linz entwickelten Peter Kogler und Franz Pomassl das gemeinsame interaktive Projekt „Cave“. Beide Künstler hatten bereits zu der Wiener Festwochen-Veranstaltung „Wahlverwandtschaften“ eine Teamarbeit vorgestellt: die Bewegungen der Tänzerin Jennifer Lacey wurden begleitet von Koglers auf die Wände gebeamten, computergenerierten Bildarchitekturen und Pomassls Sound. Für „Cave“ konzipierte Kogler ein dreidimensionales Modell, daß das Ars Electronica Futurelab als sinnlich erfahrbare Räume mit Navigations-Optionen programmierte. Ausgehend von einem Würfel können per Joystick sechs Wege durch virtuelle Raumkonstruktionen beschritten werden, die jeweils einem graphischen Thema (Röhren, Ameisen, Gehirn, Gitter etc.) entsprechen. Analog zu den Raumerfahrungen verbindet Franz Pomassl die Wege mit seiner Soundarchitektur, die mit radikalen Frequenzen den Modulen eigene Charakteristika hinzufügen.

„Cave“ ist ein interaktives Projekt. Interaktion als soziologische Methode basiert auf dem Paradigma, daß ego und alter durch wechselseitige, individuelle Verhaltensweisen als miteinander verknüpft gelten. Interaktion richtet die Aufmerksamkeit auf die Akteure und betont die Handlung. Interaktivität, vor allem als Stichwort für computergestützte Projekte benutzt, bezeichnet dagegen eine Modalität von Daten-Management, die die Quantität und Dichte von Information für BenutzerInnen handhabbar macht und eine Zwei-Weg-Kommunikation zwischen Werk/System und ZuschauerIn in Echtzeit in Gang setzt – in einem „Raum auf sich selbst bezogener Zeichen, die auf jeder Ebene ständig in ihren Elementen transformiert werden“[8].

Auf „Cave“ treffen beide Bestimmungen zu, unterschieden auf Organisations- und Produktebene, die im Projekt verbunden bzw. übereinandergelegt sind – erfahrbar auch in dem Zusammenspiel zweier autonomer Strukturen, der Bild- und der Soundebene.

VIII. Gruppen ohne Hierarchie

Mit Teamarbeit wird eine Struktur institutionsfähig, die als Möglichkeit immer schon mitgesprochen wurde: als Gruppenausstellung. Eine Gruppe kommt dort allerdings nie zustande, da die Beteiligten als Einzelne ausgesucht/gruppiert und die Arbeiten als Höchstleistungen Einzelner präsentiert werden[9]. Gruppenarbeit dagegen entsteht zuallererst auf sozialer Ebene und wird darauf aufbauend gezielt als Ideenpool und Durchsetzungspotential eingesetzt, das komplimentäre Fähigkeiten und Erfahrungen vereint und benachbarte Betätigungsfelder eröffnet. Teamwork setzt keine Inhalte, Materialien oder Formen in eine Hierarchie, sucht keine Abgrenzungen zu behaupten, sondern dient einer Potenzierung des zu Erreichenden.

Teamarbeit fungierte in der Betriebswirtschaft einige Jahre als Zauberformel zur Produktivitätssteigerung. Entgegen dem wirtschaftlichen Modell verspricht Teamwork in der Kunst keine auf Neuerung angelegte Verbesserung, sondern tritt als Konsequenz vorangegangener Tendenzen auf.

Anders als in der Kunst stellen wirtschaftliche Teams eine Einheit dar, die zur Erfüllung spezifischer Ziele in eindeutigen, aber fremdbestimmten und vorstrukturierten Zusammenhängen geschaffen werden. Teamwork in der Kunst entsteht als selbstbestimmte Form, die nicht innerhalb eines vorgegebenen Zusammenhangs (etwa einer Institution oder Galerie), sondern darüber hinaus agiert, Einladungswünsche und Exklusivverträge ignorierend.

 

 veröffentlicht in: Katalog Get Together. Kunst als Teamwork, Kunsthalle Wien, Folio Verlag 2000

Literatur

AG Park Fiction, Aufruhr auf Ebene p, in: Die Kunst des Öffentlichen, Hg. M. Babias, A. Könneke, Dresden 1998

Dagegen Dabei, Texte, Gespräche und Dokumente zu Strategien der Selbstorganisation seit 1969, Hg. H.-C. Dany, U. Dörrie, B. Sefkow, Hamburg 1998

Digitaler Schein, Hg. Florian Rötzer, Frankfurt am Main 1991

Dinkla, Söke, Pioniere Interaktiver Kunst, Karlsruhe 1997

Games Fights Collaborations, Das Spiel von Grenze und Überschreitung, Kunstraum der Universität Lüneburg, 1996

Katzenbach, Jon R., Teams – Der Schlüssel zur Hochleistungsorganisation, McKinsey & Company, Wien 1993

Merten, Klaus: Kommunikation, Eine Begriffs- u. Prozeßanalyse, Opladen 1977

Merton, Robet King, Leonard Broom and Leonard S. Cottrell jr., Sociology Today, Problems and Prospects, NY/Evanston, 1965, 2 Bde

Primetime, Art by the GALA Committee as seen on Melrose Place, Sotheby’s, Beverly Hills 1998




[1] u.a. Ute Meta-Bauer, Iwona Blazwick, Clegg & Guttmann, Renee Green, Christian Philipp Müller

[2] u.a. Kunstraum der Universität Lüneburg, Künstlerhaus Stuttgart, Kunstverein München, Depot/Wien

[3] s. Andrea Fraser, Services – Eine Arbeitsgruppen-Ausstellung, in: Games, Fights, Collaborations, Kunstraum der Universität Lüneburg 1996

[4] s. Games, Fights, Collaborations

[5] GA für Georgia, LA für Los Angeles

[6] Der Schluß- und Höhepunkt des Projektes bestand in der öffentlichen Auktion (Sotheby’s in Beverly Hills) sämtlicher Objekte, dessen Gewinn die non-profit-Organisationen „Fulfillment Fund“ und „Jeannette Rankin Foundation“ erhielten.

[7] zu Park Fiction, siehe in: ”Die Kunst des Öffentlichen” S. 122ff und ”A.N.Y.P.” Nr. 7, 1996

[8] Florian Rötzer, Mediales und Digitales, in: Digitaler Schein, Frankfurt am Main 1991, S. 20

[9] siehe auch Sabine B. Vogel, Wieviel Gruppe ist in Gruppenausstellung, in: A.N.Y.P. Nr. 5

 

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