Thaddaeus Ropac über den Purvitis Prize, Artflipper + Kiefer

02. Mrz. 2017 in Interview

Nominierte KünstlerInnen des Purvisa Price 2017, Riga

Nominierte KünstlerInnen des Purvisa Price 2017, Riga

Vilhelms Purvītis (1872–1945) ist einer der wichtigsten Maler Lettlands. In seinem Namen wurde auf Initiative des Lettischen National Museums 2008 der wichtigste Preis für lettische Kunst gegründet. Im Zweijahresrhythmus vergeben, wählte gerade eine internationale Jury (Mara Lace, Direktorin Nationalmuseum; Janis Zusans (Sponsor), Hedwig Fijen (Manifesta), Thaddaeus Ropac (Galerist), Juliet Bingham (Kuratorin Tate Modern),  Rebecca Russo (Sammlerin), Mark Allen Svede (Kunsthistoriker)) Gewinner des heurigen 5. Purvitis Prize aus. Aus Anlass der Preisvergabe entstand das Gespäch mit Thaddaeus Ropac, weswegen das gesamte Gespräch mit den Werken der 8  Nominierten bebildert ist.
SBV: In ihrem Vortrag für die „Talking Galleries“-Konferenz Anfang Januar in Barcelona sprachen Sie von einer „schwarzen Liste für Artflipper“ – gibt es wirklich so eine Liste? Was sind die Kriterien für solche gebannten Käufer?

View from Joviality. Work by Maija Kurševa

Maija Kurševa, Joviality, 2017

Thaddaeus Ropac: Eine konkrete Liste gibt es natürlich nicht. Aber es gibt ganz klare Absprachen unter Galeristen. Man warnt sich gegenseitig vor reinen Investoren, also Leuten, die ein am Kunstmarkt besonders gefragtes Werk kaufen und in kürzester Zeit mit einer Gewinnspanne weiterverkaufen. Wir versuchen in der Galerie ziemlich konkret, nicht an Investoren zu verkaufen – übrigens auch nicht an Art Funds. Wir vertreten ja Adrian Ghenie, bei dem wir gerade besonders aufpassen. Seine Werke sind am Kunstmarkt geradezu hysterisch gefragt, aber wir versuchen, seine Bilder so gut wie möglich zu platzieren, in großen Museen wie Centre Pompidou oder Tate Gallery.
SBV: Nimmt die Zahl derer, die weniger Sammler als Verkäufer sind, nicht in letzter Zeit immer mehr zu?

Atis Jākobsons, Dark Matter, 2017

Atis Jākobsons, Dark Matter, 2017

Thaddaeus Ropac: Nicht bei denen, mit denen wir arbeiten. Die Investoren sind noch immer die Ausnahme. Der Kunstmarkt ist nicht so begierig und vordergründig, wie sich das darstellt. Die Kunstszene wird schon noch getrieben von der klassischen Leidenschaft des Sammelns. Und das meiste findet dann irgendwann in ein Museum, ob Privatmuseen oder Schenkungen. In den Medien wird so viel von Artflippern gesprochen und so wenig darüber, dass heute so viel Kunst den Museen geschenkt wird wie nie zuvor. Das ist ein Fakt. Wir sind auch in der Galerie viel damit beschäftigt, mit den Sammlern zusammen Orte zu finden, wohin Sammlungen übergehen können. Man sollte nicht das Negative zu betonen – Artflipper sind wohl eher ein Wahrnehmungs- als ein wirkliches Problem.

Ivars Drulle, To My Homeland, 2017

Ivars Drulle, To My Homeland, 2017

SBV: Sie sind einer der Galeristen, die sich in für Anselm Kiefer engagiert. Im CAFA-Museum in Peking wurde ja gerade dessen allererste Personale in China gezeigt – die gegen seinen Widerstand stattfand. Organisator war eine kommerzielle Agentur in Hamburg, die unter dem Namen „Bell Art GmbH“ Künstler aus China nach Europa bringt. 80 der insgesamt 87 Werke Kiefers stammen aus der Sammlung von Maria Chen Tu – und sind alles andere als repräsentativ für Kiefers Oeuvre. Wieso kann eine Schau so zustande kommen?
Thaddaeus Ropac: Juristisch ist das geklärt. Wenn Werke verkauft sind, können Ausstellungen gemacht werden, der Künstler gibt das Werk in die Öffentlichkeit ab.

Arturs Bērziņš, 2017

Arturs Bērziņš, 2017

SBV: Haben Künstler tatsächlich keine Chance, eine Personale ihrer Werke zu verhindern?
Thaddaeus Ropac: Verhindern ist nicht möglich. Aber ich kann zu dem Thema leider nicht mehr sagen, weil auch noch juristische Schritte offen sind.
SBV: Die Kuratorin der Schau, Beate Reifenscheid, spricht von ihrer „kuratorischen Freiheit“, wie es im Art Newspaper heißt – wie sehen Sie dieses Recht?

Anda Lāce, Decontamination. Performance view

Anda Lāce, Decontamination. Performance view

Thaddaeus Ropac: Kuratoren werden sicher geschätzt, diese Position steht nicht in Frage.
SBV: Das ist eine sehr diplomatische Antwort! Widerspricht diese Freiheit nicht jener der Künstler?
Thaddaeus Ropac: Kunst erzeugt einen Diskurs. Jeder, der Kunst sieht, kann darüber urteilen, sprechen, darüber schreiben. Diese Freiheit besteht. Der Künstler hat da keinen Einfluss. Aber er kann dazu seine Meinung äußern.
SBV: Ist es letztendlich eine Frage des Respekts den Künstlern gegenüber?

Kristaps Epners, Exercises, 2017

Kristaps Epners, Exercises, 2017

Thaddaeus Ropac: Absolut! Die meisten großen Museen weltweit haben diesen Respekt auch. Die meisten wollen und suchen ja auch den Kontakt zu Künstlern – die Situation am CAFAM in China ist sehr ungewöhnlich.
SBV: Sie waren gerade als Jurymitglied des Purvitis-Kunstpreises in Riga eingeladen – wie interessant sind solche Jurys für Sie und werden wir in nächster Zeit lettische Kunst in Ihrem Galerien sehen?
Thaddaeus Ropac: Ich bin sehr gerne in einer Preisjury. In Riga war ein guter Grund dafür, die Kunstszene dort kennenzulernen. Wir bekamen im Vorfeld schon Informationsmaterial zu den acht Finalisten und das war durchaus eine Motivation, mich intensiv mit Künstlern zu beschäftigen, die ich bisher nicht kannte. Mir hat das großen Spaß gemacht.

Score for God’s Little Land I. Krišs Salmanis, Anna Salmane, Kristaps Pētersons

Score for God’s Little Land I. Krišs Salmanis, Anna Salmane, Kristaps Pētersons

SBV: Als Preisgewinner hat die Jury eine Musikkomposition gewählt – was interessiert Sie an diesem Werk? Kriss Salamanis, Anna Salmane, Kristaps Petersons analysierten dafür die Liedtexte des Lettischen Songfestivals und stellten fest, dass die Worte Sonne, Mädchen und Gott am häufigsten vorkamen. Mit dem Wort Gott entwarfen sie eine neue, kakophonische Komposition aus 184 Musikfragmenten.

Gewinner des 5. Purvitis Prize: Kriss Salmanis, Anna Salmane

Gewinner des 5. Purvitis Prize: Kriss Salmanis, Anna Salmane

Thaddaeus Ropac: Schon im Vorfeld hat mich diese Arbeit vom Konzept her interessiert. Das Musikfestival hat ja was mit nationalem Stolz zu tun, das war mir eher unheimlich. Die Drei haben das dann wie mit einem Seziermesser auseinander genommen und auf dieses eine Wort beschränkt – das hat mir sehr gefallen. Das war ja auch die Meinung der Kollegen in der Jury.
SBV: Hat ein so hochkonzeptionelles Werk eine Chance auf dem heutigen Kunstmarkt?
Thaddaeus Ropac: Ja natürlich! Wie das gemacht und gedacht ist, das ist hochspannend. Wir werden ja zur Eröffnung der neuen Räume in London im April Oliver Beer zeigen, der ganz ähnliche Arbeiten macht, eine Mischung aus Performance und Musik, einem Summen. Das hat natürlich einen eingeschränkten Sammlerkreis, aber für Institutionen sind die Überschneidungen von Kunst, Performance, Musik und Komposition sehr spannend.
SBV: Würden oder werden Sie das auch ausstellen, vielleicht in Ihrer neuen Galerie, die Sie im April in London eröffnen?

Voldemārs Johansons, 2017

Voldemārs Johansons, 2017

Thaddaeus Ropac: Mir gefällt die Idee, über die Umsetzung müsste ich mit den Künstlern noch sprechen und ihre Arbeit weiterverfolgen. Aber spannend fand ich auch die Videoinstallation von Voldemars Johansons, der bedrohliche Sound zu dem Video der hohen Wellen – das war so intensiv, fast nicht zum Aushalten.
SBV: Was werden Sie in London zur Eröffnung zeigen?
Thaddaeus Ropac: Es ist ein fünfstöckiges, historisches Stadthaus in Mayfair und wir präsentieren vier getrennte Ausstellungen: frühe Werke von Gilbert & George, amerikanische Minimal Art aus der Sammlung Marzona, eine Skulptur und Zeichnungen von Joseph Beuys und eine Performance von Oliver Beer.
SBV: Wie schätzen Sie die Auswirkungen des Brexit auf den Kunsthandel ein?
Thaddaeus Ropac: Ich bin einhundertprozentiger Europäer und war sehr enttäuscht über den Brexit. Wir waren da schon mitten in den Vorbereitungen, aber ich hätte mich auch von dem Ausstieg Englands aus der EU nicht von meinen Plänen von London abhalten lassen. Kunst setzt ihre eigenen Grenzen, ich glaube nicht, dass London seine Bedeutung als bedeutende Kunststadt verlieren wird. Es wird komplizierter werden, jede Kunstwerk-Einfuhr wird wieder mit viel Papierkram verbunden sein, dazu kommt die Mehrwertsteuerhinterlegung – das wird teuer werden. Aber der Kunstmarkt wird genauso weiter funktionieren.

Namen der Kandidaten auf der Wand im Museum

Namen der Kandidaten auf der Wand im Museum