Trotz Corona – Vienna Contemporary 2020

28. Sep. 2020 in Ausstellungen

Vienna Contemporary 2020. Courtesy Vienna Contemporary

Vienna Contemporary 2020. Courtesy Vienna Contemporary

Lange ungewiß, jetzt entschieden: Die Vienna Contemporary 2020 (VC) hat eröffnet. Aber: nur eine Halle, nur 62 Galerien, dafür acht Meter breite Gänge – die Kunstmesse ist geschrumpft. Letztes Jahr nahmen 110 Galerien in zwei Hallen teil. Dass die renommierte Wiener Kunstmesse überhaupt eröffnen kann, grenzt an ein Wunder. Durch die hohen Infektionszahlen in Wien steht die Corona-Ampel für die Hauptstadt auf Orange, die Sicherheitsauflagen für Messen sind drastisch – und dies zu Recht, wie die jüngste Entwicklung in Berlin zeigt: Nach dem Gallery Weekend wurde eine Galeristin positiv getestet. Dinner, Parties und Vernissagen, die Corona-App hatte immer wieder ´rot´ gewarnt, soziale Treffen gehören ganz offensichtlich zur hohen Risikogruppe. Wie gefährlich Messen sein können, erfuhren viele Aussteller bereits im Frühjahr mit den vielen Infizierten auf der TEFAF in Maastricht und der ARCO in Madrid. In Wien wurden die Einschränkungen noch Stunden vor der Eröffnung der Alternativmesse Parallel in einem leerstehenden Bürogebäude verschärft. Jetzt dürfen nur noch 300 Personen pro Zeitslot die 130 Teilnehmer in 120 Räume auf 8 Etagen besuchen. Auf der Vienna Contemporary 2020 sind es bei 3 dreistündigen Slots immerhin je 2000 Besucher. Und auch die Galeristen sind betroffen. Denn nicht nur in Wien, auch in den östlichen Nachbarländern steigen die Covid-19-Infektionszahlen teils dramatisch an, die Grenze zu Ungarn ist geschlossen. Auf der VC stammen immerhin 21 Galerien aus dieser Region, einige konnten nicht anreisen: 418 Gallery aus Budapest dirigierte die Standbetreuer per Telefon beim Standaufbau und die Koje von Vintage Gallery aus Budapest wird kurzerhand von dem in Wien lebenden Künstler Andreas Fogarasi zusammen mit seiner Galerie Georg Kargl Fine Arts bespielt. Noch im letzten Moment sagten drei Galerien ab, darunter Jochen Hempel aus Deutschland und der Kunsthändler Clemens Gunzer aus der Schweiz – offenbar ist ihnen die drohende Quarantäne bei der Rückkehr aus dem Risikoland Österreich zu steil. Die vier Galerien aus Moskau ließen sich nicht abhalten, und Thaddaeus Ropac sprang sogar kurzfristig noch ein. Statt Feldbusch Wiesner Rudolph aus Berlin zeigt Ropac dort jetzt eine einsame Skulptur: Wanda Czelkowskas im Stil der Moderne geformter „Head“ von 1968.

Vienna Contemporary 2020. Courtesy Vienna Contemporary

Vienna Contemporary 2020. Courtesy Vienna Contemporary

Es ist eine Bravourleistung des Messeteams, unter solchen Bedingungen die Vienna Contemporary 2020 zu organisieren. Aber warum wird in einer derartig heiklen Situation überhaupt eine internationale Kunstmesse abgehalten? Ist es wie im Fußball eine Verpflichtung den Werbekunden und Sponsoren gegenüber, die unter allen Umständen auf die Einhaltung von Verträgen drängen? Dazu erhält man leider keine Auskunft. Stattdessen erklärte VC-Eigentümer Dmitry Aksenov zur Pressekonferenz, die Messe zu eröffnen sei ihr „commitment“, ihre „task“ und sie wollen damit die Galerien unterstützen – was allerdings nicht alle Angesprochenen so sehen. Im Juni hatten Wiener Galerien die Absage der Messe gefordert, später unterzeichneten 22 Galerien einen Brief mit der Forderung einer 50-prozentigen Kostenreduktion. Zwar ist der ursprüngliche Quadratmeterpreis von 290 Euro jetzt tatsächlich deutlich gesenkt, 25 Quadratmeter kosten 4.500 Euro für Etablierte bzw. 3000 für junge Galerien, 35 Quadratmeter 6000 Euro bzw. 4500 Euro. Trotzdem nehmen 16 namhafte Wiener Galerien nicht teil: einige aus Kostengründen wie Cornelis van Almsick, der stattdessen einen Raum auf der Parallel mietet. Dort konnte er schon am ersten Tag zwei Bilder von Charlotte Klobasse zum Preis von 4.600 Euro verkaufen. Bei 1700 Euro Standkosten bleibe ihm ein deutlich höherer Gewinn als auf der VC, erklärt er. Andere Galerien entschieden sich aus Verantwortung ihren Sammlern gegenüber oder aus Skepsis gegenüber erwartbaren Verkäufen gegen die Messe.

Laurence Sturla, Gianni Manhattan. Courtesy Vienna Contemporary 2020

Laurence Sturla, Gianni Manhattan. Courtesy Vienna Contemporary 2020

Und diese Vorsicht scheint ihnen Recht zu geben. Zur Preview könnten 6000 Gäste kommen, anmeldet haben sich für die drei Slots offenbar nur insgesamt 1800 Gäste. Das aber hat einen wunderbaren Venedig-in-Corona-Zeiten-Effekt: Während der ersten Preview-Stunden ist die VC geprägt von einer herrlich entspannten Ruhe. Die sehr luftig gehängten, diesmal wenig tief und dafür breit angelegten Stände können dank der fast leeren Gänge perfekt wirken. Die Galerist*innen haben deutlich mehr Zeit zum Reden, die verstreuten Gäste genießen die ausführlichen Erklärungen. Gezeigt wird vor allem Malerei – in schwierigen Zeiten ein sicheres Angebot.

Laurence Sturla (Detail), Gianni Manhattan. Courtesy Vienna Contemporary 2020

Laurence Sturla (Detail), Gianni Manhattan. Courtesy Vienna Contemporary 2020

Fotografie ist weitgehend verschwunden, bei den wenigen Skulpturen dagegen kann man spannende Entdeckungen machen wie die surrealen, rötlichen Salzton-Architekturen in Salzwasserbecken des jungen Laurence Sturla am Stand der Galerie Gianni Manhattan. Am Ende der vier Messetage werden sie von weißen Kristallen überzogen sein. Oder Kristof Kinteras rohe und zugleich poetische Skulptur bei Jiri Svestka, die an eine Blume erinnert. Die meisten seiner Prager Sammler, die er einlud, sagten ihren Besuch ab, erzählt Svestka – umso mehr freue er sich über das doch große Interesse in Wien. Wie er sind die meisten Galerien hier froh, dass überhaupt eine Kunstmesse dieses Jahr stattfinden – und begeistert über die neue Solidarität zwischen den Galerien. Als ertragreiches Geschäftsmodell allerdings kann diese Ausgabe kaum funktionieren. Die nächste Vienna Contemporary wird hoffentlich 2021 wieder in der Marx-Halle in voller Größe stattfinden.

Vienna Contemporary, 24-27. September 2020
veröffentlicht in: WELT, 26.9.2020