Gleich anschließend an die 8. Art Dubai lädt die Yarat Foundation in Baku zu „Love Me Love Me Not“ ein – eine spannend, hochpolitische Ausstellung in Aserbaidschans Hauptstadt im futuristischen Heydar Aliev Center.
Die Blumen auf den Fensterbänken sind mit Schlössern gesichert, der Holzboden ist gebrochen, die Stromkabel hängen lose herum. Dieser Dachboden ist noch ein Überrest aus der Sowjetzeit, als die Künstler in Aserbaidschans Hauptstadt Baku vom Staat kostenlose Arbeitsräume erhielten. Luxeriös war es hier wohl nie, aber jetzt sind diese Ateliers nur noch desolat. Solche Vergünstigungen bietet der postsowjetische Staat nicht mehr. Dafür findet jetzt keine Zensur mehr statt und seit zwei Jahren gibt es erstmals ein Ausstellungshaus: das Vorzeigeprojekt im Zentrum von Baku. In dem futuristischen, von Zaha Hadid entworfenen Kulturzentrum sind gleich zwei Ausstellungen zu sehen: „Fly To Baku“, die letztes Jahr bereits im Kunsthistorischen Museum in Wien stationierte, und „Love Me Love Me Not“, Aserbaidschans Beitrag zur letztjährigen Biennale Venedig.
Yarat Foundation – die wichtigste, die einzige Förderinstitution in Baku
In Baku allerdings wirken die Kunstwerke inmitten der viel zu geschwungenen Wände und allzu platzintensiven Freiflächen des Hadid-Bauwerks reichlich verloren. Ihre Botschaften dagegen sind umso lauter. Die Künstler stammen aus dem Iran, Aserbaidschan, Russland und Georgien und ihre Werke sollen über „vergessene Verbindungen zu ihren Wurzeln“ eine regionale Identität bestärken. So werden immer wieder Tradition und Erinnerung angesprochen wie in Aida Mahmudovas Skulptur aus niedrigen, ornamental geformten Spiegeln, die ein verwirrendes Schattenspiel erzeugen. Mahmudova, Nichte der First Lady, ist zugleich auch Gründerin der Yarat Foundation, der wichtigsten – und einzigen – Förderinstitution des Landes, in deren Namen (und Budget) die Ausstellungen stattfinden. Im Oktober wird die Yarat Foundation bzw. Mahmudova mit zwei weiteren Künstlern an der Wiener Kunstmesse Viennafair teilnehmen. Im März zeigte die Stiftung gerade acht Künstler im Länderschwerpunkt ´Zentralasien und Kaukasus´ auf der Art Dubai.
Kunst aus Georgien auf der Art Dubai
Dieser Länderschwerpunkt ist eine auf Kunstmessen übliche Praxis, die allerdings meist auf bekannte Nationen setzt. Für die Art Dubai dagegen werden Länder ausgewählt, die bisher kaum zu sehen waren, Indonesien, Afrika und heuer Zentralasien. Besonders beeindruckend ist die aus Holz geschnitzte Mutter-Vater-Kind-Idylle, die nachhaltig irritiert. Denn der Vater krallt seine Hand brutal in das Herz, die Mutter ihre Hand in das Bein des Kindes – Regimekritik? Festlegen auf diese Sicht möchte sich die Galeristin von „Window Project“ aus Georgien lieber nicht. Die Galerie betreibt keinen traditionellen Raum, sondern bespielt vier Schaufenster in Tbilis – die Infrastruktur für Kunst ist noch im Entstehen.
Aufbau der kulturellen Infrastruktur in Dubai
Wie schnell der Aufbau einer kulturellen Infrastruktur und auch Nachfrage gehen kann, erleben wir seit einigen Jahren in Dubai. In nur acht Jahren hat sich im Wüstenemirat eine spannende, hoch-professionelle Galerienszene und die wichtigste Messe der Region entwickelt. Nirgendwo sonst kann man sich so umfassend über die radikalen Entwicklungen in der Kunst der Region informieren und das atemberaubende Tempo der Veränderungen beobachten wie auf der Art Dubai.
Als die Messe 2007 begann, waren Galerien, Publikum und Kunst vorwiegend westlicher Herkunft. Kunst der Region? Unbekannt und ungefragt. Als die Galerie Athr aus Jeddah 2008 erstmals teilnahm, gab es praktisch keine saudi-arabische Kunst. Nur sechs Jahre später ist es umgekehrt: Während Athr heuer schon zur Voreröffnung ausverkauft war, konnte die im Westen so renommierte New Yorker Galerie Barbara Gladstone mit Ugo Rondinone und Boetti niemanden anlocken. Ohne Kunst der Region, das muss hier jede Galerie erfahren, geht nichts, denn die Sammler aus Kuwait, Irak, Iran und Indien interessieren sich nicht für etablierte Art Basel-Kunst.
Blick in die Kunstgeschichte der Region
Das Tempo spiegelt sich auch in der neu eingerichteten Sektion „Art Dubai Modern“ wider: Elf Galerien präsentierten heuer erstmals Werke aus der Zeit von 1940 bis 1980 – beeindruckende kunsthistorische Positionen wie die Bilder von Zahoor ul Akhlaq (Pakistan, 1941-´99), der aus der Miniaturmalerei das Element der Gitter isolierte und diese als Antwort auf die westliche Zentralperspektive entwickelte. Im Westen unbekannt, beeinflusst sein Werk bis heute die zeitgenössische pakistanische Kunst (ArtChowk, Karachi; ab 20.000,- $).
Oder Syed Sadequains (1930-´87) „Kalligraphischer Kubismus“, wie der pakistanische Maler seine frei über die Bilder tanzenden, zeichenhaften Formen in den 1960ern nannte (Aicon Gallery, New York; ab 220.000,- $). Vieles wirkt vertraut und fremd zugleich wie die poetischen Geometrien von Anwar Jalal Shemza (Indien, 1928-´85; Jhaveri Contemporary, Mumbai), der bereits in der Tate Sammlung vertreten ist.
Allen diesen Künstlern gemeinsam ist, dass sie Mitte des 20. Jahrhunderts zeitweise in London oder Paris lebten. Aber der Westen als Mekka der Kunst, das spürt man hier deutlich, ist vorbei. Stattdessen werden die kulturellen Wurzeln geographisch neu verortet und wie mit „Love Me Love Me Not“ in Baku im regionalen Kontext verankert.
8. Art Dubai 2014
Yarat Foundation, Baku
veröffentlicht in: Die Presse, 6.4.2014