10. Gwangju Biennale 2014

15. Sep. 2014 in Biennalen

Ein Helikopter kreist über dem Platz, neben dem Bus steht ein Krankenwagen, hinten werden Container abgeladen. Dazwischen bilden weißgekleidete Frauen einen Halbkreis. Es ist die traditionelle Trauerkleidung hier in Südkorea, denn diese Menschen sind Angehörigen der Opfer des Mai-Aufstands 1980 in Gwangju.

Damals demonstrierten Studenten gegen das Militärregime, mehr als 500 starben. Die Frauen warten auf die Passagiere aus dem Bus: Angehörige von jenen, die während des Koreakrieges 1950-53 in der ganzen Nation als angebliche Kommunisten erschossen wurden – ein Unrecht, das bis heute nachwirkt. Denn es traf viele Bauern, die ihr Land verloren, und betrifft noch immer berufliche Aufstiegschancen der Hinterbliebenen. Initiiert von der koreanischen Künstlerin Minouk Lim, treffen beide Gruppen heuer erstmals zusammen. In Lims Performance „Navigation“ begrüßen jene aus Gwangju die andere Gruppe, einige gehen hinüber zu dem Krankenwagen und übernehmen dort die Knochen, die in Massengräbern gefunden wurden. Feierlich tragen sie die Schachteln zu den beiden Containern – eine in Korea übliche Zeremonie für Gedenkstätten. Für die Dauer der Gwangju Biennale stehen die Container jetzt auf dem Vorplatz der Biennale-Halle. Durch die Fensterscheiben kann man die Knochen als Zeugen der Vergangenheit sehen.

Minouk Lim. c SBV

Mit dieser dramatischen Performance begann am Mittwoch die 10. Gwangju Biennale – und das ist ein starkes Statement. Nahezu jede der vorangegangenen Ausgaben demonstrierte eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Mai-Aufstand von 1980, immer wieder nahmen einige Künstler darauf Bezug. Niemand ging bisher allerdings so weit wie Lim. Denn ihre Performance, in der Ausstellung als Video zu sehen, ist wirkungsmächtig: Sie stellt Verbindungen her und fordert die eher wenig kritischen, nationalen Medien auf, die Aufklärungsarbeit zu unterstützen – darum auch saß ein Reporterteam im Helikopter. Aber nicht nur die koreanischen Medien, jeder Besucher ist aufgefordert, sich mit der Geschichte zu beschäftigen: Was bedeutet die Vergangenheit für unsere Gegenwart, welche Rolle, welche Verantwortung übernehmen wir darin, welche Kraft haben Veränderungsprozesse?

10. Gwangju Biennale. c SBV

Diese Fragen unterliegen nicht nur Lims Performance. Es sind Leitfragen der gesamten Biennale, die heuer zugleich eine Jubiläumsveranstaltung ist. Denn die Gwangju Biennale wurde vor 20 Jahren gegründet, um dem Demokratisierungsprozess Koreas ein Zeichen zu setzen und an den blutigen Mai-Aufstand von 1980 mit einem positiven Ereignis zu erinnern.

Jessica Morgan + Yong-woo Lee während der PK, Gwangju Biennale 2014

Zwar reagiert die Biennale-Kuratorin Jessica Morgan mit ihrer Ausstellung darauf nicht direkt, dafür aber umso emotionaler. Das deutet schon der Titel an: „Burning down the house“. Die Popband Talking Heads landete 1983 mit dem gleichnamigen Song einen Hit. Morgan, hauptberuflich für internationale Kunst an Tate Modern in London zuständig und gerade zur neuen Direktorin der US-amerikanischen DIA Art Foundation berufen, interessiert aber nicht der Song. Feuerbrand ist für sie ein Symbol von Veränderungsprozessen, in denen Zerstörung und Erneuerung zusammenkommen, Verlust auch Neubeginn sein kann.

Mit diesem Fokus gelingt es Morgan, Gwangjus bzw. Südkoreas politische Geschichte untergründig durch die gesamte Biennale mitzutragen. Feuer, Rauch, Zerstörung, Gewalt – was in manchen Werken bis zu Folter und Gefängnis reicht – sind die Leitmotive in den Beiträgen der 105 KünstlerInnen aus 36 Ländern, darunter 19 aus Südkorea und mehr als die Hälfte weiblich. Immer wieder stehen politische Ereignisse zur Debatte, oft gefiltert durch persönliche Erfahrungen. Anders als die vorherigen Biennalen konzentriert Morgan die Ausstellung hauptsächlich auf die beiden Hallen und schafft darin fünf „unabhängige atmosphärisch Zonen“, wie sie es nennt.Es beginnt mit Filmen früher Performances von Lee Bul in monsterhaften Kostümen und Positionen, die im Zeichen der Demokratisierungsbewegungen entstanden.

Lee Bul, Gwangju Biennale 2014, Foto Stefan Altenburger

 

Lee Bul, Sorry for suffering–You think I’m a puppy on a picnic?, 1990.
12-day performance, Kimpo Airport, Narita Airport, downtown Tokyo, Dokiwaza Theater, Tokyo. Courtesy: Studio Lee Bul.

Darauf folgt Young Soo Kims Fotoserie aus den 1980er Jahren, in denen er Folterszenen der Militärregierung rekonstruiert.

Young Soo Kim, A Torture, s/w Fotografien (19), 1988

 

Ken Unsworth, Five secular settings for sculpture as riutal and burial, 1975

Gleich gegenüber präsentiert Morgan die Fotografien des Australiers Ken Unsworth aus den 1970er Jahren, die an die Selbstverletzungen des Wiener Aktionismus erinnern – Gewalt als avantgardistisches Aufbegehren. Historische Werke wechseln mit Neuproduktionen ab, Yves Kleins und Anwar Shemzas mit Feuer geschaffene Bilder der 1960er Kahre treffen auf die schwarzen Skulpturen von Camille Henrot, die wie die Relikte eines verbrannten Lebens aussehen.

Camille Henrot, Augmented Objects, 2010. 36 gefundene Objekte mit Teer und Ton. c SBV

In der „Galerie 2“ wird die Konsumgesellschaft Asiens als Motor für gesellschaftliche Veränderungen thematisiert, wenn etwa Jianyi Geng Freunde bat, ihm etwas Nutzloses zu geben. „Useless“ nennt er die Ansammlung dieser Objekte, die den Wandel veranschaulichen – Verlust oder Neubeginn?

Jianyi Geng, Useless. Gwangju Biennale 2014. c SBV

Überhaupt legt Morgan viel Wert auf erzählerische Werke – dies auch im Bewusstsein, dass diese Biennale im Schnitt von 600.-800.000 Menschen besucht wird. Werden Anfangs Körper, dann gesellschaftliche Werte mehr oder weniger gewalttätig verändert, so steht in der „Galerie 3“ die Deformation des Hauses im Zentrum. Dafür ließ Urs Frei sein New Yorker Apartment als 1:1-Modell aufbauen und die Wände mit lebensgroßen Fotografien seiner Räume tapezieren.

Urs Fischer, 38 East 1st Str. Gwangju Biennale 2014, c SBV

 

Carol Christian Poell, ‚Squartter‘ in Urs Fischer, ’38 E. 1st St.‘, Gwangju Biennale 2014, © Stefan Altenburger

 

George Condo „God 2“, 2014, in Urs Fischers Küche, Gwangju Biennale 2014, c SBV

Darin inszeniert Morgan eine Ausstellung, die die Räume zu verletzen scheint, mit George Condos goldenen Bronzen deformierter Köpfe oder Tomoko Yonedas Fotografien, mit denen er die problematische Geschichte eines ehemaligen Militärkrankenhauses aus der Zeit der japanischen Besatzung erkundet – beeindruckende Überblendungen in Urs Fischers dekorativen Privaträumen.

Tomoko Yoneda, Kimusa 12, 2009, in Urs Fischers Badezimmer, Gwangju 2014. c SBV

Nicht alle Beiträge dieser Biennale sind unmittelbar auf die Leitmotive zurückzuführen. Bisweilen überdehnt Morgan die Thematik, wenn sie Auflösungsprozessen auf Genderfragen und Geschlechterrollen anwendet. Oder verliert gänzlich den Faden wie in den banalen, pneumatischen Plastikobjekten von Anthea Hamilton & Nicholas Byrne, die „auf die überdimensionierten Bilder in der Werbung und Popkultur antworten“ – was hat das mit Feuer, Zerstörung, Verwandlung zu tun? Aber solche Seitenpfade sind verzeihlich, denn diese Biennale beeindruckt mit auffallend vielen, qualitativ überzeugenden Werken.

Tetsuya Ishida, Recalled, 1998


Tetsuya Ishida, Interview, 1998

Immer wieder sind hier Künstler zu entdecken wie der Rumäne Mircea Suciu: „Dust to Dust“ besteht aus 50 Kohlezeichnungen, die politische Ereignisse der letzten 100 Jahre seit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges aufgreifen. Oft ist Rauch zu erkennen – ein Sinnbild für „den unbewussten Wunsch der Menschen nach Reinigung und Transformationen durch Feuer und Zerstörung“, wie es Sucius erklärt.

Mircea Sucio, Dust to Dust, Gwangju Biennale 2014. c SBV

Rauch ist ein zentrales Motiv der gesamten Biennale, denn sämtliche Wände der Ausstellung sind mit grob gepixelten Fotografien von Rauch tapeziert. Entworfen von dem britischen Designerteam El Ultimo Grito, sollte damit eine Vereinheitlichung erreicht werden – was auch gelungen ist. Mehr noch: Diese wolkenähnlichen Rauchformationen verstärken den Grundton dieser Biennale: die Unentschiedenheit zwischen der destruktiven oder konstruktiven Kraft von Feuer. Durch diesen Grundton ist Jessica Morgan eine sehr emotionale Biennale gelungen, die niemanden unberührt lässt.

Brenda Fajardo, Crossroads, 2003, Acryl auf Leinwand

10. Gwangju Biennale, 5.9.-9.11.2014

veröffentlicht in: FAZ, 8.9.2014

Eko Nugroho, Gwangju Biennale 2014, © Stefan Altenburger


Huma Mulji, ‚Ode to a Tubelight‘ and ‚Memory of a Pink‘, Gwangju Biennale 2014, © Stefan Altenburger


Seulgi Lee, ‚U‘ and ‚Clamour‘, Gwangju Biennale 2014, © Stefan Altenburger


Sheela Gowda, ‚Protest, my son‘ and ‚Margins‘, Gwangju Biennale 2014, © Stefan Altenburger

 

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