Documenta11 2002

11. Jun. 2002 in Biennalen

Documenta11

FAZ, 11.06.2002 ·  Im postkolonialistischen Zeitalter werden auf der Documenta11 persönliche Geschichten mit der Kamera erzählt und ästhetisch umgesetzt.

Documenta11: Die Künstlerliste blieb bis kurz vor der Eröffnung unter strengstem Verschluss. Die Vorab-Veranstaltungen konzentrierten sich als „Plattformen“ auf politische Themen. Als Bezugsrahmen wurde für die D11 die documenta 5 des Jahres 1972 benutzt. Da hinein packte Okwui Enwezor alle Probleme und Krisen unserer gegenwärtige Welt. Damit wurde ein großer Bogen gespannt, den die Documenta11 einlösen sollte. Dementsprechend hoch schraubten sich die Spekulationen im Vorfeld der Ausstellung.

Was sieht der Besucher nun, wenn er nach Kassel fährt? Wird er vom Kulturbahnhof bis zur documenta-Halle durch einen Theorie-Parcours geschleust, sortiert nach politischen Schlagworten? Oder gerät er in eine konventionelle Ausstellung, die ganz traditionell Werk an Werk reiht? Legen sich die Schlagworte Postkolonialismus, Migration, Globalismus mit schwerem Gewicht auf die Kunstwerke oder finden sie in künstlerischen Übersetzungen zu einer eigenen Sprache? Sehen wir unsere gegenwärtige Welt in den Werken gespiegelt? Findet man vielleicht sogar „Interpretationsmodelle für die verschiedenen Aspekte heutiger Vorstellungswelten“? (Enwezor)

Es ist kein Parcours, eher eine traditionelle, perfekt präsentierte Ausstellung, in der sehr viele sehr konkrete Krisen und Katastrophen, Themen und Probleme teils dokumentiert, teils erzählt werden. Ryuji Miyamoto fotografiert zerstörte Gebäude nach dem Erdbeben 1995 in Kobe/Japan, Kendell Geers zeigt Fotografien von Absperrungen und Schilder privater Sicherheitsdienste in Johannisburg, David Goldblatts Foto-Serien kombinieren einen persönlichen mit einem politischen Blick auf Südafrika. Der Dokumentarfilmer Eyal Sivans zeigt den Völkermord in Ruanda, Amar Kanwar legt indische Lieder und Gedichte über bedrückende, suggestiv inszenierte Bilder von Gefängnissen oder Grenzsituationen. Auch im Film der in Uganda geborenen Inderin Zarina Bhimji zieht uns diese Mischung aus wunderschönen Bildern mit politisch explosiver Bedeutung in den Bann.

Diese Mischung ist es allerdings auch, die langsam ratloser werden lässt. Seifollah Samadians 9-minütiger Film „The White Station“ ist von enormer suggestiver Kraft. Schwarz-weiß, nur mit dem Geräusch von Krähen und Wind unterlegt, laufen eingemummte Gestalten mit Regenschirmen durch einen Schneesturm. Wer und warum entschlüsselt sich nicht. Eine Absperrung liegt zwischen Kameraposition und Geschehen. Samadian filmt aus seinem Teheraner Hochhaus. „Der Film ist vor allem ein stilles Zeugnis der postrevolutionären Veränderungen, die zu Lasten der Frauen gehen“ heißt es im Kurzführer zur Ausstellung.

Die Diskrepanz zwischen den zwar traurigen, aber ästhetisch faszinierenden Bildern, der suggestiven Stimmung und der offenbar angestrebten Interpretation verklärt das intendierte Problembewusstsein. Derselbe Spagat zwischen Motiven drängender gesellschaftlicher Probleme und deren allzu ästhetischer Verarbeitung findet sich auch in der Installation von Tania Brugueras, die 1968 in Havanna geboren wurde, wo sie nach wie vor lebt: von Scheinwerfern geblendet, hören wir nur das Geräusch von Schritten und Gewehren, die geladen werden. Der Besucher wird fast bis zur Schmerzgrenze geblendet. Und damit kennen wir auch die ästhetische Dimension dieser eigentlich beängstigenden Situation.

Vollends verloren geht der Faden von Weltproblemen, Postkolonialismus und Globalisierung angesichts der beeindruckenden Werke von Giuseppe Gabellone und John Bock. Der junge Italiener Gabellone zeigt die Fotografie einer Skulptur eiskalt-blauer Blumen. Gebaut, fotografiert, zerstört – nur die Fotografie existiert noch, sehr poetisch aber auch ein wenig kryptisch. Jede allegorische Deutung soll vermieden werden.

John Bock hat ein kleines Bock-Universum in den Karlsauen aufgebaut, in denen skurrile Kleidungsstücke mit überlangen Ärmeln, Videos vergangener Performances und Koffer voller weiterer Utensilien für kommende „Vorträge“, wie er es nennt, stehen. Dann spricht der Norddeutsche in seriösestem Ernst mit Zeichenstift, Nivea-Creme und Rasierschaum als Erklärungshilfen vom „Iso-Schizo-Strudel“, vom „Milchtrichter“, in dem sich „das Nichts aus dem Aura-Aroma“ entwickelt, das „Quasi-Me“ bildet, um Kontakt zur „Parawelt“ aufzunehmen und als „molekulare Heimsuchung“ den „Paradandy“ formt.

Wunderbar! Spätestens nach diesem Vortrag versteht man: Die Documenta11 spannt den Bogen so groß, dass darin nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch individuelle Modelle eigener Welten ihren Platz finden. Das kann Bock´sche Formen annehmen, als umfassendes Archiv des Hamburger „Park Fiction“-Projektes präsentiert sein, im Gewand von Maria Eichhorns Aktiengesellschaft mit Kapitalzuwachs-Verbot auftreten oder sich wie Thomas Hirschhorns „Bataille Monument“ mitten zwischen die Gemeindebauten in Kassels Nordstadt platzieren, um dort für Irritation und sozialen Sprengstoff zu sorgen. Ob das postkolonial oder global ist, spielt gar keine Rolle mehr.

veröffentlicht: FAZ, 11.6.2002

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