9. Gwangju Biennale 2012

27. Sep. 2012 in Biennalen

Rirkrit Tiravanija, Gwangju Biennale 2012

Gruppendynamischer Ordnungsverlust – die 9. Gwangju Biennale, Südkorea

Sie kennen sich nicht, kommen aus unterschiedlichen Kulturen und sollen als Team die Gwangju Biennale in Südkorea organisieren – kann das gut gehen? Finden die sechs Kuratorinnen mit ihrem höchst unterschiedlichen Erfahrungsreichtum in einem braven Kompromiss zusammen oder wird es in Chaos enden? Wie werden sie auf die Stadt reagieren? Denn Gwangju, 330 km südlich von Seoul gelegen, ist vor allem bekannt für das Massaker von 1980, als Studenten für Demokratie gegen die Militärregierung demonstrierten. Mittlerweile erinnern Denkmäler und eine Tour zu den historischen Stätten an das damalige Blutbad. Dermaßen ins Citymarketing integriert, eignet sich diese Geschichte längst nicht mehr als Ausgangspunkt der Ausstellung. Aber lässt es sich ignorieren?

Diese Fragen führten dazu, dass die Eröffnung der diesjährigen 9. Gwangju Biennale mit großer Spannung erwartet wurde, zumal auch der Titel alles offen ließ: „Roundtable“ – eine Metapher mehr für die Arbeitsbedingungen als eine inhaltliche Festlegung. Und doch trifft gerade diese Metapher die Ausstellung, aber auch den Nerv unserer Zeit: Auf diesem großen, runden Tisch bekommen wir all das zu sehen, was uns bewegt, unhierarchisch, unübersichtlich, entdeckungsfreudig.

Lawrence Grasso, Visibility is a trap

Hatten die beiden Vorgänger der vorangegangenen Editionen (Okwui Enwezor 2008 und Massimiliano Giono 2010) eng strukturierte, museumsähnliche Shows vorgelegt, so antwortet das zusammen gewürfelte Damenteam jetzt mit einem entschiedenen Sowohl-Als-Auch: Als Versuch einer vorsichtigen Übersichtlichkeit ist der runde Tisch in sechs Unterthemen unterteilt, um „die Vielschichtigkeit der zeitgenössischen Kunst zu zeigen“, wie Sunjung Kim während der Pressekonferenz erklärte. Unter Stichworten wie ´Individualität und Kollektivität´ oder ´Intimität, Autonomie und Anonymität´ bis zu ´Zeit und Raum im Zeichen einer neuen Mobilität´ kommt da alles zur Sprache, was im Zeichen der Globalisierung diskutiert wird. Neu ist davon nichts. Aber die Entscheidung, diese Themen dann fröhlich zu vermischen, ist erfrischend. Nur zwei Kuratorinnen präsentieren eine eigene, inhaltlich klar strukturierte Gruppenausstellung (Nancy Adajania, Indien; Carol Yinghua Lu, China); die Künstler von zwei anderen dagegen sind ohne eigenen Bereich überall verteilt (Wassan Al-Khudhairi, Qatar; Ali Swastika, Indonesien) und die übrigen zwei Kuratorinnen entschieden sich für abgegrenzt und vermischt zugleich (Sunjung Kim, Korea; Mami Kata Oka, Japan), und dies bis in die Stadt hinein, zum Tempel Mugaksa und zum traditionellen Daein Market.

Wer die Zuordnungen unbedingt decodieren möchte, kann sich anhand der Farben auf den Werkschildern orientieren – aber eigentlich ist es unwichtig. Denn die Unterthemen sind so offen, dass viele Beiträge verschoben werden können, was de facto ja auch geschah. Man kann das als Beliebigkeit werten, aber davon ist diese Biennale weit entfernt. Im Gegenteil: Hier wird bewusst gar nicht erst versucht, eine Einheit und Übersichtlichkeit zu erzeugen, die es momentan schlicht nicht gibt. Zu sehr ist unsere Welt im Umbruch, was sich besonders im Feld der Kunst widerspiegelt, in einer entgrenzten Kunstwelt, in der in kürzester Zeit neue Galerienzentren entstehen wie in Dubai, Singapur und sogar Jeddah, in der Biennalen und Kunstmarkt immer näher aneinander rücken wie jüngst auf der documenta und die Menge an Kunst stetig steigt. Und in der vor allem die Vorherrschaft der westlichen Kunst beendet ist – und damit auch die minimalistische, reduzierte Ästhetik von Werken, die alles allzu Erzählerische vermeiden.

Seoul Fiction,2010, Super 16mm Filmtrans ferred to Digital, Color, 15min Photograph by Tae-­‐Dong Kim Courtesy the Artist; Gallery Martin Janda, Vienna; Vitamin Creative Space, Guangzhou, Beijing; Shugoarts, Tokyo.

Genau diese Situation spiegelt die diesjährige Gwangju Biennale eindrücklich wider. In den Beiträgen der über 90 KünstlerInnen sehen wir Geschichten voller historischer Anspielungen, symbolischer Verweise, Verbindendem zwischen Zeiten und Kulturen, neuen Blicke auf Traditionen und Kontexte. Jun Yangzeigt in seinem Film „Seoul Fiction“ ein altes Ehepaar, das mit dem Bus vom Land in die Stadt fährt, um die Kinder zu besuchen. Voller Erstaunen sehen sie die endlosen Bettenstädte, die identen Appartment-Komplexe und die fünfspurigen Autostraßen an sich vorbeiziehen. Sie sind in einer Welt gelandet, die gesichtos, die abstrakt ist. Erinnern diese Betonburgen einerseits an die Minimalismus-Sprache a la Donald Judd, so sind sie hier als reale Umgebung des Biennale-Geländes grauer Alltag. Auch Rirkrit Tiravanija spielt mit der neuen Unübersichtlichkeit. Vor der zentralen Ausstellungshalle hat er Tischtennistische aus glänzendem Chrom aufgestellt. Ein kontrolliertes Spiel ist allerdings nicht möglich, zu unberechenbar ist die schöne Oberfläche, zu irritierend die Spiegelungen. Und zu massiv die beiden Glasscheiben, die statt des Netzes die Mitte markieren, darin auch auf die Grenze zwischen Nord- und Südkorea anspielend.

Slvas and Tatars, Molla Nasreddin (the antimodernist), 2012. Glass fiber reinforced plastics, 200 x 157 x 90 cm. Courtesy of the Artists; The Third Line (Dubai).

Nicht alle Beiträge der Biennale sind kontextbezogen, aber alles ist mehr oder weniger politisch oder kritisch, etwa Pedro Ryes zu Musikinstrumenten umgebaute Waffen mit dem hoffnungsvollen Titel „War is over if you want it“. Oder Laurent Grassos grelle Neonschrift „Visibility is a trap“. Irgendwo wird auch an das Gwangju-Massaker erinnert, aber viel eindrücklicher ist Abraham Cruzvillegas´ Installation im Stadtraum in einem alten Haus aus den 1930er Jahren, aus der Zeit der japanischen Besetzung. Während seines dreiwöchigen Aufenthaltes legte der mexikanische Künstler die vielen Abdeckungen und Eingriffe in die Architektur frei, die wie eine Biographie vom Leben in dem Haus erzählen, in der jede Schicht eine neue Ordnung versucht. So wie Cruzvillegas hat auch das Biennale-Team erst gar nicht versucht, eine unübersichtliche Welt zu ordnen, sondern nur die vielen Schichten ansatzweise freigelegt.

Third Text, Gwangju Biennale 2012

Veröffentlicht in: FAZ, 27.9.2012

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/gwangju-biennale-der-verlust-der-ordnung-11898656.html

 

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