Art Genève: Eine Alternative zur Art Basel

08. Feb. 2016 in Kunstmarkt

Julian Opie bei Kroabath, Wien. Foto Julien Gremaud

Damien Hirst, Foto Julien Gremaud

Flughafen Genf. Aus der Ankunftshalle hinaus, links der Straße folgen und knappe zehn Minuten Fußweg später steht man schon vor dem Eingang der Art Genève. Es ist die jüngste Kunstmesse der Schweiz, gegründet vor fünf Jahren und angelegt als Salon d´Art. Auf dieses Format legt der Messedirektor Thomas Hug, ein ehemaliger Musiker mit Erfahrungen als Galerist, großen Wert. Denn das bedeutet eine strenge Begrenzung der Teilnehmerzahl, heuer 80 Galerien aus 14 Ländern. Und vor allem die Vermischung von zeitgenössischem mit Klassikern und mit angewandter Kunst. Anfangs erschreckte dieses Konzept viele Galerien, die Qualität konnte in den ersten Jahren nicht überzeugen. Wolfgang Häusler, der heuer zum dritten Mal teilnimmt, ist aber von der Messe begeistert: „Die Art Genève wird mit jedem Jahr besser,“ und die Lage sei perfekt: „Die Sammler kommen aus der Schweiz, Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland.“ Auch Karin Handlbauer, die letztes Jahr ihre Wiener Galerie Mezzanin aufgab und nach Genf übersiedelte, beobachtet die Messe seit der Gründung: „Die Art Genève hat ein unglaubliches Potential,“ erklärt sie, „die Messe kann sich zur Alternative für die Art Basel entwickeln“.

Julian Opie bei Kroabath, Wien. Foto Julien Gremaud

Julian Opie bei Kroabath, Wien. Foto Julien Gremaud

Diese Hoffnung hört man von vielen teilnehmenden Galeristen, unter denen heuer auch erstmals vier aus Österreich stammen. „Es haben sich viele aus Österreich angemeldet, wir konnten aber nur wenige nehmen“, sagt Handlbauer, die seit diesem Jahr in der Jury sitzt. Die überschaubare Größe der Messe, vor allem aber der Standort sei ein großer Anreiz. „Mit den Bergen und dem See ist Genf wunderschön, hier kommen Sammler gerne für zwei Tage her,“ betont Handlbauer, „und man hat nicht den wahnsinnigen Rummel wie in Basel.“ Genf ist der zweitgrößte Finanzplatz der Schweiz, die Stadt mit den meisten Privatbanken und einer „sehr guten Sammlerschaft“, wie es Peter Krobath zusammenfasst. Sie entschieden sich für einen Solostand mit Werken von Julian Opie. Auch Thoman setzt auf bekannte Namen und bietet fünf Plakate (360.000,-), kombiniert mit vier rohen Stahlsesseln (390.000,-) von Franz West an. Sie hätten auf der Turiner Messe Artissima einige Genfer Sammler kennengelernt, und nehmen darum heuer erstmals teil, erzählt Klaus Thoman.

Omar Bar, Galerie ... Foto Julien Gremaud

Omar Bar, GalerieArt Bärtschi & Cie, Zürich. Foto Julien Gremaud

So hochwertig die mitgebrachten Werke der meisten Galerien sind, so lässt sich daran aber auch eine große Unsicherheit ablesen. Welche Kunst ist hier gefragt – bekannte Namen wie John Armleder, der in Genf lebt? Das brachten die Galerie Thoman und auch die Schweizer Galerie Andrea Caratsch mit. Oder jüngere Kunst wie die bizarren Bilder von Omar Ba, 1977 in Senegal geboren und in Genf lebend? Seine auf Karton gemalten Werke thematisieren die Beziehungen zwischen Afrika und Europa, vereinen fabelähnliche Wesen mit kleinteiligen Ornamenten und politischen Verweisen (Galerie Art Bärtschi & Cie, aber 18.500,- SF). Oder besser Werke, die inhaltlich mit der Region verbunden sind wie bei Mezzanin die Perchten, die Ulla von Brandenburg als wunderbare Scherenschnitte auf alte Buchseiten aufklebt (ab 6.200,-)?

KAYA, Galerie Meyer Kainer, Wien. Foto Julien Gremaud

KAYA, Galerie Meyer Kainer, Wien. Foto Julien Gremaud

Oder die großen Goldmünzen von KAYA (Kerstin Brätsch/Debo Eilers) bei Meyer Kainer (18.000,-), von denen die Galerie auch zwei nach Österreich verkaufen konnte? Das kleine, geschundene Pferd von Adel Abdessemed am Stand der Christine König Galerie (80.000,-)? Es ist brutal mit Draht auf Gaddafis „Greenbook“ befestigt, im dem der Diktator seine Überzeugung zur sozialen Ordnung darlegt – ein Angebot an wohlhabende Politiker, die ihr Geld in Genf parken? Auffallend an allen Ständen sind die Formate: Anders als auf der Art Basel dominieren nicht die beliebten „Museumsformate“, sondern kleinere Werke. So zeigt die Londoner Paragon Press neben Mengen von kleinen Damien Hirst-Drucken auch die eindrückliche „Bedtime Story for sleepless nights“-Serie der Chapman-Brüder, Lithographien von Alptraumbildern aus dem gleichnamigen Kinderbuch der englischen Künstler (16 Motive, Auflage 35, je 1400,- Euro).

Ulla von Brandenburg, Mann mit Bär. Galerie Mezzanin, Genf

Ulla von Brandenburg, Mann mit Bär. Galerie Mezzanin, Genf

Die Art Genève ist nicht als Messe zum Füllen des Portfolios angelegt. Der Großteil kostet unter 100.000,- Euro. Aber daneben gibt es auch Überraschungen wie die frühe Assemblage von Roy Lichtenstein von ca. 1955 bei Marc Domenech aus Barcelona: ein Wandobjekt aus bemalten Holz- und Stoffstücken (120.000,- Dollar). Und immer wieder Klassiker, von Auguste Rodin, Salvador Dali, Henri Matisse, ein Mobile von Alexander Calder für 2.9 Millionen Euro bei Mayoral, London, die alle zahlreiche Anfragen meldeten. Auf die italienische Kundschaft zielen die Werke von Lucio Fontana, Paolo Scheggi und Mengen von Alighiero Boetti – kann der italienische Künstler denn in seinem kurzen Leben von 1940 bis 1994 tatsächlich derartig viele Buchstabenbilder geschaffen haben, wie sie mittlerweile verkauft werden? Dazwischen irritieren dann die Schmuck- und Designgalerien, wo Antonella Villanova aus Florenz etwa eine elegante Halskette von Giampaolo Babetto anbietet – für stolze 62.500,- Euro. Andere präsentieren Glas- und Keramikobjekte, die Pariser Designgalerie James betitelt ihren Stand mit sechs Modellen von Magnus Pettersens Betonsessel bis Zanini de Zanines Holzfauteuils schlicht „Heavy“. Ob sich diese Mischung mit Design weiterhin als sinnvolles Konzept erweisen wird, werden die nächsten Ausgaben der Art Genève zeigen, noch ist diese Sektion arg isoliert. Aber den Charakter dieser Messe als neuer Hoffnungsträger stört es nicht – zumal für die meisten Galerien die Verkäufe stimmen.

veröffentlicht in: Die Presse, 7.2.2016

Die 5. Art Geneve fand vom 28.-31.1. auf dem Palexpo-Gelände in Genf statt. Ende April startet ein Ableger der Messe im Grimaldi Forum in Monaco, die artmonte-carlo.