Ernesto Neto und die Huni Kuin im Augarten

28. Mai. 2017 in Ausstellungen

Auf der Biennale Venedig ist das Indianerzelt wieder zu sehen – vor zwei Jahren im Juni 2015 war es erstmals in Wien ausgestellt: Eine wunderschöne Beulenlandschaft füllt den Raum. Wo vor sechzig Jahren der Bildhauer Gustinus Ambrosi seine postfaschistischen Skulpturen schuf, riecht es jetzt nach Kurkuma, Nelken und Kreuzkümmel. Denn in Ambrosis ehemaligen Augarten-Atelier stellt der brasilianische Künstler Ernesto Neto aus – und definiert die Räume komplett um.

Das beginnt bereits am Eingang: Man muss die Schuhe ausziehen. Über weiche Matten gelangt man langsam tiefer in Netos Universum. Auf dem Boden kullern kleine Objekte herum, die der 1964 geborene Künstler „flowers“ nennt. Sie sind mit exotisch riechenden Kräutern gefüllt. Daneben hängen elastische Textilien von der Decke. Gefüllt mit Reis und Styropor, entstehen diese für Neto so typischen, tropfenartigen Formen. Dafür ist der brasilianische Künstler seit Ende der 1990er Jahre bekannt. Seit letztem Jahr allerdings hat er sein Repertoire tiefgehend erweitert. Vor zwei Jahren reiste er in den Regenwald und lernte das indigene Volk der Huni Kuin kennen, die an der Grenze zwischen Brasilien und Peru leben. Seither verbindet er seine duftenden Konstruktionen mit dem Auftreten opulent geschmückter Indianer, die die Ausstellung einweihen, während der Eröffnungen zum Mitsingen und manchmal Tanzen einladen.

Diese Zusammenarbeit zwischen dem Künstler und den Indigenen ist weit mehr als nur ein willkommenes Happening. Denn Neto präsentiert uns hier sein neues, schamanisch-spirituelles Weltbild. Das klingt schon im Titel an: „Sacred Secret“ (Heiliges Geheimnis) tituliert er seinen ersten Auftritt in Österreich, und veranstaltet ein Symposium über „das Heilen, Kurieren, über rituelle Heilpraktiken im Amazonasgebiet“. Zur Pressekonferenz lud er uns in das „spirituelle Zentrum“ seiner Ausstellung ein. Die Landschaft vorne ist ein älteres Werk aus der Sammlung von TBA21 mit dem Titel „Wir treffen uns heute hier, morgen anderswo. In der Zwischenzeit ist Gott eine Göttin. Heilige Schwerkraft“ (2013). Die weiteren Räume sind neu, vor allem „NixiForestKupiXawa“ (2015): Dort bildet ein großes Netz eine Art Zelt, darunter liegen Polster auf dem Boden aus Schilfmatten. Kleine Körbe stehen davor. Wofür die sind, wurde erst später klar.

Kerzen hängen in der Mitte, Neto sitzt wie ein Guru im Türkensitz auf seinem Sessel und redet. Fast zwei Stunden lang. Neben ihm posieren einige Huni Kuin-Schamanen. Sie tragen fantastischen Kopfschmuck, der an die Maya-Kultur und an Winnetou-Filme erinnert. Unter ihren ornamental gemusterten Gewändern sieht man eine Jeans, auch eine Trainingshose, einer hat eine goldene Uhr am Handgelenk, eine spielt mit ihrem Handy – um ein unkontaktiertes Volk handelt es sich bei den Huni Kuins also nicht. Neto erzählt von seinem spirituellen Erweckungserlebnis im Amazonas. „Wir sind Kinder der Pflanzen, Pflanzen sind unsere Brüder, Schwestern, Mütter“, erklärt er uns. „Alles redet mit uns.“ Er sei in eine andere Dimension gekommen und offenbar sollen wir ihm dorthin folgen.

Solche Erfahrungen sind kaum zu versprachlichten, das gelingt nur sehr wenigen. Neto gehört nicht dazu. Aber mit seiner künstlerischen Sprache ermittelt er uns sehr wohl einen Eindruck dieser Dimension, etwa mit den Ornamenten an den Wänden und der beschützenden Hülle, in deren Mitte eine umstrickte Leiter den Blick hochleitet. An der Gesamtinszenierung haben auch die Indigenen mitgestaltet, die in ihrer Heimat bekannt sind für „Kene Kuin“, ´true design´: für spezielle Muster für Körperbemalungen, auf Tongeschirr, Körben, Stoffen, Taschen und Schmuck. Einiges davon wird im Augarten verkauft, der Erlös soll für eine Wasseraufbereitungsanlage im Dorf der Huni Kuni verwendet werden. Huni Kuni heißt übrigens ´real people´ – ihre Sprache scheint aus bedeutungsschweren Worten zu bestehen.

Um den Eindruck dieses Augarten-Raums als spirituelles Zentrum, als Ort des Rituals und des Heilens noch zu verstärken, werden dann Kräuter verbrannt. Dann packen einige Besucher der Pressekonferenz ein Pulver aus und blasen es sich mit einem kleinen Gerät in die Nase – um anschließend immer wieder zum Taschentuch zu greifen. Dafür also sind die Körbe. Kleine Mülleimer.

Mit den Objekten, Ritualen, Kräutern und Gesängen hat Ernesto Neto dieses ehemalige Bildhauer-Atelier deutlich umfunktioniert und zum Ort einer klaren Botschaft gemacht. Am Ende ist man mit ihm davon überzeugt, dass die Zukunft unseres Planeten in dem Wissen und Lebensstil der Indigenen liegt, deren Rechte nahezu jede Woche von illegalen Holzfällerbanden und Goldgräbern, Farmern und sogar den eigenen Regierungen missachten werden. Dabei ist ihre und jetzt auch Netos Botschaft so einfach wie überzeugend und dringend: „Unsere einzige Zukunft liegt in unserer Beziehung zur Natur“, beschwört Neto uns. Unser Körper, unsere Gedanken, unsere Arbeit, alles muss mit der Natur verbunden werden. Draussen im Augarten-Park kommen dann die ersten Zweifel: Welche Natur denn?

veröffentlicht in: Die Presse, 29.7.2015

Ausstellung TBA21 im Augarten, bis 25.10.2015

Fotografien: Jens Ziehe

 

 

 

 

 

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