Interview mit Lawrence Weiner, März 1990

12. Mrz. 1990 in Interview

Artis, März 1990

„Kunst ist ein Spielzeug für Intellektuelle“ – Ein Gespräch mit Lawrence Wiener von Sabine B. Vogel, Frankfurt/M. 1990

SBV: Deine Kunst wird unter dem Begriff Concept-Art eingeordnet. Stimmt Du mit dieser Kategorisierung überein?

LW: Nein, keinesfalls. Alle Kunst kommt von einem Konzept. Selbst einem Bild liegt ein Konzept zugrunde, eine Idee darüber, was man machen will, die Entscheidung über die Farben, das Format usw. Der Begriff Concept-Art ist von einer Gruppe krypto-akademischer Leute geprägt worden, um eine Bewegung zu starten.

In den 60er Jahren wurde das erste Mal von Künstlern ausgesprochen, daß sie ein Recht, eine Verpflichtung und den Wunsch haben, die Art, wie ihre Arbeiten von der Gesellschaft benutzt werden, zu thematisieren. Und das ist nicht konzeptuell, das ist nur ein Sprechen über Rang oder Stellung.

SBV: Mit dem Begriff Konzept wird die Dematerialisation von Objekten verbunden – und das gilt auch als ein Kennzeichen der Concept-Art…

LW: Diese sogenannte Dematerialisierung des Objekts hat eine lange Tradition. Alles, was wir machen oder gemacht haben, entstand für Menschen. Wir wissen, daß alle ideen Energie sind, und selbst die Gedanken sind Energie. Die Frag, ob es ein Objekt ist, wie es unsere Eltern kennen oder wie wir es kennen, ist nicht wirklich die Frage. Das Problem ist doch, was man mit dem Zeug machen soll, wenn es einmal geschaffen ist.

Die einzige Kunst, die zu überleben scheint ohne zur Antiquität oder nur zu einem weiteren Kapitel der Kunstgeschichte der 60er Jahre zu werden ist eine Kunst, die auch jetzt noch eine Bedeutung hat – Bedeutung im Sinne von Verwendung. Und das ist eine Kunst, die zu tun hat mit den Beziehungen von Menschen zu Objekten, von Objekten zu Objekten in Beziehung zu Menschen.

Keiner dematerialisiert Objekte, das macht keinen Sinn. Sobald man etwas darüber weiß, ist es ein Objekt – so, wie Liebe auch ein Objekt ist, wenn man sie kennt.

SBV: Du negierst also all diese kunsthistorischen Begriffe und Kriterien?

LW: Ja, diese Kategorisierungen sind einfach Quatsch. Es ist ja nicht unser Anliegen, ein Konzept zu erarbeiten, sondern Beziehungen zu finden, die bisher noch nicht diskutiert worden sind. Carl Andre zum Beispiel, den ich sehr schätze, dematerialisiert keine Objekte. Er nimmt Objekte und behauptet, daß diese selbst aussagefähig sind – und nämlich genau das sagenm was er mitzuteilen versucht. Das ist alles, worüber wir reden.

SBV: Du hast von der „Verwendbarkeit der Kunst“ gesprochen – verwendbar wofür?

SBV: Es gibt eine ganze Menge Arbeiten – nicht nur von mir – auf die ich stolz bin. Aber das heißt erstmal gar nichts, solange nicht deutlich ist, was man mit all dem Zeug anfangen soll. Und genau dieses „was damit machen“ – nicht die Sache selbst – ist in die Gesellschaft übergegangen. Kunst hat einen Platz gefunden, wenn sie eine Verwendbarkeit für andere Menschen bekommt, eine Funktion, um herauszufinden, wo sie stehen – und das ist die Beziehung der Menschen zur Welt.

Schau dir den Himmel an und finde heraus, wo du bist. Und das ist alles, worüber Kunst ist. Kunst ist über nichts anderes, nicht über Kunstgeschichte, über Einordnungen. All dieser kunstgeschichtliche Unsinn, der in den letzten zehn Jahren gepuscht wird, dies Versuchen, einen Platz zu finden, wohin man all diese Künstler packen kann – mich eingeschlossen – ist idiotisch. Damit wird kein Grund für die Existenz der Kunst gegeben.

SBV: Du hast in einem früheren Gespräch deinen Hamburg-Projektbeitrag (ein schwimmender Holzbalken, installiert in der Elbe, auf dem zu lesen ist: „Wir sind keine Enten auf dem Teich. Wir sind Schiffe auf dem Meer“) als Kinderspielzeug bezeichnet – Kunst als Lernhilfe?

LW: Kinder sehen in Begriffen von Spielzeug. Und – was ist Kunst? Kunst ist Spielzeug für Intellektuelle, für Leute, die versuchen, eine Beziehung zu ihrer Umgebung zu finden. Etwas, mit dem man baut. Spielzeug – Kunst – gibt keine Antworten, es präsentiert verschiedene Lösungen für manche Probleme. Ausgehend von diesen verschiedenen Lösungen kann man seine eigenen Antworten bauen. Aber das heißt nicht notwendigerweise, daß jeder dieselbe Antwort baut, die der Künstler gefunden hat.

Der ganze Punkt der Kunst ist, daß Künstler arbeitslose Menschen sind. Sie sind genauso abhängig von der Gesellschaft wie jeder andere, aber sie haben nicht wirklich einen Job. Ihr ganzes Leben basiert darauf, herauszufinden, was sie jemandem zu sagen haben, etwas, das nützlich sein könnte. Und wenn man Glück hat, findet man etwas Verwendbares. Nicht für alle Menschen. Vielleicht insgesamt 20.000 – das sind ganz schön viele Menschen. Und wenn man eine Beziehung zu einem Stück Stein finden kann, oder zu einem Stück Holz oder eine Beziehung, um einen Raum zu durchqueren, kann das 20.000 Menschen erreichen. Das ist genug für mich, das ist eine Öffentlichkeit, die ich in Erwägung ziehen kann.

SBV: Dieses Schiffchen in Hamburg und auch die Tafel in Sindelfingen („broken off – abgebrochen (oder) aufgebrochen“), die auf dem Marktplatz zusammen mit Ulrich Rückriems Brunnen installiert ist, sind „PUBLIC-FREEHOLD“-Arbeiten. Was ist mit dem Begriff gemeint?

LW: Einen bestimmten Prozentsatz meienr Arbeiten habe ich immer zurückbehalten, nicht verkauft – Arbeiten im öffentlichen Raum, die auch unverkäuflich sind, z.B. diejenigen für das Hotel Furkablick in der Schweiz: „covered by clouds“ auf dem Gipfel eines Berges.

Keiner kann diese Public-Freehold-Arbeiten wegnehmen, und keiner braucht dafür Eintritt zu bezahlen. Der Grund zum Schaffen von Werken ist ja nicht, sie zu verkaufen, sondern sie in die Welt, in die Kultur zu setzen. Wenn man dies vergißt, muß man mit der Kunst aufhören.

Die Public-Freehold-Arbeiten sind meine permanente Erinnerung daran, daß auch ich genauso verwundbar und korrupt bin wie jeder andere. Sie erinnern mich daran, warum ich Kunst mache. Für Sindelfingen habe ich zusammen mit Ulrich Rückriem besprochen, was wir auf diesen Marktplatz setzen. Rückriem hat den wunderschönen Brunnen gebaut, der gleichzeitig eine ziemlich anspruchsvolle Skulptur ist. Im Moment arbeiten wir zusammen an einem Projekt in Dänemark, wo ich versuche, mit Licht zu arbeiten, daß auf den Stein fällt.

Die Public-Freehold-Arbeiten wollen Situationen schaffen, anadere Ideen über das einbringen, worüber man spricht. Ich plaziere die Arbeiten so, daß spielende Kinder sich darüber freuen und Erwachsenen, die sich verstehen, nachdenklich werden. Und wenn man das machen kann – das ist wirklich toll. Rückriem ist dazu fähig – wir haben beide denselben Hintergrund, wir sind beide aus der Arbeiterklasse. Kunst ist etwas, was man der Gesellschaft anbietet. Wenn die etwas nicht mag oder wegschmeißt, dann eben nicht. Es ist wie in der Musik: Wenn sie einfach nicht dazu tanzen wollen, dann muß man das akzeptieren. Aber wenn sie es mögen, dann sind die Klassenunterschiede nicht mehr entscheidend, dann kann Kunst Grenzen durchschneiden.

SBV: Ist das nicht ein etwas sehr idealistischer Wunsch, daß Kunst im öffentlichen Raum Klassenunterschiede aufhebt?

LW: Wenn irgend etwas jemandem einen Kick gibt, wer fragt dann nach der Hierarchie, danach, wer den besseren Kick gegeben hat? Ein Kick ist ein Kick!

SBV: Gehört nicht auch ein gewisses Wissen zur Betrachtung von Kunst?

LW: Die meisten Menschen, die Skulpturen im öffentlichen Raum sehen, wissen noch nicht einmal, daß dies Kunst ist. Glücklicherweise benutze ich Sprache, so daß sie genau wissen, was es ist. Und wenn sie davon einen Kick bekommen, ist es dann wichtig, daß sie wissen, ob es Kunst ist oder wer es gemacht hat?

Traurig wird es nur dann, wenn die Leute über Kunst reden, ohne sich damit zu beschäftigen oder nachzudenken – wenn sie z.B. Skulpturen aus dem öffentlichen Raum wieder wegnehmen, abbauen, wie Richard Serras „Tilted Arc“ in New York… Ich meine nicht, daß jeder alles mögen muß, aber zumindest darüber nachdenken könnte man. Man sollte immerhin wissen, warum man etwas nicht mag. Das ist alles, was ich von anderen verlange – und das ist wirklich nicht viel.

Für die Arbeit in der Ausstellung „Einleuchten“ in den Hamburger Deichtorhallen ist ja auch kein Wissen erforderlich. Es ist ein sinnliches Erlebnis, über die Holzbuchstaben zu laufen, über „ein bißchen Zeit und ganz viel Ebbe“. Das ist kein Konzept, und auch keine Dematerialisierung – ich mache nur grundsätzliche Forschungen. Und das ist alles, was Künstler tun –  das Material ansehen und fragen, was es ist. Die Zeit einzusetzen für Dinge, für die sich sonst keiner Zeit nimmt.

 

veröffentlicht in: ARTIS, März 1990, 42. Jg.