Jasper Johns Regrets

15. Jan. 2015 in Ausstellungen

Jasper Johns, Studie zu Regrets, 2012

Warum er eine Flagge gemalt hat, wurde Jasper Johns einmal gefragt. Er hätte davon geträumt, war seine lapidare Antwort – zu immerhin einem jener legendären Bildmotive, die Kunstgeschichte geschrieben haben. Denn mit Flaggen, Zielscheiben, etwas später Landkarten und Zahlen als alleinigem Sujet läutete Johns das Ende des Abstrakten Expressionismus und die Ära der Pop Art ein. Das war 1958 – und dann kam nichts Neues mehr von Johns.

Aufnahme 20.2.2013, Foto John Lund

Offenbar wollte sich der 1930 geborene, US-amerikanische Maler nicht von seinem überschaubaren Motiv-Repertoire trennen und erfreute sich an der Aufgabe, Zahlen isoliert oder ineinander verschachtelt mal mit dünnem, mal mit pastosem Farbauftrag zu verewigen. Noch 2012 entstanden kleine Drucke, in denen er mit der Darstellung von Zahlen experimentiert. Dann sah er eine alte Fotografie, fertigte seine nagelneue Serie „Regrets“ an und ist damit jetzt in der barocken Architektur des Oberen Belvedere zu Besuch.

Aber der Reihe nach: 2012 sah Johns in einem Auktionskatalog eine demolierte Fotografie abgebildet. Darauf sitzt der Maler Lucien Freud in einem schäbigen Raum auf einem Bett. Farbkleckse bedecken das Foto, ein Teil ist abgerissen. 1964 von dem Soho-Fotografen John Deakin aufgenommen, diente das Bild dem Maler Francis Bacon als Vorlage für eine Selbstportrait-Studie. Bacon habe das Foto offenbar ´physisch misshandelt´, erzählt Johns in einem Interview in der Financial Times, „and it caught my eye“.

Jasper Johns, Regrets, 2012, Aquarell u Bleistift auf Papier

Zum zweiten Mal wird das Foto zur Bildvorlage: Johns zieht die Silhouette nach, fotokopiert dieses Bild, spiegelt das Motiv, probiert eine Tinte auf Plastik-Variation, zwei große graue Bilder, Aquarelle und Aquatinta-Drucke. Bei der Rohrschachtest-ähnlichen Spiegelung entdeckt er mitten im Bild einen Totenkopf, der sich aus den Faltlinien der Fotografie ergeben – gänzlich unbeabsichtigt, wie Johns betont. Neben dem Kopierer lag sein berühmter „Regrets“-Stempel (dt. etwa „mit Bedauern“), mit dem er seit Jahren kurz und bündig Interview- bis Ausstellungsanfragen ablehnt. Den fügt er in die obere rechte Ecke. Fertig.

2013, Aquarell auf Papier

Das abstrahierte Bildmotiv ist ähnlich aussagekarg wie Johns Zahlen, die auch im Belvedere zu sehen sind. Allerdings lässt sich in seine „Regrets“-Serie weitaus mehr hineinlesen, etwa der Totenkopf als Erinnerung an den Tod bzw. „als Warnung an uns“, wie es Mario Codognato, Kurator dieser Ausstellung, formuliert.

2013, Tusche auf Plastik

Noch beliebter ist die Interpretation der Serie als Spiegel von Liebesgeschichten: Johns lebte in New York mit dem Künstler Robert Rauschenberg zusammen. Irgendwann folgte ein brachialer Bruch – eine ähnliche Geschichte spielte sich auch zwischen Lucien Freud und Bacon ab. Bildinterne Belege für solche Anspielungen sind allerdings nicht zu finden. Ein britischer Rezensent der Ausstellung fragt sogar, ob Johns mit dem Wort „Regrets“ seine Traurigkeit über den Verlust von Freunden teilt oder ironisch über sentimentale Interpretationen witzelt. Weder noch. Lebensweltlich konkrete Mitteilungen macht Johns nie in seinem Werk – im Gegenteil, ihm geht es um die Malereigeschichte. Daher kann man sich auch eher an drei hingekritzelten Worten orientieren: „Goya? Bats? Dreams?“ steht am unteren Bildrand einer Zeichnung. Das seien Assoziationen, erklärt Johns in einem Interview dazu. Johns referiert hier auf Goyas berühmte Aquatinta „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1799), einer Radierung aus der Sammlung „Caprichos“ (dt.: Launen, Einfälle). Johns sieht hier wohl eine formale Ähnlichkeit, seine kubistisch aufgelösten Flächen mögen an Goyas Fledermäuse erinnern, zudem sitzt in Goyas Werk der Mann ebenfalls in sich gesunken – viel mehr ist da aber nicht zusammenzureimen.

Foto: Eva Würdinger, © Belvedere, Wien

Insgesamt 26 Werke umfasst Johns „Regrets“-Serie, die enttäuschend redundant das Bildmotiv einmal durch allerhand Techniken durchspielt. Sicherlich, man kann hier gut die Entwicklung einer Bildidee studieren, aber leider ist es eher eine Suche als ein Finden. Trotzdem waren die Kuratoren des MOMA von der Serie so begeistert, dass „Regrets“ dort spontan ausgestellt wurde – endlich wieder Neues vom Meister der 1960er Jahre! Warum aber ist die Serie jetzt als dritte Station in der Österreichischen Galerie Belvedere zu sehen? Das MOMA habe angefragt und die Ausstellung spanne „einen reizvollen Bogen quer durch den ersten Stock von der Wiener Moderne mit Klimt, Kokoschka und Schiele bis zur amerikanischen Nachkriegsmoderne“, erklärte Belvedere-Direktorin Agnes Husslein auf der Pressekonferenz. Und warum ist dieser nachkriegsmoderne Maler mit seinem spätmodernistischen Werk nicht im 21er Haus?

Foto: Eva Würdinger, © Belvedere, Wien

Johns selbst habe sich gewünscht, im Oberen Belvedere neben all den Meistern der Malerei präsentiert zu werden, betont Husslein und nennt die Ausstellung eine „Intervention“ – interessant, wie dehnbar Begriffe sein können. Bezeichnet man damit nicht für einen speziellen Ort entwickelte, künstlerische Eingriffe? Im Mai wird Johns 85 Jahre alt, die Reise war ihm zu mühsam, diese „Intervention“ wurde per Korrespondenz arrangiert. Wird denn ein Druck aus der 36er-Auflage angekauft? Nein, zu teuer – und so ganz passt das wohl doch nicht in das Belvedere.

 

Jasper Johns: Regrets, bis 26. April 2015
veröffentlicht in: Die Presse, 13.1.2015

alle Johns-Abbildungen, wenn nicht anders angegeben: © Jasper Johns / © Bildrecht, Wien, 2015, Foto: Jerry Thompson