Lust am Schrecken

09. Jan. 2015 in Ausstellungen

Cornelius van Haarlem, Der Fall des Ixion, um 1588

Schon lange wird Betulia von dem assyrischen Herr belagert. Es fehlt an Wasser, die Einwohner wollen schon fast aufgeben. Da beschließt die schöne jüdische Witwe Judit, ihre Stadt zu retten. Zusammen mit ihrer Magd geht sie in das Zelt von Holofernes. Vier Tage bleibt sie bei dem Feldherrn. Betört von ihrer Schönheit und dem Wein, den sie ihm reicht, enthauptet Judit schließlich Holofernes.

Artemisia Gentileschi, 1620

Diese grausame Geschichte stammt aus dem Alten Testament und inspirierte jahrhundertelang Künstler zu farbenprächtigen Darstellungen. Was aber ist so faszinierend an dieser Tat? Woher kommt die Lust am Schrecken? Zu dieser Frage hat jetzt eine ganz besondere Ausstellung in Wien eröffnet. In der Akademie der Bildenden Künste Wien verbirgt sich im 1. Stockwerk die Gemälde Galerie – ein kleiner Juwel unter den Wiener Museen für Alte Meister. 1822 schenkte Graf Lamberg-Sprinzenstein seine rund 800 Gemälde umfassende Sammlung der Kunstakademie mit dem Auftrag, die Bilder öffentlich auszustellen. Zwischen den Künstlerateliers und Klassenräumen gelegen, ist die Gemäldegalerie bis heute Teil der Akademie, wo die Studierenden vor Originalen unterrichtet werden.

Laokoon-Gruppe, Gipsabguss (Original: ca. 140 v. Chr., Marmor, Vatikanische Museen Rom)

Jetzt steht hier also die „Lust am Schrecken. Ausdrucksformen des Grauen“ zur Diskussion. Dafür gelang es Direktorin Martina Fleischer, 70 spektakuläre Gemälde von der Renaissance bis zum Klassizismus zusammenzustellen. Die eigenen Meisterwerke von Hieronymus Bosch, Cranach, Tizian und Rubens sind ergänzt mit Leihgaben. Das früheste Werk der Ausstellung ist ein Gipsabdruck der spätklassischen Laokoon-Gruppe, die auf die Zeit 1. Jh. vor oder nach Chr. datiert ist. Durch die Jahrhunderte nahmen Künstler immer wieder Bezug auf diese lebendige Darstellung eines Todeskampfes, auf die von der tödlichen Schlange bedrohten, muskulösen Körper, die theatralischen Posen und ausdrucksstarken Gesichter des Priesters und seiner Söhne. In der Ausstellung sieht man immer wieder ästhetische und motivische Nähen zu dieser Skulptur. Schönheit und Schrecken – das gehört eng zusammen: das abgeschnittene Haupt der Medusa mit grauseligen Schlangen rundherum (Rubens), die qualvollen Strafen, die die wunderbar muskulösen griechischen Helden Tantalus, Tityus und Ixion in den naturnahen Darstellungen bei Tizian erleiden müssen, der dramatische Sturz in die Tiefe von Sisyphos (Antonio Zanchi) – die Alten Meister der abendländischen Kunstgeschichte beherrschen die Schönheit des Schreckens großartig. Und es sind nicht nur sterbende Männer und mordende Frauen, die wir sehen. Auch mit Landschaften wird uns das Fürchten gelehrt, der Ausbruch des Vesuvs, Unwetter, die Sintflut. Den Abschluss der Ausstellung bilden die Teufelsmonster mit den fantasiereichen Folterszenen in Hieronymos Bosch „Weltgerichts Triptychon“.

Michael Wutky, Die Spitze des Vesuvs beim Ausbruch, 1779

Ein ganz besonderer Höhepunkt dieser Ausstellung ist die Gelegenheit, Werke im Original vergleichen zu können wie die Judit und Holofernes-Darstellungen. Lange komprimierten Künstler die Erzählung auf die schöne Judith als Heldin mit dem abgeschlagenen Kopf als Trophäe in der Hand. Ende des 17. Jahrhunderts entstehen erstmals Werke, die die eigentliche Tat in Szene setzen – was die Grausamkeit noch erhöht: Bei jedem Blick passiert die Enthauptung erneut, eine Endlosschlaufe des Grauens. Zwei Meisterwerke dieser Entwicklung stammen von Caravaggio und Artemesia Gentileschi und sind in der Gemäldegalerie zu sehen. Gentileschi wurde 1593 als Tochter eines Malers in Rom geboren und gilt als die bedeutendste Künstlerin ihrer Epoche. Während ihrer Ausbildung wurde sie von einem Kollegen ihres Vaters vergewaltigt. In ihrer Darstellung von Judit und Holofernes verrichten die beiden Frauen mit ernstem Gesichtsausdruck nahezu emotionsfrei ihren Auftrag. Ähnlich nüchtern stellt Gentileschi auch die Geschichte von „Sisera und Jael“ dar: Jael tötete in ihrem Zelt den kanaäischen Heerführer Sisera, indem sie dem Schlafenden mit einem Hammer einen Zeltpflock durch seine Schläfe schlägt. Man kann kaum umhin, in der Entschlossenheit der Frauen eine biographisch motivierte, imaginäre Rache der Künstlerin zu sehen. Anders dagegen geht Caravaggio seine Darstellung an. 1598/799 entstanden, lenkt die ganze Bildkomposition die Aufmerksamkeit auf Holofernes Qual, was noch durch Judits zugleich kecken und angewiderten Blick auf das Geschehen gesteigert ist.

Beiden Werken gemeinsam ist die Konzentration auf den Augenblick kurz vor dem Tod Holofernes, den wir wieder und wieder sehen. Dadurch wird die Schreckenssekunde in eine Dauer überführt. Warum aber wenden wir uns nicht voller Mitleid oder Ekel ab? In der Betrachtung erleben wir die Szene als eine außerzeitliche Erfahrung. Wir empfinden eine höchstmögliche Spannung, in der Mitleiden und Bewundern zu einer eigenartigen Reinigung zusammenkommen. Im damaligen Verständnis sollte uns das einen Weg zeigen, um ethisch zu handeln. Ob diese wunderbaren Bilder heute noch als Anleitung zum Bravsein funktionieren, ist fraglich. Ein außergewöhnliches Erlebnis ist diese Ausstellung aber allemal.

COPYRIGHT SABINE B VOGEL

veröffentlicht in: Die Presse, 28.12.2014
Lust am Schrecken, bis 15. März 2015, Gemäldegalerie in der Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3