Tomás Saraceno im 21er Haus, Wien

24. Jun. 2015 in Ausstellungen

Tomás Saraceno // Belvedere

Im Jahr 2010 kamen allein in Europa 91 Milliarden Plastiksackerl in den Umlauf. Im Meer zwischen Kalifornien und Hawaii dreht sich ein mehrere Tonnen schwerer Plastikstrudel wie ein Wirbelsturm im Wasser, in Indonesien bedecken die kleinen, weißen Taschen Straßenränder und Felder. Vögel, Fische, Robben, Schildkröten verwechseln die bunten Partikel mit Nahrung und sterben daran elendig.

Tomás Saraceno, Becoming Aerosolar im Country Club Lima, Perú, 2014

Plastiksackerl sind also schlecht, Länder wie Bangladesh und Bhutan verbieten die Kunststofftüten bereits. Der argentinische, in Berlin lebende Künstler Tomás Saraceno aber ist anderer Meinung: „Das Problem ist nicht das Material, sondern wie wir damit umgehen.“ Er ist überzeugt, dass man damit nachhaltig und sogar umweltbewusste bauen kann. Immerhin kann Kunststoff 5000 Jahre halten, es verrottet kaum. Sein Vorschlag daher: Bauen wir daraus etwas. Bauen wir daraus fliegende Welten.

„Aerosolar“ nennt Saraceno seine Projekte. Er begann damit vor einigen Jahren, als er in Italien zu einer partizipativen Ausstellung eingeladen war. Dort gab es kaum Budget, aber viel Enthusiasmus, um ein Museum zu erhalten. Also baute er kurzerhand ein ´fliegendes Museum´ aus Mengen von aneinander geklebten Plastiksackerln. Bläst man Luft in das Stückwerk, hebt es vom Boden ab, Physiker können das Phänomen der Thermodynamik bestens erklären. „Leichter als Luft-Skulpturen“ nennt Saraceno seine Werke auch. 2007 war er zur Sharjah Biennale in den Vereinigten Emiraten eingeladen, auch dort baute er fliegende Welten auf. Damals träumte er noch davon, daraus eine alternative Architektur zu bauen: hängende Siedlungen aus Raumkapseln zum Leben und Wohnen, „Cloud Cities“. Mittlerweile bleiben die Objekte meist am Boden.

21er Haus, Belvedere

Jetzt zeigt er im 21er Haus mehrere seiner Skulpturen, die dicht nebeneinander auf dem Boden liegen – zwar noch ein Versprechen auf Fliegen, aber definitiv unbemannt. Heute interessieren ihn weniger die Architekturen als die Beziehungen zwischen Farben und Temperatur. Darum ist das wunderschöne Objekt, das dank zahlreicher Fäden in der Luft schwebt, von der einen Seite schwarz, von der anderen silber.

 Die Tragekonstruktion erinnern oft an Spinnweben – organische Raumgeflechte, die uns den Traum einer Existenz zwischen Himmel und Erde schenken. Manche Formen schauen aus wie Seifenblasen, andere sind aneinander gefügte Zylinder, wodurch den Werken ein Hauch von Wissenschaft anhaftet – was Absicht ist.Denn der Künstler sucht immer wieder Kooperationen mit Instituten, um „eine neue thermodynamische Vorstellungskraft“ (T.S.) zu befördern, mit der neue Modelle für Mobilität, Wohnen und Zusammenleben entwickelt werden. Darum ist ihm auch in all seinen Werken die Idee der Partizipation wichtig. Im 21er Haus ist eines der Objekt an ein Fahrrad angeschlossen. Trampelnd pumpen wir über einen Ventilator, der mit dem Hinterrad verbunden ist, Luft in die Solarskulptur. Dazu gehören eine Wetterstation und kleine Solarzellen. Wir sollen mit dieser Ausrüstung lernen können, „das Wetter und die Energien, die uns ständig umgeben, wahrzunehmen“ (Pressetext).

Das zentrale Stück im 21er Haus aber ist ein riesiger Ballon aus Plastiktüten – wobei man auf keinen Fall ´Ballon´ sagen darf, betont Saraceno. Das sei eine „Banalisierung“, denn das bunte, raumsprengende Ding sei eben ein „Museum“: All die Firmen-Logos auf den Sackerln kann man als Bilder lesen? Und die gekritzelten Zeichnungen der SchülerInnen als Kunstwerke? Gewagt, aber wenn der Künstler es so möchte, folgen wir. Dabei ist das Objekt gar nicht von Saraceno, sondern vom „Museo Aero Solar“.

Das ist ein open-source-Projekt, an dem jeder teilnehmen, das sich jeder aneignen kann. In Wien basteln bereits 750 Menschen ein eigenes ´Museum´, die Hälfte sind Schulklassen. Wenn alle Sackerln verarbeitet sind, soll das Wiener Museum zum Sommerfest am 21. Juni in die Luft steigen. Jenes im Innenraum bleibt dort liegen. Es ist begehbar, innen liegen Sitzpolster vor einem Monitor. Darauf kann man sich die Flüge anderer Museen ansehen, oder die Tüten aus aller Welt studieren und noch einmal über den Wert der Kunststofftaschen nachdenken.

veröffentlicht in: Die Presse, 19.6.2015