Yogyakarta Biennale 2013

09. Jan. 2014 in Biennalen

FX Harsono, Purification, 2013

Es ist die 12. Ausgabe der Yogyakarta Biennale. Aber auch die 2. Edition – zusammen lautet daher der verwirrende Titel: Jogja Biennale XII Equator #2. Denn vor zwei Jahren startete diese indonesische Biennale unter einem geographisch ausgerichteten Konzept neu: Alle zwei Jahren werden Länder entlang des Äquators als Gastland eingeladen. 2011 war es Indien, 2013 sind es arabische Nationen: Ägypten, Saudi-Arabien, Emirate, Aman.

aus: wikipedia

Mit einer Bevölkerung von gut 240 Millionen Menschen, die auf 17.508 Inseln leben, ist Indonesien der viertgrößte Staat der Erde. Im 1. Jh. n. Chr. buddhistisch und hinduistisch geprägt, besuchten ab dem 15. Jahrhundert immer mehr arabische Händler die Inselgruppen, womit allmählich eine Islamisierung einsetzte. Heute ist Indonesien (aus dem griech.: indo: Indien, nesos: Insel) das  Land mit der größten muslemischen Bevölkerung (88%, gut 200 Mio.), auch wenn der Islam nicht Staatsreligion ist.

Jogja National Museum, Nov. 2013

Diese religiöse Situation verbunden mit der geographischen Lage bildet das Grundgerüst dieser 12. bzw. 2. Edition mit den arabischen Gastländern und einem indonesisch-arabischen Kuratorenduo. Allerdings verschwand Sarah Rifky (Kairo) erklärungslos einige Monate vor Beginn der Ausstellung „aus privaten Gründen“, wie es hieß.  So übernahm Agun Hujatnika (Indonesien) die Alleinverantwortung und bestimmte für die Beiträge der 35 KünstlerInnen den Titel: „Not A Dead End“. Das verweise auf die Themen Mobilität und Migration, die nicht als Einbahnstrasse verlaufen, erklärte er auf der Pressekonferenz.

Pressekonferenz

 

Langgeng Art Foundation

Mobilität als Bedingung von Ausstellungen, als Grundlage der religiösen Pilgerfahrt nach Mekka, aber auch Immigration als gemeinsames Thema der Länder. Mobilität als Bewegung der Menschen, aber auch der Kulturen rund um die Erde – also ein sehr weites Feld. Mobilität auch als Basis dieser Biennale, denn von den insgesamt 35 KünstlerInnen konnten vorab 8 an einem Austauschprogramm teilnehmen: 4 indonesische Künstler verbrachten einige Wochen in arabischen Ländern, vier arabische kamen nach Yogyakarta. Ursprünglich sollte Tisna Sanjaya (Indonesien) nach Saudi-Arabien geschickt werden – aber dort existiert schlicht kein Visum für Künstler. Dieser Austausch entfiel also. 

Ahmed Mater

Diese absurde Situation spielt in der Ausstellung ebenso wenig eine Rolle wie die inakzeptable Position der Frauen in Saudi-Arabien. Die Biennale reflektiere mehr die Situation in Indonesien und nicht in den arabischen Ländern, hieß es dazu auf der PK – allerdings sei die Biennale offen für solche Fragen. Tatsächlich findet sich keine einzige Arbeit, die darauf verweist. Saudi-Arabiens Superstar Ahmed Mater zeigt seine Hochglanz-Mekka-Fotografien, in denen er die Großbaustelle für elitäre Luxushotels rund um das Heiligtum dokumentiert und kritisiert; der palästinensische Künstler Ayman Yousri mit jordanischer Nationalität und Wohnsitz in Jeddah spielt ein kryptisches Spiel mit arabischen Untertiteln zu nicht-arabischen Film-Standbildern;

Ayman Yousri, Check-point, 2013

Basim Magdy (Ägypten) zeigt hübsch-bunte Fotos von Landschaften: „Investigating the Color Spectrum of a Post-Apocalyptic Future Landscape“ – mit Haushalts-Chemikalien behandelte Fotografien. So hübsch die ausschauen, so belanglos ist die Serie leider.

Salwa Aleryani, Sewer Cover, 2011, soil and carpet, 55 x 55 x 2.2 cm (soil), 400×350 (carpet)

Irritierend in der Schlichtheit und den Materialien dagegen Salwa Aleryanis (Yemen) Beitrag „Sewer Cover“: ein aus Lehm geformter Kanaldeckel ist von einem Teppich umrahmt, der auf den ersten Blick an einen Straßenbelag erinnert – ein schönes Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum, Schmutz und Schutz.

Salwa Aleryani

Wer also ein kritischen oder politisch aufgeladenen Blick auf arabische Länder erwartete, wurde enttäuscht – warum auch sollte Indonesien sein Gastland kritisieren? Diese Attitüde ist eine recht westliche, am stärksten in Deutschland verbreitete Eigenschaft. Aber mich interessierte eh weitaus mehr die indonesische Kunst und der Austausch zwischen der arabischen und asiatischen Kunst – und dafür ist die Biennale perfekt! Seit einigen Jahren gilt die indonesische Kunst als sicheres Los auf asiatischen Auktionen, wird von einer agilen und sehr wohlhabenden Sammlerschaft getragen – und ist mir mit der oft plakativen, an Graffitis erinnernden und mit mythologischen Elementen vermischten Bildsprache mehr als fremd. Die wenigen Werke, die wenigen Kataloge dazu konnten mir bisher kein Verständnis erleichtert, eher mein Befremden bestätigen. Genau dafür sind Biennalen perfekt: den Kontext und die Vielfalt verstehen zu lernen. Genau das hat die Yogyakarta Biennale auch perfekt einlösen können.

Da ist etwa Leonardiansyah Allendas Installation, in der er Bilder für die multikulturellen Konflikte seiner arabisch-chinesischen Familie findet, eine halbe Waage, ein bunt-fröhliches Camouflage-Muster für eine militärisch ausschauende Jacke mit Helm, Münzen, Teetassen, ein runder Teppich (und eben kein Tisch!) – alles in einer ästhetischen Balance zwischen den Kulturen, alles Objekte, die er für ein imaginäres Treffen der multi-ethnischen Generationen entwarf, die einerseits für einen innerfamiliären Streit rüsten (Gewand), andererseits neue Zeremonien- und Ritualobjeke bereitstellen, in denen sich verschiedene Kulturen treffen- und das ganz in einem versöhnlich stimmenden, rot gefärbten Raum präsentiert.

Leonardi Allenda, Chapter 0, 2013

Oder Tintin Wulia, die ein Stipendium in Sharjah erhielt und dort ihre Sound-Installation begann, in der sie Gedichte arabischer und indonesischer Schriftsteller in einer Dialogstruktur vereint, die von den „modern-day Arabic nomads, the landless/stateless Arabs“ erzählt.

Tintin Wulia, Babel, 2013, 16-channel synchronised sound installation, 15 minutes duration

Präsentiert ist die Collage aus Gedichten im Gang des SaRang Building, in einer eigenartigen Atmosphäre durch die herunterhängenden Wurzeln der Pflanzen, dem Gitter mit Durchsicht auf den Garten darunter, den langen Bänken zum Verweilen.

FX Harsono, Purification, 2013, Video, aluminum kettle, wooden sculpture, found objects

Auch FX Harsono sucht Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen, wenn er Spuren des frühen Islam in Jaffa sucht, anhand von Familienfotos seine chinesischen Wurzeln erkundet und dabei die „intersections between the personal and political terms“ betont. Seine Installation besteht aus unzähligen Alltagsobjekten, die chinesische Töpfe mit arabischen Bilddarstellungen, hinduistische Küchengeräte mit chinesischen Drachen oder indonesische Holzfiguren mit Drachen zeigen. Alles wurde im Laufe der Zeit miteinander verwoben, aber neuerdings finde eine „purification“ statt, erklärt er – daher auch der Titel der Installation: „Purification“.

Agus Suwage greift in seinen Installationen den Muezzin-Ruf der Moschees auf und findet eindringliche Bilder für die zunehmende Bedeutung des Islam in der indonesischen Gesellschaft „in the light of the current rise of fundamentalism in Indonesia“ (Katalog): Die geziegelte Wand mit den goldenen Ohren darauf und das Musikinstrument mit der winzigen Figur davor.

Agus Suwage, Tenbok Toleransi, 2012

 

Agus Suwage, Social Mirrors #3, 2013

Manches erscheint fremd, unverständlich wie Handiwirman Saputras raumgreifende Skulptur, die an einen Unfall erinnern soll, der unkonkret bleibt und stattdessen die „absurditiy of the transformation of material and shape“ betone, wie es im Katalog erklärt wird. Ein Schiff oder ein Baum? Kabelsalat oder Wellen? Auf jeden Fall eine verführerisch schöne Installation.

Handiwirman Saputra, Tak Berakar Tak Beerpucuk (No Roots No Shoots), 2012

Prilla Tania zeigt eine Art Labyrinth, auf den Boden gelegt aus Papierstreifen und dramatisch angeleuchtet. Es widerspiegelt ihre „Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen“ während ihres Gastaufenthaltes in Sharjah, ihre Wege durch die Stadt, die miteinander verwobenen Erzählungen der Einwohner, das Gewebe einer wachsenden Stadt – eine eindringliche Installation.

Prilla Tania, Takhtet Al Qaleb, 2013

1961 in Indonesien geboren, studierte Tiong Ang in Amsterdam und lebt heute noch dort. Er kombiniert Fakten und Fiktion, thematisiert den stetigen Fluß von Informationen, der uns infiltriert und seinen Wunsch „to keep our minds open“ – so der Katalogtext:

Tiong Ang, My Name is Pencil, 2009-2013

Restu Ratnaningtyas, geboren 1981, zeichnet „clothes without owners that come from many parts of the world and end up on the other side of the world“, gezeichnet in zarten Farben, die wie ein Traum erscheinen, naiv und märchenhaft, aber auch traurig, denn es erinnert an jene Menschen, die all ihren Besitz zusammenschnüren und ins Ungewisse aufbrechen.

Restu Ratnaningtyas

 

Restu Ratnaningtyas, Fraction, 2013

Duto Hardono gehört zu den Austausch-Künstlern, er erhielt ein kurzes Stipendium für Kairo, wo er Schallplatten sammelte, die er halbiert und neu kombiniert, um die „post-revolutionierte“ ägyptische Gesellschaft mit der „post-Reform“-Zeit in Indonesien zu vergleichen – schöne Idee, bleibt aber in diesem Vinyl-Meer reines Konzept.

Duto Hardono, C. C. Records, 2013

Und dann ist dort noch der indonesische Superstar Eko Nugroho, dessen Werk mit den kitschigen, folkloristischen Elementen, dem altar-ähnlichen Aufbau und der ganzen Überladenheit mir völlig fremder Dinge mehr als kryptisch erscheint – sozusagen der Inbegriff der mir unverständlichen, indonesische Kunst. Aber genau darauf zielt er ab: die Spannung zwischen Indonesien und dem Westen, zwischen lokal und global, Hochkultur und Straßenkunst, vielsagenden Bezügen und persönlichen Reflexionen – ohne uns mit einer Auflösung zu versöhnen.

Eko Nugroho, Yogyakarta Biennale 2013