2. Islamic Arts Biennale in Jeddah

13. Aug. 2025 in Biennalen

Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, ’I Was Looking at the Garden When I Saw the Sky, 2025. Commissioned by Diriyah Biennale Foundation für die Islamic Arts Biennale 2025. Foto und Courtesy Joana Hadjithomas & Khalil Joreige

Zum zweiten Mal findet die Islamic Arts Biennale in Jeddah/Dschidda statt – eine faszinierende  Brücke zwischen Tradition und Gegenwart.

Vor wenigen Jahren noch war eine Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien in Reich der Kultur aus politischen bis menschenrechtlichen Gründen umstritten. Solche Vorbehalte sind definitiv vorbei. Zur Eröffnung der 2. Islamic Arts Biennale in Dschiddah Mitte Januar reisten Direktoren vom Metropolitan Museum in New York bis zur Nationalgalerie in Berlin an, manche begleitet von ihren Freundesvereinen und Sponsoren. Sammler, Journalisten, Galeristen und Kuratoren kamen aus Europa, Indien, Japan, Australien – die Biennale am Roten Meer bricht 2026 einige Rekorde.

Islamische Biennale als Wissensschule

Installationsansicht der schwarzen Rosen im Wasserbecken von Raya Kassisieh, Heavy Petals, 2025. Islamic Arts Biennale 2025, Foto: Marco Cappelletti, Courtesy Diriyah Biennale Foundation

Über 1000 Gäste ließen sich für die Eröffnungstage registrieren, rund 7000 kamen zur Eröffnung. Dieses globale Interesse ist möglich, weil das Königreich unter dem Schlagwort „Vision 2030“ seit einigen Jahren eine gesellschaftliche Öffnung mit neuen Rechten für Frauen wie dem Ende des Verschleierungsgebots praktiziert. Dazu mag auch beitragen, dass die 1. Islamic Arts Biennale 2023 ein großer Überraschungserfolg war, bei dem der Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und historischen islamischen Objekten überzeugend gelang. 600.000 Besucher kamen bei freiem Eintritt, es sei eine „Wissensschule und ein Treffpunkt“ gewesen, erklärte der Assistent-Kulturminister Rakan Altouq bei der Eröffnung rückblickend. Und erklärte auch den Begriff ´islamischen Künste´, der dazu diene, „kulturelle Schätze aus verschiedenen Zeiten und Geographien zusammenzubringen“.

Kunstprojekte in Saudi-Arabien

Hilfreich für dieses Interesse ist sicher das stattliche Budget, das innerhalb des staatlichen Erneuerungsprogramm für Kultur bereitsteht und Saudi-Arabien innerhalb weniger Jahre in den Fokus der globalen Kunstkarawane gerückt hat. Ein Teil fließt in Restaurierungen wie jene der Altstadt von Dschidda. Seit 1400 Jahren ziehen die Pilger durch die Stadt am Roten Meer auf dem Weg nach Mekka. 2015 begann die Regierung, rund 300 aus dem 19. Jahrhundert stammende, teils arg verfallene Häuser aufzukaufen. Nach und nach werden die Häuser mit den dort typischen Holz-Erkern erneuert, manche sollen zu Hotels werden – Saudi-Arabien bereitet sich auf die Post-Öl-Zeit vor und setzt auf globalen Tourismus. Ein beachtliches Budget steht auch für Kunstprojekte zur Verfügung, für die geplanten permanenten Skulpturen von u.a. James Turrell und Agnes Denes im Wüstengebiet Al Ula. Hier findet auch seit 2020 die Desert X-Biennale statt. In der saudischen Hauptstadt Riad fand 2022 erstmals die Diriyah Biennale für zeitgenössische Kunst statt, 2021 erstmals das jährliche Lichtfestival Noor Ryad im öffentlichen Raum. Im April startet das erste Ryad Gallery Weekend mit Ausstellungen in Galerien und von privaten Sammlungen. Zwar ist die saudische Kunstszene noch vergleichsweise jung und klein, aber dafür entwickelte sich der Kunstmarkt hier in atemberaubenden Tempo. 63 Prozent der insgesamt 37 Millionen Saudis sind unter 30 Jahren – und hungrig nach Kunst.

Islamic Arts Biennale lebt von Kooperationen

Installationsansicht Islamic Arts Biennale 2025, Foto Marco Cappelletti, Courtesy Diriyah Biennale Foundation

Der wichtigste Grund für das enorme Interesse an der 2. Islamic Arts Biennale liegt aber sicher in den vielen Kooperationen. Waren es 2023 nur 11, so konnten 2025 mehr als 30 Partnerinstitutionen aus 20 Ländern, von der Apostolischen Bibliothek des Vatikan über Museen aus den USA, Portugal, Türkei, Indien, Indonesien, aber auch aus dem Nahen Osten gewonnen werden. Sie tragen hochkarätige Leihgaben bei. Austragungsort der Biennale ist das Westliche Hajj-Terminal des Flughafens in Dschidda, das 1981 eigens für die moslemischen Pilger gebaut wurde: eine riesige Anlage mit offenen, zeltartigen Dächern zum Sammeln vor der Weiterfahrt mit Bussen. Seit 2023 wird das Areal für kulturelle Veranstaltungen genutzt, wofür Hallen rund um einen kleinen Platz mit Lokalen und einem Wasserbecken gebaut wurden. Über die fünf 13.5 Meter hohen Hallen plus Außenbereich erstreckt sich die Biennale. Für die über 500 historischen Objekte aus islamischen Kulturen entwarf das von Rem Koolhaas gegründete Architekturbüro OMA  eine großartige Architektur mit zahlreichen eleganten Vitrinen. Allein in den Hallen 3 und 4 stehen 70 dieser Schaukästen, die mit subtilem Licht hinter semitransparenten, weißen Stoffen eine Kathedralen-ähnliche Atmosphäre vermittelt.

War die erste Ausgabe geprägt vom direkten Dialog zwischen historischen Objekten und zeitgenössischer Kunst, so dominiert jetzt unter dem Titel „And All That Is In Between“ Spiritualität und Musealität. Viele Werke im historischen, aber auch im zeitgenössischen Teil sind direkt vom Koran inspiriert. So ist auch Biennale-Titel ein Zitat, das mehrmals im dem heiligen Buch des Islam zu finden ist. Die islamischen Artefakte finden sich in den Hallen, faszinierende Höhepunkte des religiösen und auch weltlichen Kunsthandwerks wie frühe Ausgaben des Korans, Gefäße, Landkarten, aber auch Waffen, Musikinstrumente und Kleidung. In Halle 5 treffen bisher kaum ausgestellte Objekte aus der Al Thani Collection (Katar) auf die saudische Privatsammlung Furusiyya Art Foundation.

Zeitgenössisches auf der Islamic Arts Biennale

Installationsansicht “Islamic Garden” im Außenbereich. Islamic Arts Biennale 2025, Foto Marco Cappelletti, Courtesy Diriyah Biennale Foundation

Zwischen all diesen Vitrinen und punktbestrahlten Meisterwerken mischen sich 9 zeitgenössische Installationen wie das sich langsam drehende Rad von Arcangelo Sassolino (Italien), dessen Bewegung verhindert, dass das tiefschwarze Öl heruntertropft – „ein Tanz zwischen Stabilität und Kollaps“, wie er es nennt. Oder die an astronomische Geräte erinnernde Skulptur des im Irak geborenen, in Frankreich lebenden Mehdi Moutashar. Weitere 21 eigens für die Biennale produzierte Installationen stehen im Außenraum. „Islamic Garden“ ist hier das kuratorische Thema – die zeitgenössische Kunst lädt zum Entspannen ein.

Kurator Amin Jaffer nennt den Außenteil einen „Garten der Schönheit, der Gemeinschaft, Mediation und Regeneration, ein Garten des Herzens und der Seele“. Damit rückt er diesen Teil dezidiert in die Nähe des religiös angelegten Innenbereichs. Verantwortlich für die Auswahl ist der saudische Künstler Muhannad Shono, der 2022 den Saudi-Pavillon in Venedig bespielte. Manche der Werke hier sind massiv wie die begehbare Holzkonstruktion mit interaktiven Soundeffekten von Asim Waqif (Indien). Andere fragil wie die Sandflächen auf drei Podesten von Nasser Alzayani (Bahrain), in die eine Zeile eines Gedichts von Ali Abdulla Khalifa von 1970 über den Verlust einer Süßwasserquellen in Bahrain eingeprägt ist, das langsam durch den Wind erodiert.

Imran Qureshi, Between Sacred Cities (Zubaydah Trail), 202, gewebtes Nylon auf Stahlgerüst. Commissioned by Diriyah Biennale Foundation für die Islamic Arts Biennale 2025. Foto: SBV

Andere thematisieren den Wind und traditionelle Techniken wie Louis Guillaume (Frankreich) mit einem riesigen ´mashrabiya´, wie die den Häusern als Sichtschutz vorgehängten Erkern auch genannt werden. Ausgehend von der Bedeutung der Wintermelone in Zentralasien, die ihren Ursprung der Legende nach im Garten Eden hat, entwickelt Slavs & Tatars ihre Installation eines „Melonengartens“ in Form des Buchstaben qaf – die zugleich an die für die Region typischen Windtürme erinnert. Das libanesische Künstlerduo Joana Hadjithomas & Khalil Joreige reagiert auf die zur Behübschung angelegten kleinen Blumenbeete – und hebt humorvoll eines dieser kleinen Quadrate mit nahezu identischer Bepflanzung in die Höhe. So thront ihr Garten über dem Gelände, platziert auf einem Bohrkern, der an die prähistorische Geschichte des Ortes erinnert. Am Boden sind Prisma-ähnliche Objekte mit Mikrostrukturen von Steinen oder Sand verteilt. Zwischen den beiden Box-ähnlichen Räumen mit historischen Objekten, die die Namen der beiden heiligen Orte ´Medina´ und ´Mekka´ tragen, ließ Imran Qureshi von sechs Webern tagelang seine begehbare Struktur „Between Sacred Cities“ aus Nylon weben. Die grüne Fläche lässt florale Motive erkennen und stehe für Medina, erklärt er im Gespräch. Das Blau stehe für das Wasser aus Mekka, Zam-Zam genannt. Die rote Farbe darin erinnere an die politischen Spannungen in der Region. Die Fläche rundherum sei inspiriert von der für die Miniaturmalerei typischen Bordüre – die hier als Sitzfläche dient.

Installationsansicht Deckenarbeit von Timo Nasseri, Echoes of the skies, 2025. Islamic Arts Biennale 2025, Foto Marco Cappelletti, Courtesy Diriyah Biennale Foundation

Geschichte und Gegenwart verbinden

Mag die dominierende religiöse und museale Ausrichtung in der Biennale Anfangs irritieren, wird das Konzept am Ende des Parcours verständlich. Jährlich reisen tausende Pilger nach Dschidda. In der Kombination von historischen Meisterwerken und zeitgenössischer Kunst wird Geschichte und Gegenwart verbunden – und vor allem den Besuchern unabhängig von Bildung und Herkunft den Zugang zur Kultur geöffnet. Noch verfügt Saudi-Arabien anders als Doha (Katar) und Sharjah (Emirate) über kein Islamisches Museum. Zwar gehören zum Programm der „Vision 2030“ geplante 27 Museen, darunter ein Fotomuseum in Riad. Einige dieser Projekte sollen in Partnerschaft mit Frankreich entstehen, wofür Saudi-Arabien sich als Gegenleistung mit 50 Millionen Euro an der Sanierung des Centre Pompidou in Paris beteiligt. Aber zuvor müssen die Stadien für die Fußball-WM 2034 und das riesige Areal für die Expo 2030 in Riad gebaut werden – wo neben Hotels und Wohneinheiten auch das Diriyh Art Futures-Kunstzentrum entstehen soll. Bis zur Fertigstellung all dieser Vorhaben gibt diese 2. Islamic Arts Biennale bis zum 25. Mai einen Ausblick auf die künftige Kulturpolitik.

veröffentlicht in: Kunstforum Bd. 302, April/Mai 2025

Installationsansicht Islamic Arts Biennale 2025, Foto Marco Cappelletti, Courtesy Diriyah Biennale Foundation