Steirischer Herbst 2023: Dämonen & Menschen

30. Sep. 2023 in Ausstellungen

Zum 56. Mal findet das Multispartenfestival Steirischer Herbst in Graz statt – unter dem bildreichen Titel „Dämonen & Menschen“.

Lulu Obermayer, Agoraphobia (2023), Performance, Foto: Steirischer Herbst / Johanna Lamprecht

Dunkle Wolken, heftiger Wind, erste Tropfen – wird es jetzt etwa regnen? In wenigen Minuten soll die Eröffnung des „Steirischer Herbst“ vor dem berühmten Uhrturm hoch oben über Graz beginnen. Vorsichtshalber erhalten die rund 300 Gäste hellbeige Bio-Regenponchos, was eine farblich herrlich harmonische Menschenmenge ergibt. Aber pünktlich zur Rede der Festspielintendantin Ekaterina Degot verziehen sich die Wolken. Dabei hätte der dramatische Himmel durchaus zu dem heurigen Thema gepasst: „Menschen und Dämonen“. Es ist das sechste Multispartenfestival unter der Leitung von Degot. Was ist gut, fragt sie in ihrer Rede in Anspielung auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, „gut für den gerechten Sieg über den Aggressor oder für den sofortigen Friedensvertrag mit dem Aggressor?“ Und wird dann allgemeiner: „Es scheint, das ´Böse´ ist heute universell, während das ´Gute´ relativ ist, in die Privatsphäre verschoben wurde“ und auf einer „sehr persönlichen Idee von dem basiert, was richtig ist.“ Ihre Beobachtung: „Wir wissen, was schrecklich ist, aber oft nicht, was gut ist.“

Eröffnung Steirischer Herbst ’23, Schloßberg, Graz, Foto: Steirischer Herbst / Johanna Lamprecht

Das ist eine starke Ansage für ein Festival, dass Musik, Performances, Theater und Kunst verbindet – wie können die Steirischer Herbst -Teilnehmer in ihren 25 Projekten und 40 Kunstwerken so ein fast philosophisches Thema nur umsetzen? Nach Degots Rede folgt gleich die erste Antwort: Die bayrische Performerin Lulu Obermayer gleitet mit einer Hebebühne in die Lüfte über die Büschen gegenüber des Uhrturms. Begleitend singt der Chor der Grazer Kapellknaben „Fürchte dich nicht“. Wild geschminkt, eine Wasserpistole umgehängt und mit metallischen Edward-Scherenfingern ausgerüstet, zitiert Obermayr dann mit dramatischer Stimme, unterstützt von einer Nebelmaschine und viel Echo-Effekten Goethe: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß aß aß / wer nie die kummervollen Nächte / auf seinem Bette weinend saß, saß, saß / der kennt euch nicht / ihr himmlischen Mächte, Mächte, Mächte.“ Da hätte doch ein Regenschauer gepasst. Schon steigt die nächste Hebebühne gen Himmel, diesmal mit einem Opernsänger. Noch ein dritter Sänger wird hochgehievt. Beide erinnern mit ihren schwarzen Perücken, der Gesichtsbemalung, diesen Scherenhänden und den überdramatisierten Bewegungen an teuflische Dämonen. In ihrem Zitat-Potpourri von Heinrich Heine, Verdi, Johann Sebastian Bach, Franz Schubert geht es ums Weinen. Im Programmheft lesen wir, dass Obermayer sich mit dem männlich dominierten Geschlechterverhältnis in der Oper beschäftige – was hat das mit den zitierten Tränen, Seufzern und Schmerz zu tun? Punkt 18 Uhr erstarren die Drei auf ihren Minibühnen. Es beginnt das alles übertönende tägliche Grazer Glockengeläut – der perfekte Zeitpunkt, um die Menschenmasse bei strahlendem Sonnenschein zum Mariahilferplatz zu dirigieren, wo Michael Portnoy eine Rede-Performance über Vorschriften und Regeln in der Stadt aufführt.

Anna Engelhardt und Mark Cinkevich, Onset (2023), Video, Installationsansicht, Foto: Steirischer Herbst / Mathias Völzke, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen

Das ist ein weiter Bogen, der da im Eröffnungsprogramm gespannt wird. Hatte Degot nicht gerade noch in ihrer „Steirischer Herbst“ -Rede angemahnt, dass wir „der Falle der engelhaften Didaktik wie der der dämonischen Wurschtigkeiten entkommen“ sollen – das klang doch weitaus handfester als diese Performance. Ob die Ausstellungen dem näher kommen? Für die vier Orte haben sich die fünf Kuratoren des „Steirischer Herbst“ Mikrogeschichten rund um vier Charaktere ausgedacht, die mit Graz zu tun haben. In einem ehemaligen Call-Center mitten in einem wohlhabenden Villenviertel steht Dr. Jazz im Zentrum, ein überzeugter Nazi und Jazz-Experte. Die Kuratoren stellen sich diesen Ort als „Demon Radio“ vor, Jazz-Platten hängen von der Decke. Und die Dämonen? Kann man in vieles hineinlesen, aber überzeugend gelingt das nur bei einem Film – einer der stärksten Arbeiten dieses Steirischen Herbst: Unter dem Pseudonym Anna Engelhardt zeigt die russische Künstlerin zusammen mit Mark Cinkevich den Film „Onset“. Ihre Methode sei „angewandte Dämonologie“, erklärt Cinkevich. Er trägt dabei eine Maske, um unerkannt zu bleiben, aus Angst vor staatlichen Repressionen gegenüber seiner Familie in Belarus. Denn der Film zeigt in eindrücklichen, teils recherchierten, teils retouchierten Bildern, wie russische Militärbasen auf der Ebene der Energie-Infrastruktur arbeiten.

Alice Creischer, Venetin Coliu (2023), Installationsansicht, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

In den nächsten zwei Orte bleiben die Dämonen weitgehend abwesend, im Stadtpark erzählen die Kuratoren vom Wohnsitz eines Dissidenten, in einem ehemaligen Supermarkt im Stadtteil Gries von der „Submarinen Frieda“ – verwirrende Assoziationsangebote, denen man nicht folgen muss. Auch nicht dem vierten Charakter, Mira Schendel, die irgendwann mal im Minoritenkloster ausstellte. Dieser Ort allerdings ist ein absolutes Muss. Denn hier ist die größte Dichte starker Werke zu finden.

Meg Stuart, Shelf Life (2023), Standbild, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Dazu gehört der Film von Meg Stuarts Tanzperformances in den gespenstischen Räumen der aufgelassenen Grazer Vorklinik, in der die tragisch-ausweglosen Bewegungen die Tänzer wie Geister wirken lassen. Und oben auf dem notdürftig hergerichteten Dachboden läuft Cyprien Gailards Film „The Lake Arches“. Zwei junge Männer köpfeln in den verheißungsvollen See zwischen einem postmodernen Wohnkomplex. Das Wasser ist nur wenige Zentimeter tief, einer taucht mit blutiger Nase und schmerzverzerrtem Gesicht auf. Der Dämon sitzt in beiden Beiträgen in der Architektur. Vorbei an Andreas Fogarassis Wandobjekten aus Materialien der abgerissenen Vorklinik gelangt man dann zu dem absoluten Höhepunkt der Steirischen Herbst-Ausstellungen: Dana Kavelinas Film „The Lemberge Maschine“.

Dana Kavelina, The Lemberg Machine (2023), Standbild, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Vier Jahre hat sie daran gearbeitet, erzählt sie. In einem fiktiven ´Labor der Geschichte´ blickt eine Figur mit Maske immer wieder zurück in die Vergangenheit, erlebt die Progromme vom heutigen Lwiw 1940, von 1941 und den Holocaust in brillant inszenierten Animationen voller ausdrucksstarker, so simpel wie komplex geformten Figuren. Dieser 35minütige Film ist emotional ergreifend, künstlerisch hervorragend und bringt das Thema auf den Punkt: Nicht der Dämon steht hier im Zentrum, sondern die Menschen – „und die haben das Dämonische in sich“, wie Degot es im Gespräch zusammenfasst.