Bonartes: Kamera an Bord

07. Sep. 2026 in Ausstellungen

Kamera an Bord, Courtesy Bonartes, Wien

Das Wiener Photoinstitut Bonartes zeigt historische Fotografien von Expeditionen in den Weltmeeren 1855-1917.

Schiffe und ganz besonders Militärschiffe sind schwimmende Kolosse. Rund 5000 Soldaten leben an Bord des US-Flugzeugträgers Abraham Lincoln, der bis vor wenigen Tagen neun Monaten im Nahen Osten im Einsatz war. So gewaltige Besatzungen hatten die Kriegsdampfer im 19. Jahrhundert nicht. Aber immerhin rund 500 Matrosen und Soldaten bevölkerten die Fregatte „SMS Schwarzenberg“, mit der Österreich 1864 Preußen erfolgreich im Kampf gegen Dänemark unterstützte. J

Kamera an Bord, Courtesy Bonartes, Wien

Jetzt sind spannende Aufnahmen dieses Schiffes in dem Wiener Photoinstitut Bonartes unter dem Titel „Kamera an Bord, zwischen Arktis und Südsee 1855-1917“ zu sehen. Wir erkennen entspannt plaudernde Matrosen auf dem Deck. Im Hintergrund liegen auf einer Reling eng nebeneinander gestapelte Säcke – die tatsächlich aufgerollte Hängematten sind. Auf einem anderen Foto sehen wir Männer unter Deck, die dicht neben- und übereinander in ihren provisorischen Betten liegen. Geschlafen wurde in vier Schichten.

Stereofotografien als Souvenirhits

Kamera an Bord, Courtesy Bonartes, Wien

Die SMS Schwarzenberg ankerte zu der Zeit zur Reparatur in Cuxhaven. Die Aufnahmen sind gestellt, wie auch die vielen Motive für die Stereofotografien – so nannte man die im 19. Jahrhundert überaus beliebten synchron geschossenen Doppel-Bilder, die mithilfe eines kleinen Apparates ein dreidimensionales Seherlebnis ermöglichten.

Um 1860 warb ein Wiener Händler damit, über 30.000 solcher Stereo-Motive im Sortiment zu haben. Meist waren es Landschaften, Sehenswürdigkeiten, manchmal Naturgeschichte, sogar Alltagsleben, auch Schlachtfelder, Soldatenlager und eben Kriegsschiffe wie jene von dem Flagschiff SMS Schwarzenberg, die mit den sorgfältig gestellten Szenen von einem überraschend geordneten Leben an Bord erzählen.

Österreichische Polarexpeditionen

Aber nicht nur Kriegsschiffe, auch Polarexpeditionen wurden fotografisch begleitet wie die Aufnahmen der Isbjörn-Fahrt 1872 zeigen, die zur Vorbereitung der später legendär gewordenen Payer-Weyprecht-Expedition stattfand – das Segelschiff wurde im Packeis eingeschlossen, musste aufgegeben werden und endete für die 23 Mann der Besatzung erst 637 Tage später.

Kamera an Bord, Courtesy Bonartes, Wien

Grand Tour zu See von Erzherzog Franz Ferdinand

Die Isbjörn-Fahrt verlief weitaus undramatischer, 15 Mann lebten auf dem nur 19 Meter langen Segelkutter, darunter ein Fotograf, der in 120 Platten die Tour inklusiv exotischer Samir-Lotsen dokumentierte. Das mag heute wenig spektakulär klingen. Aber bis in die 1880er Jahre musste für jedes Foto etwa ein Kilogramm Material mitgenommen werden, darunter zusammenklappbare Dunkelkammern. Die Stative und langen Belichtungszeiten erforderten eine absolut ruhige See.

Dank technischer Neuerung konnte dann die Grand Tour 1892 von Erzherzog Franz Ferdinand auf der „SMS Kaiserin Elisabeth“ weitaus einfacher dokumentiert werden. Als eines der modernsten Schiffe war es mit 105 Metern fast doppelt so lang wie das Flaggschiff „Schwarzenberg“.

Österreich lag damals noch am Meer, die Reise begann in Triest, führte über Indien, Australien, Japan nach Nordamerika – nicht um Krieg zu führen, sondern um sich als moderne Seemacht auf den Weltmeeren zu präsentieren. Das Reisetagebuch zeigt eine herrliche Mischung aus Staatsbesuchen, Fotosafari bis zu Shoppingtouren.

In der Ausstellungen sehen wir den Erzherzog mit einem kleinen Weihnachtsbaum an Bord, aber auch einige der wimmelbildähnlichen Gruppenfotografien des seemännischen Brauchs der „Äquatortaufe“, zu der sich die Besatzung fantasiereich verkleidete.

Kamera an Bord, Courtesy Bonartes, Wien

Flitterwochen auf hoher See

Nach den Expeditionen in unbekanntes Gebiet, der Grand Tour auf einem Kriegsschiff, der achtzehnmonatigen Erdumsegelung 1895/96 zur Landvermessung führt uns die Ausstellung zuletzt zu einem waghalsigen Privatunternehmen. Der ungarischer Graf Rudolf Festetics de Tolna hatte in Paris die US-Millionärstochter Eila Butterworth Haggin kennengelernt, geehelicht und für eine Seefahrt begeistert.

Sie ließ eine 30 Meter lange Segelyacht bauen, machte als 19jährige als erste Frau überhaupt ihr Kapitänspatent, um im Oktober 1893 mit der „Tolna“ zur Hochzeitsreise in See zu stechen. Für sie endete die Fahrt 1899 in Singapur, zuhause angekommen reichte sie die Scheidung ein. Für den Grafen endete die Fahrt im Februar 1900, als die „Tolna“ bei den Malediven auf Grund sank.

Ziel ihrer langen Reise war es, Unbekanntes, allem voran Kannibalen zu finden. Und zu fotografieren, 450 Negativplatten befinden sich im ethnographischen Museum in Budapest. Ob an Land oder beim Besuch an Bord in einer improvisierten Studiosituation, die von Festetics fotografierten Menschen und die dokumentierten Landschaften sind heute eine wichtige historische Quelle für die Inselwelt des Pazifikraums Ende des 19. Jahrhunderts. Auf Expeditions-, Kriegsschiffen oder einer privaten Yacht, Bonartes zeigt, wie die Kamera mit an Bord ging und die Sicht auf die Welt eröffnete.

veröffentlicht in: Die Presse, 26.8.2026
Bonartes, 21.8.-27.11.2026