Wie wird der koreanische Kunstmarkt auf die Frieze Seoul 2026 reagieren?
Als die britische Kunstmesse Frieze 2022 erstmals die Depandance in Seoul eröffnete, galt der koreanische Kunstmarkt als Goldgrube. Gemeinsam mit der lokalen KIAF bespielen sie seither zwei Stockwerke des Messezentrums, bieten ein gemeinsames Ticket an und ziehen jährlich rund 150.000 Besucher an.
Dieses Jahr nahmen 125 Galerien an der Frieze Seoul und 175 Galerien an der regional ausgerichteten KIAF teil. Allerdings kriselt der Markt mittlerweile. Das politische und ökonomische Klima in Korea ist „bewölkt“, wie es der Report des staatlichen Korea Arts Management Service (KAM) nennt: Die Notstandsverhängung in Korea 2024 durch Präsident Yoon Suk-yeol, die darauf folgende Amtsenthebung, die Neuwahlen Juni 2025 und nicht zuletzt das einzigartige, aber heikle Konzept der „fractional art“ haben den Markt verunsichert.
Fractional Art …
Der Begriff bezeichnet die Methode, Blue Chip-Kunstwerke anzukaufen, in Teile zu zerlegen und so anteilig ab umgerechnet 75 Euro zu verkaufen. Vor allem junge Retail-Sammler stiegen in dieses System ein und hofften bei den Verkäufen auf einen hohen Teilerlös. Der 2023 erste genehmigte Verkauf – Kusamas „Kürbis“ – erzielte mehr als das Doppelte des Ziels.
… und sein Ende heuer
Im Januar 2026 endete dieser Brokerage-Service, zu groß waren die Probleme: Käufer konnten ihre Anteile nicht handeln, einen Ausstieg gab es nur über den Verkauf des Gesamtwerkes, was Jahre dauern kann und keinen Gewinn garantiert. Zudem wurden die Einkünfte aus „fractional art“ im Juli 2025 per Steuergesetz von „other income“ zu „dividend income“ umklassifiziert, womit die 60 Mio-Won-Freigrenze und die 22 % Pauschale entfiel.
Umsatzrückgänge in Seoul
Die Folge: Der gesamte koreanische Kunstmarkt erlebte Umsatz- und auch Preisrückgänge, laut KAM 2025 um rund 12 Prozent. Zwar sind die meisten westlichen Blue Chip-Galerien wie Gagosian, Zwirner, White Cube und Ropac trotzdem geblieben. Aber die Galerien König, Various Small Fires und Peres Projects stellten 2025 ihren Betrieb in Seoul ein. Ein fatales Zeichen, zu dem dieses Jahr noch die Konsequenzen durch die US-Extra-Tarife auf Auto-, Holz- und Pharma mit bis zu 25 Prozent kommen – Korea ist eine der am stärksten vom Außenhandel abhängigen Volkswirtschaften.
Die daraus resultierenden Einbußen betreffen vor allem die High-Net-Worth-Käufer, allen voran die Chaebol-Sammler. In etwa mit ´Oligarchen´ zu übersetzen, bezeichnet der Begriff die rund 20 Familien der führenden Unternehmen wie Samsung, Hyundai, LG oder Lotte, die oft eigene Museen in Seoul unterhalten und den Markt wesentlich stützen.
Frieze Seoul heute?
Wie also sieht der koreanische Kunstmarkt heute aus, wie die Zukunft der Messen? Wird Seoul seine Stellung als asiatischer Kunst-Hub halten können, kann die Frieze Seoul das Tief überleben? Die Ausstellerliste der Frieze gibt der Beschreibung der ´Bewölkung´ zunächst Recht: 40 Galerien kehrten nicht wieder, 70 Prozent der Aussteller stammen dieses Jahr aus dem asiatisch-pazifischen Raum, mehr als 50 mit permanenter Präsenz in Seoul.
Frieze Seouls neue Regionalisierung
Kann diese neue Regionalisierung gut gehen? Um es vorweg zu nehmen: ja! Das zeigte sich bereits in den neuen Messe-Sektionen „Material Practice“ und „Spotlight“: Erstmals wird dezidiert die Verbindung zwischen Kunst und koreanischem Handwerk mit Keramik, Lack-, Perlmuttarbeiten unterstützt.
Kunst in Verbindung mit Handwerk und die Rückblicke auf Meister des 20. Jahrhunderts sind global beobachtbare, spannende Tendenzen, die hier noch hohes Potential haben wie die Tansbao Gallery aus Taipei mit den abstrakt-expressiven Bildern von Lain Singh Bangdel, dem Vater der Modernen nepalesischen Kunst zeigt.
Kunst mit Pokemon auf der Frieze Seoul
Aber Materialexperimente finden sich auch außerhalb der neuen Sektion wie die faszinierenden Wimmelbilder der Koreanerin Eunjin Kim. Ihre Technik mit Perlmutt lässt nur ein Bild pro Jahr zu, das bei ihrer Galerie Theo (Seoul und Jakarta) 198.000.000 Won kostet, umgerechnet rund 116.000 Euro. Am selben Stand findet sich auch JeJn Acrylbild, dass inmitten einer gemalten Holzdrucktechnik das Pokemon Dragoran in seinen beiden Megaform X und Y inmitten einer mittelalterlichen Arena zeigt, rundum dekoriert von Vogel-Pokemon wie Tauboss.
High and Low-Vermischung
Diese Vermischung von Pop- mit Hochkultur gehört zu den neuesten Trends in Korea. So spricht Lee Sung-hoon, Präsident der koreanischen Galerien, die die KIAF ausrichten, ganz selbstverständlich von „K-Art“ als von K-Pop bis K-Drama in der Ästhetik bis zu Bildmotiven beeinflusst.
Aber nicht alle Galerien sehen diesen Trend zur Regionalisierung positiv. Denn das Preisniveau sogar der Nachkriegs-Avantgarde liegt deutlich unter westlichem Niveau. Aber nur wenige Werke übersteigen die als Spitzenpreis geltende Grenze von 300.000 Euro.
Trotz der ´Bewölkung´ und der Preisdifferenz sehen nahezu alle Galerien ein hohen Potential in der Regionalisierung. So betont Esther Schipper, die seit 2022 eine Galerie in Seoul betreibt, die Wichtigkeit des chinesischen Markts für ihre Künstler. Ropac, der schon in den ersten Stunden vor allem an Sammler aus Korea und Taiwan verkaufte, erklärt sogar: „Das Interesse an koreanischer Kunst explodiert.“ Heemin Chungs Werk hätte er dreimal verkaufen können, für die 1987 geborene Künstlerin gebe es bereits Wartelisten.
Diese Entwicklung ist wohl nicht zuletzt eine Folge der Erfolgsgeschichte von K-Pop bis K-Drama. Aber wird der K-Art-Trend anhalten können, wenn ab nächstem Jahr der Messestandort renoviert und die Frieze in ein Ausweichquartier ziehen muss? Da sind alle zuversichtlich. Denn der Desigkomplex DDP, ein ikonischer, von Zaha Hadid entworfener Bau, liegt weitaus stadtnäher. Die KIAF dagegen bleibt im Kongresszentrum COEX. Die Kooperation mit der Frieze bleibt erhalten. Wie es nach der Renovierungsphase des COEX 2028 weitergeht, ist noch offen.
veröffentlicht in kürzerer Fassung in: Kunstforum online, September 2026



