Party, Sonne, Strand und Tanzen bis zum Sonnenaufgang – dafür ist Ibiza berühmt. Dank CAN Art Ibiza gilt die spanische Insel auch als neuer Geheimtipp der Kunstkarawane.
Immer mehr Sammler, Künstler, auch Musiker und Designer würden hier herziehen, erzählt Jorge Tambien. Der Galerist kam vor sechs Jahren auf die Insel. Damals habe es noch keinen Kunsthandel auf der Insel gegeben, erinnert er sich. Auch die Suche nach einer passenden Finka, wie die Anwesen hier genannt werden, sei einfach gewesen – die dritte Anlage passte perfekt als Haus plus Atelier für seine Frau, die Künstlerin Natalie Rich. Zum Leben entschieden sie sich für den Norden, seine Galerie für Designklassiker eröffneten sie in dem malerischen Dorf Santa Gertrudis mitten auf der Insel. Bald folgten zwei weitere Räume für Kunst, alle bewusst weit entfernt vom Partyrummel der Sommertouristen.
Als er anfing, habe es hier keinen Kunsthandel gegeben, erinnert er sich. Nicht zuletzt durch Corona änderte sich das schnell, erklärt er. Immer mehr Gäste wären hergezogen, mittlerweile habe er nicht mehr nur im Sommer, sondern das ganze Jahr offen – ausser August. Da sei zu viel Massentourismus.
Ähnlich sieht es auch Alex Flick. Er hat gerade gut sieben Kilometer entfernt im Nordosten seine Galerie eröffnet. Als Sohn des bekannten Sammlers Friedrich Christian Flick mit Kunst aufgewachsen, arbeitete er einige Jahre als Assistent von Paul McCarthy und startete 2022 seine Galerie namens Gathering in London. Für Ibiza verwandelte er eine ehemalige Fast-Food-Bude in einen perfekten White Cube mit hohen Räumen und einem angeschlossenen Restaurant. Er nennt es Mira, nach seiner Tochter. „Wir erhalten hier extrem viel Unterstützung von der Bevölkerung und den Ferienhausbesitzern rundherum“, erzählt er – schon jetzt ist „Mira“ ein Treffpunkt für die kunstaffine Szene. Warum aber eine Galerie auf Ibiza? „Ich will Top-Kunst nach Ibiza bringen“, erklärt er, auch wenn es dafür bisher noch sehr wenig Infrastruktur gäbe. Zur Premiere zeigt er Stefan Brüggemann zusammen mit Bruce Nauman.
Auch Brüggemann lebt auf Ibiza, wenn er nicht gerade in Mexiko oder London ist. Sein spektakuläres, außen mit Blattsilber, innen mit Blattgold verkleidetes Haus ist vom mexikanischen Architekten Alberto Kalach entworfen. Unten im Atelier stehen einige seiner
Großformate: Blattgold kombiniert mit Streetart-ähnlichem Graffiti, meist mit Schrift ergänzt. Sein Haus ist oft Treffpunkt für Sammler aus aller Welt, viele darunter, die hier wie der Düsseldorfer Gil Bronner ein Ferienhaus besitzen – was er in der Corona-Zeit impulsiv entschied, wie er erzählte. Oder der Modedesigner Marcelo Burlon, der hier ganzjährig lebt.
Sie alle bestätigen: Der neue Boom ist voll im Gang. Dazu beweist auch die 2022 gegründete CAN Art Ibiza – sie habe „eine neue Dynamik auf die Insel gebracht“, sagt Tambien. Contemporary Art Now, so der ausgeschriebene Titel, findet im Boutique-Format mit gut 30 Galerien im schmucklosen Kongresszentrum statt. „Die Halle ist perfekt, mit viel Tageslicht. Und genügend Parkplätzen“, erklärt Messe-Gründer Sergio Sancho. Er betreibt auch die Madrider Messe UVNT, die parallel zur ARCO läuft. Teilnahme an CAN ist nur auf Einladung möglich, zusammengestellt von Kurator Sasa Bogojev – was mit den Mengen von figurativer Malerei eine erstaunliche Einheitlichkeit erzeugt.
Aber wer kauft hier? „Es bleibt nicht alles auf der Insel – aber immer mehr“, erklärt Patrick Droste (Düsseldorf, Paris, Berlin). Das gelte sogar für Großformate, weiß Alex Flick, der auf seinem Stand Bilder von Jennifer Tee und Rannva Kunoy zeigt. In den Häusern hier gebe es durchaus große Freiflächen. Ob Sammler oder Galeristen, alle wiederholen hier ein ähnliches Mantra: Die Stimmung auf der Messe sei einmalig, außergewöhnlich herzlich und hierarchielos. Und mit den Öffnungszeiten von 18 bis 22 Uhr perfekt geeignet, um Kontakte zu intensivieren, das Leben auf der Insel zu genießen und das Beiprogramm zu besuchen – das heuer erstmals quer über Ibiza führt.
In Los Enamorados ganz im Norden gastiert Sarah Succo Torres mit ihrer Galerie Can Garita in einem kleinen, ehemaligen Bootshaus direkt am Wasser. Einige Wochen lang hängen hier die kuriosen Keramikmasken der Belgier Eric Colonel & Thomas Spit, die bei Preisen von 750,- bis 1500,- Euro schnell Käufer fanden. Im Süden betreibt der kolumbianische Galerist Lio Malca seine Fondation La Nave Salinas in einem ehemaligen Salzlagerhaus direkt am Meer. In der Touristenhochburg Sant Antoni dienen ein ehemaliger Leuchtturm und ein kleines historisches Haus im Park als Ausstellungsraum.
Und mitten auf der Insel klettern wir in ein leeres Wasserbecken. Es ist das Zentrum des SAFA Landart-Kunstprojekts. Der Grundwasserpegel sei hier in den Brunnen von 20 Meter auf 200 Meter gesunken, erklärt Betreiberin Iva Fischer, die auf der Insel aufgewachsen ist. Immer mehr Bauern würden ihre Landwirtschaft aufgeben, die Becken haben ausgedient. Jetzt steht mitten im Becken ein grellweißer Schneemann aus Aluminium und Bronze des Wiener Künstlers Christian Eisenberger – organisiert in Kooperation mit dem österreichischen Sammler und Kurator Robert Ramsauer. Flankiert wird der Schneemann von weißen Holz-Kameraden mit Gewehren und Sensen in den ausgedörrten Feldern ringsum. Einige dieser Schneemänner hat ein weißer Sensenmann schon umgelegt. Auf ihrer Rückseite sind sie pechschwarz, bedrohlich, mahnend. Es sind einsame Mahner auf dieser boomenden, lebendigen Insel.
veröffentlicht in: Die Presse, 7.7.2024







