Ibrahim Mahama in der Kunsthalle Wien

04. Okt. 2025 in Ausstellungen


Ausstellungsansicht Ibrahim Mahama: Zilijifa, The Physical Impossibility of Debt in the Mind of Something Living, 2025; Go Tell it on the Mountain, 2025, Kunsthalle Wien 2025. Courtesy Redclay; Ibrahim Mahama & White Cube, Hong Kong/London/New York/Paris/Seoul, Foto: Markus Wörgötter

Ibrahim Mahama ist spätestens seit der Biennale Venedig 2015 Afrikas bekanntester zeitgenössischer Künstler, der nicht nur monumentale Installationen schafft wie jetzt in der Kunsthalle Wien, sondern in seiner Heimat auch ein Kunstzentrum aufbaut. 

Eigentlich ist der Außenweg entlang des Biennale Venedig-Geländes im Arsenal höchst unattraktiv. Aber 2015 verhängte Ibrahim Mahama die Wände mit Mengen aneinander genähter Jutesäcke. Der 1987 in Ghana geborene Künstler hatte die gebrauchten Säcke für Kakao oder Kaffee von Händlern im Austausch für neue gesammelt. In Venedig schuf er damit ein intensiv-beklemmendes Bild für lokale Arbeitsbedingungen und globalen Handel.

Dieses Werk war Mahamas Durchbruch für eine steile, internationale Karriere. Bald war sein Name mit diesem Material auf das Engste verbunden, was soweit ging, das 2016 ein Artflipper 294 Jute-Säcke von dem Künstler signieren ließ. Der US-Amerikaner wollte damit das große Geschäft machen, aber Mahama erklärte es kurzerhand als „not my work“ und gewann den anschließenden Prozess.

Diese Phase ist mittlerweile Geschichte. Heute ist Mahama einer der wichtigsten Künstler Afrikas, bekannt vor allem für seine Installation aus wiederverwendeten Materialien. Das Tauschverfahren von alten in neuwertige Waren bleibt dabei bis heute zentral. Jetzt ist es auch ein wesentlicher Bestandteil seiner großen Soloschau „Zilijifa“ in der Kunsthalle Wien.

Ausstellungsansicht Ibrahim Mahama: Zilijifa, The Physical Impossibility of Debt in the Mind of Something Living (Detail), 2025, Kunsthalle Wien 2025
Courtesy Redclay; Ibrahim Mahama & White Cube, Hong Kong/London/New York/Paris/Seoul, Foto: Markus Wörgötter

Der Titel vereint mehrere Bedeutungen, darunter das Wort für Zug (ziliji), Last (zili) und Tierkadaver (jija). Mitten in der hohen Halle stehen gefährlich wackelig aussehende, meterhohe Stapel von sogenannten „headpans“. Es sind gebrauchte Waren wie damals die Jutesäcke, die Mahama auf Märkten in Tamale oder Tolon gegen neuwertige eintauschte. Diese emaillierten Schüsseln tragen ghanaische Frauen auf dem Kopf und transportieren damit Brennholz oder Nüsse. Manche baden darin auch ihre Kinder, wie sie in dem ausgestellten Dokumentationsvideo der Tauschaktionen erzählen.

Emailleschüsseln und eine Diesellokomotive

In der Kunsthalle Wien dreht Mahama das Prinzip der Eisengefäße um. Hier tragen die deutlich in die Jahre gekommenen, zerbeulten und verrosteten Schüsseln die ausrangierte Diesellokomotive. Acht Tonnen wiegt der Zug, der in Einzelteilen in zwei Containern von Ghana nach Wien gebracht wurde. Es ist eine in Deutschland gebaute, schon längst ausrangierte Diesellokomotive, die der Künstler von einem Altmetallhändler kaufte.

Ab 1898 hatten die Briten während der Kolonialzeit ein Eisenbahnnetz aufgebaut, das die Bergbaugebiete mit den Küstenstädten verband. Transportiert wurden Rohstoffe wie Gold, Kakao und Holz. Ab den 1980er Jahren begann der Verfall mangels Wartung, viele Strecken wurden komplett eingestellt. Als Kind habe er oft Gleise gesehen, aber nie einen Zug, erzählt Mahama. Mittlerweile seien die meisten Schienen abgebaut, die Waggons verkauft, vieles davon nach China. Nicht nur diese Lokomotive, auch Gleise und sogar auch Flugzeuge kaufte Mahama auf. Sie stehen rund um sein Atelier im Norden Ghanas. 80 Hektar groß sei das Gelände mittlerweile, so Mahama, auf dem er ein Kunstzentrum aufbaut. Die komplett ausgeräumten Flugzeugen benutze er als Klassenräume für workshops mit der lokalen Bevölkerung, anhand der Waggons könne die Geschichte des Landes vermittelt werden, erklärt er seine Sammelleidenschaft.

Ausstellungsansicht Ibrahim Mahama: Zilijifa, Go Tell it on the Mountain, 2025, Kunsthalle Wien 2025. Courtesy Redclay; Ibrahim Mahama & White Cube, Hong Kong/London/New York/Paris/Seoul, Foto: Markus Wörgötter

Materialien, die Geschichten tragen

Denn das sei ihm wichtig, betont er beim Rundgang durch seine Ausstellung: Er arbeite immer mit Materialien, die Geschichten tragen. Darum auch die Tauschaktionen. In Wien verbindet er die Objekte zu einer Erzählung über die – physische bis metaphorische – Last der Geschichte. Dafür kombiniert er die monumentale Skulptur mit 125 Röntgenbildern in Leuchtkästen. Wer die Aufnahmen lesen kann, erkennt Wirbelsäulen, oft mit ausgeprägten Schäden, die durch das tägliche Tragen der Schalen verursacht werden. Er schätze, dass die Frauen im Laufe ihres Lebens ein Gewicht auf ihren Köpfen tragen, dass jenem von 200 Lokomotiven entspreche, mutmaßt Mahama. Umgekehrt sei für ihn die Eisenbahnlinie eine „Wirbelsäule auf der Erde“. Aber es sei auch ein Symbol kolonialer und kapitalistischer Ausbeutung. Und ein „Kadaver“, der von allen Einbauten inklusiv Bodenplatte befreit wie eine leere Hülle mitten in der Kunsthalle Wien steht.

Abseits der obligatorischen Rekurse auf Kolonialismus schafft Mahama mit der zentralen Skulptur und den Fotografien einzelner Schalen und den Röntgenbildern ein enorm intensives, beklemmendes Bild. Ähnlich wie damals sein Jutesäcke in Venedig erinnert er einzig mit den verwendeten Materialien an Ghanas Geschichte, an Industrialisierung, aber auch an lokale Arbeitswelten unserer Zeit. Mahama: „Mich interessiert die Brutalität der Geschichte als Ausgangspunkt für neue Denkansätze.“

veröffentlicht in: Die Presse, 9.7.2025