Lee Ufan im Palast der Päpste, Avignon

18. Aug. 2026 in Ausstellungen

Installation views of Relatum: Lee Ufan at the Palais Des Papes, 2026. Photo: David Giancatarina.

In Avignon trifft Lee Ufan auf Kirchengeschichte – im Palast der Päpste.

Mitten in der historischen Altstadt von Avignon steht der Palast der Päpste. Unregelmäßig wird diese majestätische, wie eine Burg angelegte, 15.000 Quadratmeter große ehemalige Papstresidenz in Südfrankreich zum Ausstellungshaus. Heuer wurde Lee Ufan eingeladen, der 1936 geborene, große Meister der minimalistischen Kunst. Aber können seine auf nur einen Pinselstrich oder einen Stein reduzierten Werke in dieser historisch so aufgeladenen Architektur mit den bis zu zwanzig Meter hohen Räumen ihre Wirkung entfalten? Können sie sich inmitten dieser wechselvollen Geschichte mit immerhin sechs rechtmäßigen Päpsten plus zwei Gegenpäpsten behaupten, die hier vor siebenhundert Jahren lebten?

Installation views of Relatum: Lee Ufan at the Palais Des Papes, 2026. Photo: David Giancatarina.

1305 von Rom nach Avignon

Heute sind 25 Räume öffentlich zugänglich, fünf wählte Ufan für seine Schau, die er „Relatum“ nennt. Der Begriff bezeichnet Dinge, die durch Beziehungen untereinander verbunden sind – das zentrale Thema Ufans. Ein Kunstwerk bestehe nicht aus einem Objekt, sondern aus den Beziehungen zum Umraum und Betrachtenden. Der Umraum hier ist ein ganz besonderer: 1305 hatte der Franzose Clemens V. das Amt des Papstes übernommen. Er entschied, Rom wegen der unsicheren politischen Lage zu verlassen und wählte Avignon zum neuen Regierungssitz. Unter seinem Nachfolger begann 1335 der Bau des klosterartigen, heute Alter Palast genannten Teils.

1342 folgte der Neue Palast mit dekorativen Sälen, Kapellen und Wohnräumen. Sechs Päpste regierten hier, 1377 kehrte die päpstliche Kurie nach Rom zurück. Es folgte die Phase der Gegenpäpste, die 1417 endete. Bis 1791 lebten hier noch päpstliche Legaten, eine Art Gouverneure über die der Kirche gehörenden Gebiete im Palast. Während der Französischen Revolution wurde Avignon 1791 von Frankreich annektiert, der Palast verstaatlicht, als Kaserne und Militärgefängnis genutzt, die Schätze geraubt, die Fresken abgeschlagen. 1906 verlässt das Militär den Palast, seither wird kontinuierlich renoviert.

Installation views of Relatum: Lee Ufan at the Palais Des Papes, 2026. Photo: David Giancatarina.

Lee Ufan und der Palast

Mittlerweile sind die Räume gänzlich leer, ab und an stehen an einer Wand verloren wirkende Truhen. Welche Beziehungen können Ufans Werke mit dieser einst so pompösen, heute so kargen Umgebung aufbauen? Welche Beziehungen können zu den bis zu 4000 täglich hindurchschlendernden Touristen entstehen? Gerade in ihrer Einfachheit entfalten Ufans Werke eine enorme Präsenz, durch die sie zum Innehalten auffordern. Wir können ein Netzwerk weitreichender räumlicher und zeitlicher Verbindungen erleben. Immer wieder beschwören sie die Vergangenheit herauf. Die 67 Tonnen, zerbrochenen Schieferplatten auf dem Boden stehen im starken Kontrast zur bollwerkartigen Architektur der 545 qm großen Grand Chapelle.

Installation views of Relatum: Lee Ufan at the Palais Des Papes, 2026. Photo: David Giancatarina.

Ufan sieht es als „Bild des Ursprungs der menschlichen Behausungen“, roh und karg, „aber zugleich voller Energie“. Es bricht die Monumentalität des Raumes. „The Stone“ auf dem Boden vor den prächtigen Fresken in der kleinen La Chapell Saint-Martial wirkt gleichzeitig befremdlich und doch präzise platziert, Ufan sieht Steine als Symbole der Ewigkeit, der Erhabenheit und der angesammelten Zeit.

Einen Stein in einen Raum zu stellen rufe lauf Ufan die Präsenz eines verschwundenen Wesens hervor. Die Bilder der Serie „Response“ erinnern auf fast gespenstische Weise an die vorherige Nutzung als Fest- und Speisesaal, in dem die Gäste schon lange abwesend sind – wie auch der aufsteigende Rauch in der Hauptküche mit dem 18 Meter hohen, oktogonalen Rauchfang durch die Schnur und die spiegelnde, runde Aluminiumform wieder gegenwärtig wird. „Beyond“ – eine Alu-Stange, die einen offenen Raum durchbricht – im Kreuzgang, so Ufan, erinnere an eine ferne Geschichte und widerspiegele „die Unendlichkeit des Raumes“. Mehr „Relatum“ ist kaum möglich. 

veröffentlicht in: Kunstforum online, 17.8.2026
Lee Ufan im Palais des Papes, Avignon, 3.7.-15.11.2026