Lisette Model – die Meisterin des Schnappschuss´

10. Nov. 2025 in Ausstellungen


Lisette Model, Spiegelung, 1939-1945. Silbergelatinepapier. ALBERTINA, Wien © Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman

Eigentlich wollte Lisette Model Musikerin werden. Aber nachdem die 1901 als Elise Amelie Felicie Stern in Wien Geborene 1926 nach Frankreich übersiedelt, entdeckt sie die Fotografie für sich. Ohne jegliche Ausbildung, frei vom Regelwerk herkömmlicher Traditionen und Techniken, beginnt sie das urbane Leben zu dokumentieren – und wird zur Meisterin des Schnappschusses, was die Ausstellung in der Albertina in Wien jetzt eindrücklich zeigt.

Lisette Model, Modeschau, Hotel Pierre, New York City, 1940-1946. Silbergelatinepapier. ALBERTINA Wien, Dauerleihgabe Österreichische Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman

Ob die snobistische Gesellschaft auf den Straßen von Nizza oder die von Armut geprägten Passanten in Paris, überall findet sie ihre Bildmotive. Schon 1935 publiziert ein angesehenes kommunistisches Magazin eine ihrer Bildstrecken. Eingebettet in die ideologische Rhetorik des Klassenkampfes, wird ihre Fotografie hier zur Waffe, um soziale Missstände anzuprangern – eine Einordnung, die sie keineswegs teilt. Ihr geht es um die Menschen, um die Momente, um die Emotionen.

Lisette Model, Ollie McLaughlin, Hotel Viking, Newport Jazz Festival, Rhode Island, 1956. Silbergelatinepapier.  Estate of Lisette Model, courtesy of baudoin lebon and Avi Keitelman

1938 zieht Model mit ihrem Mann nach New York, wo sie mit ihren Bildern nur von den Füßen der Passanten, aber auch von Obdachlosen schnell bekannt wird. Schon 1941 hat sie ihre erste Ausstellung in der Photo League Gallery, 1944 gehört sie zur Gruppe der „40 Photographers“ im New Yorker MOMA. In der Wiener Albertina beweisen jetzt rund 150 Werke in einer eindrücklichen Retrospektive, wie zeitlos ihr Werk bis heute geblieben ist. Niemand habe damals so fotografiert wie Model, betont Kurator Walter Moser und zitiert die Künstlerin: „Fotografie muss ein Schlag in die Magengrube sein“ – eine perfekte Beschreibung, wie diese intensiven Schwarzweißaufnahmen wirken.

Denn es sind intensive Momente, die Model festhält. Die wirken einerseits unvollkommen und zufällig, woraus eine reizvolle Lebendigkeit entsteht. Dazu kommt ihre anschließende, geradezu analytische Bearbeitung des Bildausschnitts, mit dem sie gezielt einzelne Merkmale und körperliche Eigenschaften überspitzt: angespannte Gesten, dynamische Posen, verzerrte Physiognomien. Es sind antiidealisierte, schonungslose Bilder, die in ihrer Radikalität durchaus in der Tradition der Wiener Moderne von Kokoschka bis Schiele stehen – „extreme Menschen“, wie sie es einmal nannte. „Ich fotografiere nie den Durchschnitt.“

Lisette Model, Sammy’s Bar, New York City, 1940-1944. Silbergelatinepapier. 
ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe Österreichische Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman

Manche der Foto-Beschneidungen sind derartig eng gewählt, das der Eindruck einer Ausweglosigkeit entsteht, wenn die Menschen eingezwängt vom Bildrahmen gelangweilt in die Kamera schauen, gerne mürrisch, oft extrem direkt, fast konfrontativ. Dabei ist es gleichgültig, ob sie die Oberschicht repräsentieren oder auf Armut schließen lassen. Es zählt einzig die Macht des Bildes, und die verstärkt Model manchmal, indem sie exaltierte Motive merkwürdig schief ins Bild rückt wie die Mehrgewichtige, die im Badeanzug irgendwo im Nichts liegt. Der Umraum interessiert Model nicht. Dass die Aufnahmen auf Coney Island nahe New York City entstand, ist ihr unwichtig, ihr Fokus liegt auf den Menschen. Sogar beim Pferderennen richtet sie ihre Kamera nur auf die Zuschauenden. Manchmal sind es auch nur Gesten oder eine spezielle Haltung, die sie in den Fokus rückt.

Einzig während ihres Aufenthalts in Venezuela nimmt sie menschenfreie Räume in den Blick. 1951 im Zuge der kommunistischen Verfolgung der McCarthy-Ära vom FBI verhört und auf die Security Watchlist gesetzt, gerät Model in finanzielle Schwierigkeiten. Sie verliert ihre Jobs für Magazine wie Harper´s Bazaar und reist 1954 auf Einladung der venezolanischen Regierung nach Caracas. Dort dokumentiert Model Strommasten in einsamer Landschaft, eine Ölpumpe und leere Straßen – Bilder, die Diktator Marcos Evangelista Perez Jimenez kaum für Propagandazwecken nutzen kann.

So richtig fröhlich werden ihre Schnappschüsse nur bei ihren Ausflügen ins Nachtleben und vor allem in Musikclubs. Ihre größte Werkgruppe zeigt ihre Passion für Jazz. Auf Festivals und bei Konzerten hält sie die Leidenschaft der Musiker, die Intensität beim Singen und Spielen fest – eine Rückkehr zu ihrer ursprünglichen Liebe für Musik. Immer wieder fotografiert sie Billie Holiday, eine ihrer letzten Aufnahmen zeigt die 1959 im Sarg aufgebahrte Jazzsängerin. Auch hier gilt ihr künstlerisches Motto, mit dem sie in ihrer Zeit eine große Vorreiterin für nachfolgende Künstlerinnen ist: Fotografie ist eine schonungslose Sicht auf das Leben, auf die soziale Wirklichkeit. „Mich interessiert die Oberfläche. Denn die Oberfläche ist das Innere“. Oder wie es ihre Schülerin Diane Arbus Jahre später zusammenfasst: „Lisette lehrte uns nicht Fotografie, sondern das Sehen.“

veröffenlicht in: Die Presse, 29.10.2025