
Mutter türk. Gastarbeiter (Mother of Turkish Guest Worker), 1979 © Julia Logothetis. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
„Wer Europa verstehen will, muss ins Ruhrgebiet kommen.“ Mit dieser Ansage eröffnete der Vorsitzende des Ruhrparlaments Frank Dudda gerade die Manifesta 16.
15 Wochen lang wird die europäische Wanderbiennale bis Anfang Oktober in 12 Kirchen in vier Städten entlang des namensgebenden Flusses gastieren. „Dies ist keine Kirche“, so der Titel, benennt den Fokus: Im Ruhrgebiet passiert ein drastischer Wandel. Immer mehr Gotteshäuser werden profaniert, wie es bei den Katholiken, und entwidmet, wie das Ritual bei den evangelischen Bauten heißt. Was tun mit diesen Orten? Können es multikonfessionelle Gemeinschaftsräume werden?
Vom Kirchenboom zur Profanierung
Hinter diesem Wandel steht eine dramatische Entwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Ruhrgebiet einen enormen Kirchenbauboom. Noch heute steht gefühlt alle zwei Kilometer ein Bau. Viele davon waren „Pantoffelkirchen“, die mitten in den neuen Wohngebieten standen.
Der Bedarf der gut 5 Millionen Einwohner war enorm – aber das hat sich gravierend geändert. Anfang der 2000er Jahre besaß das Bistum Essen im seinem über mehrere Städte erstreckten Gebiet nur noch 368 katholische Kirchengebäude, ein Ende der Profanierung ist nicht abzusehen. Zwar ist die Einwohnerzahl trotz des Endes des Kohleabbaus, der Auto- und Stahlproduktion, in Folge davon enormer Arbeitslosigkeit konstant geblieben. Aber die Kirchen sind mittlerweile aufgrund von Glaubens- und Traditionsverlust, finanzieller Krisen durch Kirchenaustritte und Schwund der sozialen Basis der Arbeiterkirchen leer.
Manifesta16 als Zeichen der Hoffnung
Das will die Manifest jetzt nicht als Verlustgeschichte, sondern als Auftrag für Veränderungen zeigen. Acht Kuratoren lassen die Kirchen zu Orten neuer Begegnungen werden. Aber kann Kunst das wirklich leisten? Noch dazu im Kohlenpott, wie das Gebiet von Einheimischen liebevoll genannt wird, wo Kunst als befremdlich elitär gilt? Wo der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei über 40 Prozent liegt, die Arbeitslosigkeit fast doppelt so hoch ist wie im übrigen Deutschland, in Gelsenkirchen als wirtschaftlich schwächster Stadt Deutschlands mit 15 Prozent sogar dreimal so hoch?
Kunst von Migranten
Hier adressiert Gürsoy Dogtas in vier Kirchen direkt die migrantische Gemeinschaften und zeigt, das auch von Arbeitseingewanderten Kunst kommen kann. In der kristallförmig gebauten, erst vor wenigen Wochen entweihten Thomaskirche hängen etwa Bilder der in 1945 der Türkei geborenen, in Wien lebenden Julia Logothetis: Motive aus der gelebten Realität eines kurdischen Arbeiters – der Alltag wird geadelt.
St. Bonifatius, von einem lokalen Bäcker gekauft und als Lager genutzt, beherbergt für die Dauer der Manifesta16 Ruhr jetzt eine fast museale Gruppenschau von Künstlern mit migrantischem Hintergrund. St. Anna mit den herrlichen Glaskunstwerken von Johannes Beeck aus den 1970er Jahren ist ein sogenannter „stiller Raum“, ohne Kirchengemeinde, aber nicht profaniert, weswegen der Altarbereich für die Soundinstallation mit einer Holzkonstruktion verbaut werden musste. St. Josef dagegen wird schon länger für kulturelle Zwecke genutzt. Penique Productions hat jetzt die Kirchenbänke zu Sitz-Mobilar in einer riesigen, aufblasbaren, knallblauen Membrane aufeinander gestapelt.
Für manche wie die baufällige St. Marien Kirche in Essen ist schon alles zu spät, der Abriss ist beschlossen. Aber immerhin kann die Nachbarschaft jetzt das gewaltige, von Hans Schilling in den frühen 1960ern entworfene Haus noch ein letztes Mal besuchen.
Digitale Beichtstuhl für die Manifesta16
St. Gertrud in der Essener Innenstadt ist bereits mit lauter kleinen Atelier-Verbauten für Kunststudenten umgenutzt, hier lädt Ayse Erkmen für die Manifesta16 in einen digitalen Beichtstuhl ein. In seine im Altarbereich als vertikale Skulptur hochkant aufgestellten Kirchenbänke fräste Nasan Tur Sätze über die Sorgen einiger Anwohner hinein.
Der überzeugendste Vorschlag stammt von dem katalanischen Künstlerduo Cabosanroque in dem markanten Dreiecksbau St. Ludgerus in Bochum: Auf einem pinkfarbenen, an Basketball angelehnten Spielfeld mit drei Körben und vier Mini-Toren aktivieren nur die Fehlwürfe die Orgel.
Das Versprechen auf Begegnung, Gemeinschaft und Beteiligung wird hier mit einem radikal regelunkonformen Spiel eingelöst – und die Anwohner lieben es. Wie viel die Kunst zum Zusammenhalten in Zeiten des Wandels beitragen kann, wie es Dudda ansprach, wird sich erweisen. Die Anwohner sind jedenfalls begeistert – und alle anderen können auf der Manifesta-Tour dank der faszinierenden Architekturen mit ihren atemberaubend schönen Glasfenstern auf jeden Fall die Freude an Kirchenbauten wiederentdecken.
veröffentlicht am 29.6.2026 in Die Presse

