Marisol im Centre Botín in Santander

12. Jun. 2026 in Ausstellungen

Marisol: When Things Are Just Beginning, Installation view, 2026, Centro Botín, Santander. Courtesy of Centro Botín. Photo by Vicente Paredes.

Marisol feierte früh Erfolge, galt immer wieder als Geheimtipp, wurde entdeckt, wieder vergessen – und das sogar noch post mortem. Mit der Ausstellungstour ihrer Skulpturen durch Europa plus der großartigen Zeichnungsschau im spanischen Centro Botín wird sich das jetzt endgültig ändern.

Das 2017 eröffnete, von der Banker-Familie Botín finanzierte Kunsthaus liegt direkt an der Bucht von dem gut eine Autostunde von Bilbao entfernten Küstenort Santander. Wo vormals die Autos für die Fähren parken, steht seither das von Renzo Piano entworfene, aufgeständerte, wie ein UFO schwebende Kunstzentrum. Über 200 Stipendien vergab die Stiftung Botín bisher, lädt Künstler:innen zu Residences inklusiv Workshops für die lokale Szene ein und kauft regelmäßig aus den Ausstellungen an. Gerade treffen auf zwei getrennten Ebenen die Japanerin Yuko Mohri mit ihren kinetischen und Sound-Installationen auf Marisols Zeichnungen.

Marisol: When Things Are Just Beginning, Installation view, 2026, Centro Botín, Santander. Courtesy of Centro Botín. Photo by Vicente Paredes.

Marisols Karrier, gezeichnet von radikalen Unterbrechungen

Unter dem Titel „When Things Are Just Beginning“ wird hier in drei Kapiteln Marisols schwieriger, von Unterbrechungen charakterisierte Karriereweg thematisiert: Wenn die Dinge für die Künstlerin positiv verliefen, folgte immer eine Unterbrechung.

Geboren 1930 in Paris als Kind venezuelanischer Eltern, pendelte die Familie ab 1935 zwischen Caracas und Los Angeles; ab 1946 bis zu ihrem Tod 2016 lebte Marisol vorrangig in den USA.

Marisol: When Things Are Just Beginning, Installation view, 2026, Centro Botín, Santander. Courtesy of Centro Botín. Photo by Vicente Paredes.

Marisols frühe Erfolge

Schon früh war sie erstaunlich erfolgreich. Ihre lebensgroßen Figuren aus Holz, ihre Portraits von Prominenten und ihre das Alltagsleben aufgreifenden Figuren-Ensembles trafen damals den Nerv der Zeit.

„Latin Beauty“

Nach ihrer Solo-Schau 1957 in der gerade erst eröffneten Galerie Leo Castelli in New York feierten die Medien sie, Zeitschriften wie Glamour und sogar die New York Times berichteten über die junge Künstlerin mit der ungewöhnlichen Bildsprache. Allerdings wurde sie schnell als „latin beauty“ exotisiert, ihre Schönheit betont, ihre Werke als „totemtic figures“ bezeichnet.

Abreise nach Europa, dann nach Asien

Der Medienrummel wurde ihr zu viel, sie entschwand, lebte in Rom, dann Paris. 1968 vertrat Marisol Venezuela auf der Biennale Venedig und nahm im gleich Jahr an der documenta 4 in Kassel teil. Wieder entschwand sie, diesmal nach Indien, Thailand.

In den 1970ern entsprach ihr Werk nicht mehr dem Zeitgeist. Vorher der Pop Art zugeordnet, galten ihre Skulpturen jetzt als ´Folk Art´. Mit ihrer Alzheimer-Diagnose 2005 entschwand sie ein letztes Mal, bevor sie 2016 starb.

Marisol: When Things Are Just Beginning, Installation view, 2026, Centro Botín, Santander. Courtesy of Centro Botín. Photo by Vicente Paredes.

Dieser Weg, das ist die erstaunliche Erkenntnis der Schau im Centro Botín, lässt sich in den Zeichnungen keineswegs ablesen. Stattdessen wird eindrücklich erkennbar, wie sehr die Zeichnung der Künstlerin durchgehend als zentrales Ausdrucksmedium diente.

Marisol: When Things Are Just Beginning, Installation view, 2026, Centro Botín, Santander. Courtesy of Centro Botín. Photo by Vicente Paredes.

Zeichnungen als zentrales Medium

Ohne starke Brüche ziehen sich durch alle Jahrzehnte ähnliche Motive: klar konturierte Körperfragmente, vor allem Hände und Köpfe, gerne im Profil, immer in intensiver Farbigkeit und starker emotionaler Gestik und Ausdruck. Manchmal erkennt man spitze Fingernägel und Stöckelschuhe. Solche Elemente wurden zu ihren Lebzeiten mal als Bild für Frivolität gelesen, dann für Feminismus, als Kritik an Rollenbildern und an unterwürfiger Weiblichkeit, später als Narzissmus und sogar als privates Narrativ im Kontrast zur früheren Gesellschaftskritik – was nicht im Werk, sondern im Auge der Betrachter lag, wie diese Ausstellung eindrücklich erkennen lässt.

Die Schau endet mit Zeichnungen aus ihren letzten Lebensjahren – weniger komplex, meist einzelne Köpfe, eine starke Verdichtung und Vereinfachung. Zumindest dieses Medium war offensichtlich Zeit ihres Lebens eine Konstante. 

veröffentlicht in: Kunstforum online, 10.6.2026
Marisol, When Things Are Just Beginning, Centro Botín, Santander, Spanien, 23.5.-25.10.2026; in Kollaboration mit Buffalo AKG Art Museum; anschl. MAC/CCB Lissabon 16.12.2026-12.4.2027

Marisol, Kunsthaus Zürich bis 28.9.2026, anschl. Museum Boijans van Beuningen Rotterdam (9.10.2026-29.3.2027) und Museum der Moderne Salzburg 2027