Mariuccia Secol – eine längst fällige Retrospektive

11. Aug. 2026 in Ausstellungen

Mariuccia Secol, geboren 1929 in Norditalien, gehört zu den spannendsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre: eine radikale Künstlerin, Feministin, Avantgardistin, deren Werk umfangreich im Muzeum Susch in der Schweiz zu sehen ist.

Die Menge europäischer Nachkriegskünstlerinnen, die in den 1960ern ihre große Zeit hatten und mit dem international werdenden Kunstmarkt in den 1980ern aus dem Blick gerieten, ist erstaunlich groß. Seit einigen Jahren wird diese Entwicklung korrigiert, immer mehr unter dem Stichwort der Feministischen Avantgarde neu bewertet. Die Wiederentdeckung läuft dabei oft über Galerien. Auch im Fall der Italienerin Mariuccia Secol beginnt es mit zwei Personalen, 2024 in der Bonner Galerie Gisela Clement, 2025 in der Warschauer Galerie Monopol, dazu einige Präsentationen auf Kunstmessen. Jetzt folgt der Schritt in den institutionellen Markt mit der großen Retrospektive im Schweizer Muzeum Susch im Unterengadin (bis 1.11.2026). 2017 von der polnischen Unternehmerin Grazyna Kulczyk gegründet, 2019 eröffnet, liegt der Fokus der Wechselausstellungen auf der Würdigung von übersehenen Künstlerinnen.

© Muzeum Susch / Art Stations Foundation; photograph: Federico Sette.

Mariuccia Secol: Vom Arbeiterkind zur Künstlerin

Damit passt Secol perfekt ins Profil: 1929 in eine Arbeiterfamilie in Castellanza bei Varese in Norditalien geboren, heiratet Secol früh den späteren Arzt Angelo Tognola und wird Mutter von vier Kindern. Ihr Sohn verwaltet heute ihr Oeuvre, das in den 1950er Jahren beginnt: In privaten Kunstkursen lernt sie die auf Wachs basierende, antike Maltechnik Enkaustik.

Secols fast abstrakten Kompositionen fragmentierter Körperfragmente sind eine Verarbeitung ihrer Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs. Ab 1964 hält sie – für fast zwanzig Jahre – Malkurse in einer psychiatrischen Klinik ab, wo sie eine Geschlechterteilung bemerkte, die ihr Werk wesentlich beeinflusst: Die Männer sollen malen, die Frauen sollen sich mit Nähen, Stricken und Sticken beschäftigen. Kunst versus Handarbeit? Sie gibt die Malerei auf und beginnt Küchenschürzen, Handschuhe, auch Baumaterial zu benutzen. Die Küche wird ihr Kampfplatz, häusliche Objekte werden in Kunstwerke des Widerstands transformiert. Sie zerschneidet ihre Kleidung, vernäht die Stücke neu – Stoff als Träger von Erinnerung, Verletzung, Gewalt. Eines der zentralen Werke dieser Phase ist die Demontage ihres Hochzeitskleids, das sie 1970 zerlegt und unter dem Titel „Casa di bambola“ (Puppenhaus) neu zusammensetzt – ein Akt der Befreiung, ein Bild für eine neue Identität, eine radikale Ablehnung traditioneller Rollenzuweisungen als Ehefrau und Mutter.

Früher Feminismus

In anderen Werken schafft Mariuccia Secol durch das gezielte, partielle Entfernen vertikaler Fäden intensive, düstere Bilder, meist Silhouetten von weiblichen Körpern. 1974 gründet sie mit ihrer feministisch aktiven Tochter Mirella Tognola und der Künstlerin Milli Gandini die „Gruppo Femminista Immagine di Varese“. Kunst gilt Secol von da an als politische Praxis, sie schließen sich der weltweiten Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ an, organisieren Vorträge und Symposien. 1978 nimmt die Gruppe an der Biennale Venedig mit einer kreisförmigen Installation teil: Außen tausende Postkarten mit Naturmotiven, innen Werke der Künstlerinnen zu Mutterschaft, Hausarbeit, Körper. Mit der Gegenüberstellung wollen sie stereotype Vorstellungen weiblicher Natürlichkeit aufbrechen.

© Muzeum Susch / Art Stations Foundation; photograph: Federico Sette.

Secols Vielseitigkeit

Danach verschwindet Secol aus dem Blickfeld des Kunstbetriebs. Dabei zeigt die Schau in Susch jetzt, wie großartig ihre Zeichnungen, Tapisserien, Keramiken, mit Pailletten bestickten Zeitungsausschnitte zu politischen Themen bis heute sind. Für ihre Serie „Attentate“ etwa hat sie eine Fotografie über einen Mord durch israelische Panzer in Gaza mit Jerseyseil, Bast und Metallklammern zu einem abstrakten, eindrücklichen Bild von Gewalt verarbeitet. Jedes neue Material beherrschte Secol in Kürze, 2017 sogar Aluminium in „The Sun Explodes“, einem starken, kreisrunden Wandobjekt. Am Ende des Gangs durch dieses so vielfältige wie konsequent politische Werk stellt sich einmal mehr die Frage, warum Secol so lange international nahezu unbekannt blieb. Weil sie in der Region Varese lebt statt in einem Kunstzentrum wie Turin oder New York? Weil ihre Werke als Kunsthandwerk, als zu weiblich gelten? Weil sie sich feministisch engagierte? Secol lässt sich nicht beirren, arbeitet weiter bis heute, wenn auch mittlerweile meist nur an kleinen Objekten. Jetzt jedenfalls ist der Kunstmarkt endlich bereit für diese radikale Kunst.

veröffentlicht in: Die Presse, 26.7.2026

© Muzeum Susch / Art Stations Foundation; photograph: Federico Sette.