Martha Jungwirth

15. Aug. 2014 in Ausstellungen

Martha Jungwirth

Man könnte meinen sie wäre berühmt, zumindest in Österreich. Seit über fünfzig Jahren stellt Martha Jungwirth in Galerien und Museen aus, gehörte als einzige Frau zu der losen Gruppe der „Wirklichkeiten“, lebte Anfang der 1970er Jahre kurz in New York, nahm 1977 sogar an der documenta 6 in Kassel teil.

Aber erst als der deutsche Malerstar Albert Oehlen 2010 aus dem Lager des Klosterneuburger Essl Museums eine Ausstellungen zusammenstellte und dabei die Malerin ´entdeckte´, richteten sich endlich die Scheinwerfer auf die österreichische Künstlerin.

Lag es daran, dass die 1950 geborene Künstlerin den Kunstrummel nicht suchte oder als malende Gattin im Schatten ihres Mannes stand, des 1990 verstorbenen Kunsthistorikers und Museumsdirektors Alfred Schmeller? Man kann die Frage nicht beantworten. Sicher ist jedoch, dass das Werk der 74jährigen jetzt endlich gewürdigt wird. Sie wird von mehreren Galerien vertreten, erhielt Besprechungen in internationalen Kunstzeitschriften und tritt langsam aus der Kategorie Geheimtipp in das Lager der wiederentdeckten Positionen. Jetzt hat ihr die Kunsthalle Krems ihre erste große Retrospektive in Österreich eingerichtet.

1500 Werke hätten sie gesichtet, erzählt Direktor Hans-Peter Wipplinger, in den Schränken und unter dem Bett nachgeschaut und daraus 130 Werke aus fünf Jahrzehnten ausgewählt. Die letzten wurden vor drei Monaten fertig, in der Serie „Fundraising“. Jungwirth hatte das Foto einer herrschaftlich kostümierten Gesellschaft gesehen, aufgenommen im Rahmen eines Abends im Museum Belvedere. Es habe sie „erheitert“ und an Franz Hals´ „Regentinnen des Altmännerwohnheims“ (1664) erinnert, sagt sie im Gespräch. Im Katalog ist das Foto als überarbeitete Collage abgebildet, in der Ausstellung die Bilderserie zu sehen: Mit dem für ihr Werk so typischen, gestisch-expressiven Pinselstrich nimmt sie Elemente der Bildkomposition auf, übersetzt die Szene in eine gegenstandslose Farbe, vielleicht auch in eine emotionale Stimmung – das aber lässt sich nicht mit Gewissheit decodieren.

In Krems wird deutlich, wie konsequent Jungwirth seit den 1960ern ihren Stil entwickelt. Es liegt eine große Kraft darin, über all die Jahre die vielen Moden des Kunstmarktes zu ignorieren. Ob die jungen Wilden mit ihren frechen Bildern, die die figürliche Malerei wieder behaupteten, die strengen Neogeo-Formen, all die fleißig recherchierten, politisierten Raumarbeiten seit der Kontextkunst – Jungwirth bleibt bei dem ihr eigenen Spannungsfeld zwischen gestischem Pinselauftrag, abstrakten Formen, frei verteilten Spuren von Farbe und einem frechen Freiraum der Bildfläche. Immer wieder meint zwar man eine menschliche Figur, auch Architektur oder Objekte zu erkennen. Aber darauf kommt es nicht an. In der „Spittelauer Lände“-Serie (1993) weist sie während des Presse-Rundgangs auf einen Flagturm hin, die orange Farbe kann man den Müllautos zuordnen – aber das macht nicht den Reiz dieser Malerei aus. Es ist die Qualität, Gegensätze wie den rauschenden Verkehr, den trägen Donaukanal und die Starre der Architektur in einem Bild einzufangen. In den beiden 1970er Jahre-Serien „Aus meiner schwarzen Küche“ und „Indesit“ – der Name einer Firma für Küchenmaschinen – übersetzt sie Objekte des Haushalts in Farben und Linien. Es war kein feministisches Statement, sondern die naheliegende Dingwelt. Sie sei interessiert gewesen an dem „Architektonischen in einem Gerät“, habe die „Linien mit harten Stiften, weicher Kohle und dem farbigen Staub der Pastellkreiden“ in einer Zeichnung verdichten wollen – und danach das Interesse an diesen Motiven verloren. Überhaupt greife sie nie auf die Bildmotive ihrer älteren Serien zurück, weitere Variationen interessieren sie nicht. Manche frühere Werke lehnt sie auch rundweg ab. Darum spart sie ihre frühe Pop Art-ähnliche Serie in ihrer Retrospektive in Krems aus: „Die mag ich nicht!“ Seither habe sie auch nie wieder mit Buntstiften gemalt – auch die mag sie nicht. Das Medium der Aquarellmalerei dagegen ist bis heute zentral für ihre Malerei, die in einer Farbwelt aus Andeutungen die Wirklichkeit so beeindruckend einfängt.

Kunsthalle Krems, Martha Jungwirth, Retrospektive, 13.8.-2.11.2014

alle Bilder: Ausstellungsansicht Martha Jungwirth, Kunsthalle Krems 2014. Foto: Christian Redtenbacher

 

veröffentlicht in: Die Presse