Open Studios in der Radiostation und im Schloß

12. Jul. 2026 in Ausstellungen

Hans Kupelwieser, Salon Meiselberg, 2026. Foto: Erwin Bauer

Open Studios haben Hochsaison. Denn es ist nicht mehr zu übersehen: der Kunstmarkt schwächelt. Galerien sperren zu, Sammler werden kauf- und reisemüde. In dieser Situation greifen Künstler auf Formate zurück, die sich schon vor einigen Jahrhunderten bewährten, bevor es die uns heute bekannten White-Cube-Galerien gab: Atelier-Ausstellungen und Salons.

Das muss nicht als Gegenmodell zu Galerien verstanden werden. Aber es ist definitiv eine zeitgerechte Ergänzung. Denn zu sehr ist der Kunstbetrieb heute vom kommerziellen Fokus bestimmt, der jegliches Sprechen über Kunst dominiert. Stattdessen wird wieder der direkte Austausch gesucht. Künstler aktivieren ihre Netzwerke und holen das System zurück in ihre Räume.

So hat die polnische Künstlerin Agnes Janisch parallel zur Art Basel neun Tage lang einen wenige Gehminuten von der Messe entfernten Raum angemietet, um dort über ihre Werke zu sprechen. „Ich liebe den engen Kontakt mit den Sammlern“, erklärt sie dazu. Ihre inszenierten Fotografien, Videos und Installationen thematisieren kollektive Erinnerung, Fragen von Traumata und gesellschaftliche Normen.

Open Studio in der ehemaligen Radiostation von Sebastien de Ganay. Foto: Erwin Bauer

Open Studio in der Radiostation

Die Freude am direkten Kontakt steht auch hinter den Projekten in Ateliers, die immer mehr Künstler veranstalten. So lud jüngst Sébastien de Ganay zum „Open Studio“ in seiner „Radiostation“ in Niederösterreich, zusammen mit seinem „Ehrengast“, wie er es nennt: die Keramikkünstlerin Anna Mansel-Pleydell. Für ihre herrlich unkonventionell geformten, skulpturalen Gefäße lässt sich die Autodidaktin von japanischen Ikebana-Körben und der Boro-Textiltradition der geflickten Stoffe inspirieren. Es ist ein faszinierendes, mit großer Freiheit jegliche Regeln brechendes Spiel mit dem Material, das in de Ganays großem Atelier in einen spannenden Dialog mit seinen vom Minimalismus inspirierten Skulpturen und den Gittern tritt, die er einseitig mit Tageslicht bemalt – „Lichtmalerei“ nennt de Ganay diese magisch leuchtenden Wandobjekte. Trotz der materiellen und formalen Unterschiede treffen sich beide darin, abstrakte mit funktionalen Elementen zu mischen und die Grenze zwischen Bild, Objekt und Skulptur aufzuheben. Die Studioatmosphäre ermögliche einen entspannten Austausch, wie beide betonen.

Richard Hoeck/John Miller, Mannequin Death

Open Studio als „Third Space“

„Hier hilft jeder jedem“ erklärt Richard Hoeck das Prinzip des „Third Space“ auf der Wiener Mariahilferstraße. Es ist das Studio des DJ, Musiker und Künstlers Nino Stelzl. Mal findet hier ein Record Release, mal Performances oder wie im Juni die „Sommeraccrochage“ mit Nicola di Menna, Richard Hoeck und John Miller statt. Hoeck/Millers Gemeinschaftsfilm „Mannequin Death“ mit den perfekt gekleideten Puppen, die von einer Felsenkante hinuntergestoßenen werden und sich im Fallen langsam zerlegen, erscheinen wie ein apokalyptisches Bild unserer Zeit.

Hans Kupelwieser in der Kapelle von Schloß Meiselberg, 2026. Foto: Erwin Bauer

Überall Kunst auf Schloß Meiselberg

Wie konträr dagegen die Schau im Schloß Meiselberg in Kärnten! Seit 2023 lädt hier Hausherrin und Künstlerin Magda von Hanau einmal im Jahr zum „Salon Meiselberg“. Das Haus sei immer ein kultureller Treffpunkt gewesen, erzählt sie, den sie mit dem Salon neu aktiviert. Heuer von Agnes Husslein kuratiert, steht das barocke Schloß drei Tage ganz im Zeichen von Kunst.

Sie wolle zeigen, wie gut sich zeitgenössische Kunst in einen historischen Kontext einfügt, betont Husslein. So hängen etwa Gelatins aus Plastilin gekneteten Portraitbilder mitten in der Ahnengalerie. Hans Kupelwiesers gold eloxierte, amorphe Form steht majestätisch vor dem von prächtigem Ornament umgebenden Jesus in der Kapelle. Hinten im Pool schwimmt seine an ein Polster erinnernde Metallskulptur. Vor der Kulisse der mächtigen Karawanken rastet Constantin Lusers Trompeten-Dinosaurier und oben im großen Speisezimmer dient der lange Tisch als Podest für Magda von Hanaus Keramikskulpturen.

Magda von Hanau, Salon Meiselberg, 2026. Foto: Erwin Bauer

Eng nebeneinander stehend, mit Kerzen versehen, erzählen die biomorphen Formen von Körpern, die sich verändern, von Tanz, aber auch Schmerz, Tränen, Sex, wie sie erklärt. Dazu läuft der Song „Light my fire“. Das private Ambiente zusammen mit den historischen Möbel schafft eine einzigartige Atmosphäre, die zu intensiven Gesprächen über die Werke führt. Im White Cube einer Galerie, so Kupelwieser, würde die Kunst niemals so stark wirken wie hier.

veröffentlicht in: Die Presse, 5.7.2026