Peter Koglers New York der 1980er – in Linz

09. Sep. 2025 in Interview

Ausstellungsansicht_Peter Kogler_1.jpg Ausstellungsansicht „Peter Kogler. Alphabet City“, 28.08.25-08.02.26, Francisco Carolinum Linz Foto: Rainer Iglar

Ausstellungsansicht „Peter Kogler. Alphabet City“, 28.08.25-08.02.26, Francisco Carolinum Linz. Foto: Rainer Iglar

Drei Monate lebte Peter Kogler in den 1980ern in New York. An diese Zeit, an seine Ausstellung dort und den anschließenden Einfluss auf sein Werk erinnert jetzt die Schau im Francisco Carolinum in Linz.

Eigentlich sollte es eine „kleine Fotografie“-Ausstellung werden, erzählt Peter Kogler augenzwinkernd. Der international renommierte Medienkünstler steht im Linzer Museum Francisco Carolinum, rundum sind die Wände mit einer knallroten psychodelischen Tapete bedeckt, die wie eine extrem vergrößerte Aufnahme eines neuronalen Netzwerks aussieht.

Darauf hängen lose verteilt kleinformatige Bilder, dazu Objekte aus Karton und einige Fotografien. Es ist der erste von drei Räumen, die der 1959 in Innsbruck geborene Künstler mit „Alphabet City“ betitelt. So wird jenes Viertel in Manhattan genannt, wo die Avenues mit Buchstaben statt Zahlen benannt sind – in den 1980ern ein gefährlicher sozialer Brennpunkt und zugleich Ort einer lebendigen kulturellen Subkultur. Dort lebte Kogler 1985 drei Monate lang. Die Stimmung von damals erahnt man noch in den Fotografien. Sie bilden den Rahmen für diese spannende Schau, die eine Brücke baut in eine heute kaum mehr vorstellbare Welt.

SBV: Wie kam es zu dem Aufenthalt in Manhattan damals?

Peter Kogler: Die Galerie Krinzinger hatte mir die New Yorker Gracie Mansion Gallery vermittelt, die mir eine Wohnung zur Verfügung stellten – es war für sie billiger, wenn ich Werke vor Ort produzierte statt Transporte zu zahlen. Die Bilder hatte ich aufgerollt mitgebracht, die Stelen und Wandobjekte entstanden dort. In Linz habe ich im ersten Raum die Galerieausstellung reinszeniert, dann kommt die „kleine Fotoausstellung“ und im dritten Raum die Werke, die nach meiner Zeit in New York entstanden.

SBV: Hatten die drei Monate einen Einfluss auf dein Werk?

Ausstellungsansicht „Peter Kogler. Alphabet
City“, 28.08.25-08.02.26, Francisco
Carolinum Linz. Foto: Rainer Iglar

Peter Kogler: Unbedingt! Ich hatte mich schon immer eher an der Kunst aus New York orientiert als an der Wiener Tradition, das Interesse an dem Zeichenhaften war schon vorher da, hat sich aber danach noch deutlich verstärkt. Und meine Bilder wurden anschießend viel größer, signifikanter, präsenter.

SBV: Entstand damals auch dein Interesse an modularen Systemen und der Arbeit mit dem Computer?

Peter Kogler: Meine Arbeit war ja schon in den späten 1970ern geprägt von der Minimal Art, die in New York entstanden war – die modulare Logik von Donald Judd beispielsweise. Damals hat kaum gemalt, es wurden vor allem andere Ausdrucksformen entwickelt. Und vom Formenvokabular her kann man diese frühen Kartonobjekte vielleicht als low tech-Vorläufer meiner Computerwerke sehen.

SBV: War der Einsatz des Computers ein starker Einschnitt in deinem Werk?

Peter Kogler: Von 1984 weg war mir klar, dass Computer das Medium ist, das die Dinge zusammenschließt, das Serielle und Zeichenhafte in meiner Kunst. Aber es war auch prägend für unser Zusammenleben. Damit begann dann eine Kaskade maximaler Veränderungen, bald folgten das Internet, Smartphone und zuletzt die KI.

Ausstellungsansicht „Peter Kogler. Alphabet
City“, 28.08.25-08.02.26, Francisco
Carolinum Linz. Foto: Rainer Iglar

SBV: Die Fotografien erzählen von einer ganz anderen Zeit, viel von Nachtleben – war das damals dein stärkster Eindruck von New York?

Peter Kogler: Clubs wie Palladium oder Danceteria waren wichtig, dort lernte man sofort Leute kennen. Aber mehr noch hat mich beeindruckt, dass man sofort Teil der Kunstszene wurde. New York war damals das Zentrum der Kunstwelt. Die Gemeinschaft war klein und vor allem sehr offen. Generationsübergreifend offen – das ist heute für junge Künstler schwer vorstellbar. Im zweiten Raum liegt in einer der Vitrinen das Art Diary…

SBV: … das schmale Buch wurde von der italienischen Kunstzeitschrift Flash Art herausgegeben, enthielt die Adressen aller wichtigen Künstler, Galerien und Kunstkritiker – nicht unbedingt zuverlässig richtig, aber ein hervorragender Überblick.

Peter Kogler: Ja, die ganze Kunstwelt passte damals in dieses kleine Buch!

SBV: Wenn du heute in New York bist, erkennst du die Stadt von damals wieder?

Peter Kogler: Der Wohnraum war damals bezahlbar. Heute ist Manhattan zu teuer, die Kunstszene ist ausgewichen. New York ist auch nicht mehr das Zentrum – das gibt es nicht mehr, die Kunstwelt ist dezentralisiert.

Ausstellungsansicht „Peter Kogler. Alphabet
City“, 28.08.25-08.02.26, Francisco
Carolinum Linz
Foto: Rainer Iglar

SBV: Wie wichtig war damals die Politik für die Kunst?

Peter Kogler: In den 1980ern Jahren war Ronald Reagan Präsident, die Zeit war vom Kalten Krieg dominiert – das prägte sicher das Klima. Meine Arbeiten sprechen ja auch nicht unbedingt von einer fröhlichen Stimmung. Trotzdem war es eine unbeschwerte Zeit. Das ist heute anders. Was in den USA kulturell in den nächsten zwei Jahren passieren wird, will man sich gar nicht vorstellen. Das Personal wird ausgetauscht und grundlegende demokratische Mechanismen außer Kraft gesetzt – das betrifft die Kunst, aber geht weit darüber hinaus. Das ist ein anderer Maßstab.


veröffentlicht in: Die Presse, 1.9.2025
Peter Kogler, Alphabet City, Francisco Carolinum Linz, 28.8.2025-8.2.2026