Steve McQueen im Guggenheim Bilbao: Duett im Dunklen

27. Okt. 2026 in Ausstellungen

Steve McQueen, 66 76 26, Installationsansicht. Copyright FMGB Guggenheim Bilbao Museo 2026

Steve McQueen verwandelt den Ausstellungsraum des Guggenheim Bilbao in ein Hörerlebnis. 

„Wenn man in ein Museum geht, erwartet man ein Seherlebnis. Ich wollte eine Wahrnehmung über unsere Ohren.“ Damit beschreibt Steve McQueen die zentrale Erfahrung seiner neuesten Installation „66 76 26“ für das Guggenheim Bilbao. Ausgestellt ist es in einem der bekanntesten Museen Europas, das wie kein anderes Haus für einen speziellen Effekt steht:

Bilbao Effekt

©FMGB, Guggenheim Museum Bilbao, 2017. Foto: Erika Ede

1997 eröffnet, erzeugte der spektakuläre Bau von Frank Gehry bald den heute oft zitierten „Bilbao Effekt“: Das Museum mit Kunst des späten 20. Jahrhunderts bis heute entstand im Rahmen der Umwidmung eines ehemaligen Hafen- und Industriebereichs am Ufer des Flusses Nervion – und bewirkt bis heute klare wirtschaftliche Vorteile für die nur 350.000 Einwohner-große, spanische Stadt. Eine 2001 vom Guggenheim Bilbao beauftragte Studie ergab, dass 82 Prozent der Stadtbesucher entweder ausschließlich wegen des Museums kamen oder deswegen ihren Aufenthalt verlängerten. 2025 waren es insgesamt rund 1.3 Millionen Besucher, darunter 69 Prozent aus dem Ausland.

Steve McQueen, 66 76 26, Installationsansicht. Copyright FMGB Guggenheim Bilbao Museo 2026

Steve McQueen in Bilbao

Mittlerweile ist die Architektur zwar in die Jahre gekommen, aber das Museum gehört nach wie vor zu den Fixpunkten des globalen Kulturtourismus. Dazu trägt auch die ausgewogene Balance des Programms zwischen Blockbuster wie heuer die umfangreiche Retrospektive von Jasper Johns und gleichzeitig sorgfältig kuratierte Zeitgenossen wie aktuell Steve McQueen bei. Der 1969 in London geborene Künstler, Regisseur und Fotograf nahm 1997 und auch 2002 an der documenta Kassel teil. 2014 gewann sein Film „12 Years a Slave“ drei Oscars.

McQueen war Produzent und Regisseur dieses Films, der nach den Memoiren von Solomon Northup die systematische Struktur der Sklaverei zeigt – und ein völlig überraschender Kassenschlager wurde, wie McQueen selbst bestätigt. Mit seiner Installation in Bilbao schlägt er jetzt einen neuen Weg ein. „66 76 26“ sind Jahreszahlen rund um den Song „Wild as the wind“: 1957 für den gleichnamigen Film geschrieben und gesungen, übernahm Nina Simone den Song 1966; 1976 interpretierte David Bowie das Liebeslied neu; 2026 präsentiert Steve McQueen jetzt eine beeindruckende Duett-Version von Simone und Bowies Aufnahmen.

©FMGB, Guggenheim Museum Bilbao, 2017. Foto: Erika Ede

Steve McQueens A Capella-Version von „Wild as the wind“

Er filterte die Instrumente heraus, um im Guggenheim Bilbao beide Stimmen räumlich getrennt voneinander als A Capella-Version im verdunkelten, 950 Quadratmeter großen Raum erklingen zu lassen. Dafür mussten die Rechte geklärt und die Wände mit eigens angefertigten Schallpaneelen vorbereitet werden, wie Kuratorin Lekha Hileman im Gespräch erzählt.

„Wild as the wind“ erzählt von einer leidenschaftlichen Liebe und der gleichzeitigen Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. „Sie singen über die Liebe. Aber Simone bringt einen Sturm in den Song. Auch Bowie schafft eine ganz eigene Dramatik“, beschreibt es McQueen. In dem nahezu leeren Ausstellungsraum lenkt uns bei völligem Verzicht auf Bilder nichts von dem Hörerlebnis ab. Wir sitzen auf den Bänken in der Mitte oder schreiten langsam zwischen dem Duett umher. Wir hören den Atem, die Stille, die Lücke zwischen den Intervallen – die Stille sei „ein aktives Material“, wie McQueen es beschreibt. „66 76 26 braucht den Raum, um die Stimmen entfalten zu können“, erklärt er während der Pressekonferenz. Der Raum fordere uns zur Entschleunigung auf, damit wir dieses ungewöhnliche Liebeslied physisch erleben können. 

Guggenheim Bilbao 9.10.2026-21.2.2027