6. Contour Biennale, Mechelen 2013

27. Aug. 2013 in Biennalen

Grote Markt, Mechelen, August 2013, Contour Biennale

Grote Markt, Mechelen, August 2013, Contour Biennale // SBV

6. Contour Biennale : Seit 2003 findet in der belgischen Stadt Mechelen, zehn Zugminuten von Brüssel entfernt, die Contour Biennale für bewegte Bilder statt. Mechelen war einst die Hochburg christlicher Orden, die nicht nur zahlreiche Kirchen, sondern auch Schulen, Spitäler und Waisenhäuser errichteten. Heute sind 300 Gebäude in der 80.000 Einwohner-Stadt denkmalgeschützt. In einige dieser Häuser führt uns alle zwei Jahre die Biennale.

Kurator Jacob Fabricius (rechts), Direktor Steven Op de Beeck, Mechelen 2013

Kurator Jacob Fabricius (rechts), Direktor Steven Op de Beeck, Mechelen 2013

Heuer zur 6. Contour Biennale unter Leitung des dänischen Kurators Jacob Fabricius sind es anders als in den frühen Contour Biennale nur vier Orte, die allerdings aufgrund ihrer eigenen (Vor-)Geschichten hervorragend gewählt sind: das ehemalige Gericht und jetzige Stadtmuseum „Court of Busleyden“ (Anfang 16. Jahrhundert),

Court of Busleyden, entworfen von Rombout II Keldermans

das Fußballstadion von KV Mechelen,

Fußballstadion von KV Mechelen, 1904 gegründet

die Church Of Our Lady-Across-The-Dyle (zwischen 14. Und späten 16.Jahrhundert erbaut)

Church Of Our-Lady-Across-The-Dyle, Architekten u.a. Rombout II Keldermans; nahezu zerstört worden während der beiden Weltkriege und in den 1960er Jahren wieder aufgebaut

und das Gefängnis (erbaut 1874).

Männergefängnis Mechelen gebaut in einem Stern-ähnlichen Grundriss für 84 Gefangene, meist mit 121 gefüllt

Der Titel dieser 6. Contour Biennale fasst die Kennzeichen dieser Orte zusammen: „Leisure, Discipline and Punishment“ (Freizeit, Disziplin und Strafe). 39 Werke von 26 Künstlern werden hier ausgestellt, darunter 25 neue Produktionen, die erstmals in Koproduktion mit anderen Biennalen entstanden (Göteborg, Liverpool und Ljubljana). Nahezu sämtliche Werken sind eng mit dem Kontext verbunden, manches davon inspiriert, anderes thematisch passend wie Carl De Keyzers bedrückende Foto-Dokumentation von ehemaligen sibirischen Gefangenenlagern.

Ausstellungsarchitektur Court of Busleyden

Der Großteil der Werke der 6. Contour Biennale ist im Hauptausstellungsort „Court of Busleyden“ in lauter kleinen Kojen zusammengefaßt. Im frisch renovierten Kellergeschoß des Stadtmuseums ist eine einfache, geschickte Gerüst-Architektur aufgebaut, so dass auf zwei Ebenen kleine Monitore und Großprojektionen in abgetrennten Kuben zusammen kommen.

Manches hier bezieht sich auf die übrigen Orte wie die Filmposter-Sammlung von Gefängnisfilmen, die ein ehemaliger Gefängnis-Direktor anlegte und die Liz Magic Laser hier in ausgewählten Exemplaren viel zu unvermittelt zeigt. Überzeugend dagegen Edgardo Aragon Diaz´ Film „Hunter“, produziert von Contour: Ein Schwarzer wandert durch einen belgischen Zoo und singt vor einigen Käfigen traditionelle Lieder seiner Heimat, über Affen, Nasshörner – ein irritierender Perspektivenwechsel voller Anspielungen auf Gefangenschaft und Freiheit, Domestizierung, Kolonialismus. Auf das Stadion nimmt Paul Hendrikse Bezug mit „The Twelfth Man“. Damit wird das Fanpublikum bezeichnet, das mit ihren Anfeuerungen als aktiver Mitspieler gezählt werden kann. Hendriksen schrieb eine Partitur der Geräusche und lässt es von zwei Protagonisten vorführen – wunderbar absurd! Leider verschenkt ist Sven Augustijnen Projekt „IHT 20110823-20130823“. Der Titel bezeichnet den Zeitraum, in dem er eine Auswahl aus dem International Herald Tribune für sein Contour-Newspaper auswählte – leider jedoch 1. nur ganze Seiten, 2. zu viele Titelseiten, 3. Unnötigerweise auch Werbung und 3. hauptsächlich zum Tod von Herrschenden (Gaddafi, Kim-Jong, Magrete Thatcher).
Ein Mammut-Projekt initiierte Petra Bauer für die 6. Contour Biennale: Alle 25 Jahre finden zwei Prozessionen in Mechelen statt, eine katholisch, eine profan. Die Vorbereitungen zum „Ommegang“ dokumentiert die Künstlerin in ihrem Buch „Choreographie for the Giants“, das erstaunlicherweise spannend und dazu höchst informativ ist. Wir erfahren darin von der bis ins Mittelalter zurückreichenden Tradition dieser Veranstaltung, aber auch von den heutigen Chancen und Problemen. Denn der Umzug soll die gesamte Bevölkerung repräsentieren – ist das überhaupt möglich? Wie soll die migrationsreiche Gesellschaft Mechelens einbezogen werden – reichen dazu die drei neuen „Riesen“, wie sollen sie aussehen? Bauer gab die zusammengetragenen Protokolle der Vorbereitungssitzungen abschließend fünf „Spezialisten“, die ihre Kommentare einfügen durften: meist recht selbstgefällige Anmerkungen, die wenig Interessantes beitragen – aber einen spannenden Kontrast zu den engagierten und aktiven Ommegang-Organisatoren ergeben.

Publikation Choreography for the Giants

Soweit der Hauptort. Weniger dicht, dafür mit umso mehr Querverbindungen zwischen den Werken und Kontexten verblüffen dann die anderen Ausstellungsorte. So empfangen uns im Stadion schon oben über dem Eingang David Shrigleys humorvoll-kritische, offenbar spontan niedergeschriebenen „10 Regeln“, die eine Sichtverschiebung initiieren: „1. Retain your ticket; 2. Do not expect to be entertained; 8. There are no toilets; 10. Why are you reading this?.“ (Weitere 10 Regeln verfasste Shrigley auch für die Kirche und das Gefängnis.)

David Shrigley, 10 Rules for the stadium, Contour Biennale, Mechelen 2013 // SBV

David Shrigley, 10 Rules for the stadium, Contour Biennale, Mechelen 2013 // SBV

In die Fenster der Kantine ist Josef Dabernigs Panorama-Fotografie eines armenischen Stadions montiert. Diese Minimal-Architektur mit einfacher Mauer und ohne Rasen erinnert an einen Gefängnisplatz und damit an die Nähe von Freizeit und Disziplin.

Josef Dabernig, Sports Ground Panorama 5 in Gyumri, Fotodrucke in den Fenstern der Cafetereria, Mechelen 2013

Auch in der „Church of our Lady-Across-the-Dyle“, zu der eine höchst aktive katholische Gemeinschaft gehört, bringt Dabernig einen unerwarteten Aspekt an noch unerwarteter Plazierung ein: Sein tonloses Video „Excursus on Fitness“, in dem sechs Protagonisten sportliche Übungen wie skurrile Rituale vorführen, steht mitten im Altarbereich. Kirche und Körperkult, Kreuz und Fitness – was wie Blasphemie klingt, ist hier überraschend sublim integriert.

Josef Dabernig, Excursus on Fitness, 2010, Video

Ein Höhepunkt in der Kirche steht mitten zwischen den Betbänken: Auf einem riesigen Monitor läuft Edgardo Aragon Diaz´ Video „Family Effects“: In vierzehn Episoden stellen seine Nichten und Neffen gewalttätige Szenen ihrer Familiengeschichte nach, Drogenhandel, Korruption, Mord. Hier erinnert es sofort an den Kreuzzug, transformiert in Mexikos Alltag – eine faszinierende Erweiterung durch den Kontext.

Edgardo Aragon Diaz, Family Effects, 2007-2009, Video

Obgleich die Kirche von einer aktiven Glaubensgemeinschaft besucht wird, sind hier für die Dauer der 6. Contour Biennale insgesamt zehn Werke ausgestellt, die alle von Mord, Schuld und Ausgrenzung handeln und zu einer gegenseitig Bereicherung führen.Gänzlich ohne Werke, dafür umso spektakulärer ist das Gefängnis. Es ist nicht Teil des Rundgangs, es durften auch keine Filme gedreht werden. So veranstalteten zwei Künstler hier Arbeitsgruppen, Pablo Pijnappel & Giles Baileey eine Erzählwerkstatt und Sarah Vahees einen Schrei-Workshop. Die so entstandenen Geschichten werden jeden Sonntag in der Stadt vorgelesen, die Schreie dagegen sind jederzeit in Vahees Installation im Stadtmuseum zu hören. 20 Gefangene nahmen daran teil. Aggressiv, verletzt, verzweifelt, hoffnungsvoll rufend: Wir hören diese Schreie über Kopfhörer und schauen dabei auf das eintönige Standbild eines 8stündigen Videos der Gefängnismauer. Es ist der intensivste Beitrag diseer Biennale, der uns Macht und Ohnmacht der Isolation empfinden lässt. Zur Eröffnung präsentierte Vahees ihren Beitrag außen vor der Gefängnismauer, filmte die Besucher dabei und wird die Dokumentation den Gefangenen zeigen – Schreie, die die Mauer überwunden haben. Diese 6. Edition der Contour Biennale überzeugt auf der ganzen Linie durch die Ort- und Werkauswahl, die heuer überzeugend eindringliche Erlebnisse bietet.

Contour Biennale, Mechelen/Belgien, 24.8.-3.11.2013; Öffnungszeiten Do, Fr 10-17, Sa, So 10-18 Uhr; Eintritt Euro 8,-

in verkürzter Version veröffentlicht in: Die Presse, 24.8.2013

siehe auch:

5. Contour Biennale, August 2011 http://sabinebvogel.at/wp/5-contour-biennale-2011/

4. Contour Biennale, August 2009 http://sabinebvogel.at/wp/3-beaufort-triennale-4-contour-biennale-belgien/