Ali Güreli über die Kunstmesse Contemporary Istanbul

07. Okt. 2026 in Kunstmarkt

Ali Güreli, Courtesy Contemporary Istanbul, 2026

Ali Güreli, Besitzer der Kunstmesse Contemporary Istanbul, über seine Pläne für die Messe und für Istanbul

Die 21. Contemporary Istanbul (CI) findet in einem innenpolitisch und weltweit krisenreichen Jahr statt. Trotzdem nehmen heuer mehr Galerien teil als 2025. Waren es letztes Jahr 52, so stellen jetzt 70 Galerien aus 16 Ländern in den beiden Hallen im brandneuen Viertel Tersane direkt am Goldenen Horn aus. Auf dem Gelände der 600 Jahre alten, osmanischen Werft entsteht ein neues Downtown mit Luxushotels, Luxusapartments, Shoppingcenter. Trotz strömenden Regens ist die abendliche Eröffnung der Messe bestens besucht von einer kauffreudigen, internationalen Besucherschar. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein – wirken sich politische Unruhen und der Krieg im Nahen Osten so gar nicht auf die Kunstmesse aus?

Ali Güreli: Die politischen Spannungen und Kriege beeinflussen sicher den Kunstmarkt, allein die gestiegenen Versicherungs- und Transportkosten. Der Markt ist zurückhaltender geworden, Galerien und Sammler selektieren genauer, wo sie hinreisen. Aber es gibt auch Positives, die neuen Kunstmessen Art Basel Qatar und Frieze Abu Dhabi, neue Institutionen wie das Guggenheim Abu Dhabi – die Region braucht solche Veranstaltungen!

SBV: Sehen Sie die neuen Messen nicht als starke Konkurrenz?

Tersane Istanbul, Courtesy Contemporary Istanbul

Ali Güreli: Wenn in diesen Ländern Geschäfte beginnen, soll es keine negativen Meldungen geben. Mit einem vorab festgelegten Budget sind Verkäufe strategisch geplant und gesichert. In Istanbul ist die Situation anders. Wir sehen hier einen starken Markt für Premium-Autos, für Yachten, Luxusgüter und Immobilien. Das ändert auch den Lifestyle. Der Michelin-Guide führt 77 Restaurants in Istanbul, darunter acht mit Sternen. In dem Küstenort Bodrum entsteht gerade das Bvlgari-Resort mit 101 Apartments, die zwischen 20-120 Millionen Dollar kosten – und es verkauft sich bestens. Das Geld ist da! Das betrifft zwar nur 15-20 Prozent der Bevölkerung. Aber es gibt neues Geld in neuen Händen. Oft sind es Geschäftsleute – viel im Export-Bereich – in der zweiten, meist im Ausland ausgebildeten Generation. Sie interessieren sich zunehmend für Kunst. Viele Junge, das ist ein neuer Trend, gehen übrigens zur Ausbildung nach Südkorea.

SBV: Haben Sie deshalb den Asien-Schwerpunkt der heurigen Kunstmesse entschieden?

Ali Güreli: Asien ist eine riesige Region mit einem stark wachsenden Kunstmarkt und einem zunehmenden Einfluss auf die globale Kunstwelt. Hong Kong, Tokio, Seoul, Shanghai, Singapur und Mumbai stärken ihre Position als Kulturhubs. Aber asiatische Kunst ist hier noch wenig bekannt. Darum wollen wir Galerien, Künstler, Institutionen und Sammler aus dieser Region nicht nur für eine Ausgabe nach Istanbul holen, sondern veranstalten Gesprächen und Ausstellungen über das ganze Jahr – es soll ein beidseitiger Kulturaustausch werden. Istanbul wird mehr und mehr zum Kunstzentrum, wir wollen die Stadt als globale Kulturdestination stärken.

SBV: Seit 2022 gibt es „CI Bloom“ – wofür steht diese Messe?

Ali Güreli: An der ersten „CI Bloom“ nahmen 23, heuer 28 Galerien teil, die nur neue Positionen und junge, meist türkische Kunst zeigen. Es spricht vor allem junge Sammler an, dieses Jahr wurden mehr als 64 Prozent der Werke verkauft.

Courtesy Buchmann Galerie, Berlin

SBV: Wo liegt die Zukunft der CI?

Ali Güreli: Die Zukunft des Kunstmarkts ist nicht nur vom Verkaufsvolumen geprägt. Genauso wichtig sind vor Ort lebende Künstler, ansässige Galerien, Sammler, Biennalen, der Kulturtourismus und die Entwicklung neuer Ideen – das alles formt ein Ökosystem, das einen stabilen Kunstmarkt ermöglicht. Und da liegt die Stärke von Istanbul: Die Stadt ist ein Treffpunkt der internationalen Kunstwelt. Hier kommen alle zusammen!

SBV: Das klingt alles sehr positiv?

Ali Güreli: Ja – alles verändert sich gerade. Aber in der Türkei, in Istanbul sind wir Krisen gewöhnt. Wir haben gelernt, flexibel zu sein. Die ökonomische Situation ist nicht einfach, wir haben eine hohe Inflation und dazu noch auf Kunst 20 Prozent Mehrwertsteuer. Das muss sich ändern. Ankäufe für Corporate Collections sollten absetzbar sein – das könnte bald schon möglich werden. Und wir habe große Pläne für die Messe. Nächstes Jahr soll der Fokus auf Deutschland liegen, mit einem eigenen Schwerpunkt auf türkische, in Deutschland geborene Künstler.

veröffentlicht in: Die Presse, 27.9.2026