Chalisée Naamani in der Kunsthalle Wien: Blumen für den Widerstand

26. Mrz. 2026 in Ausstellungen

Installationsansicht Chalisée Naamani, Octogone, Kunsthalle Wien 2026

Die Iranerin Chalisée Naamani zeigt in der Kunsthalle Wien subtile Formen des Widerstands – mit Boxhandschuhen und Rüschen.

Boxsäcke mit Teppichmuster, Boxhandschuhe mit Rüschen und ein kleiner, achteckiger Boxring aus kuscheligen Polstern – Chalisée Naamanis Bildwelt in der Kunsthalle Wien ist hübsch.

„Bildkleider“ nennt sie ihre Objekte aus bedruckten Stoffen und Foto-Collagen – man könnte sie auch trojanische Pferde nennen. Denn hier geht es um subtile Strategie des Widerstands. Geboren 1995 in Paris, stammt Naamani aus einer iranischen Familie. Ohne je dort gelebt zu haben, sei das kulturelle Erbe des Iran und ihre Familiengeschichte doch immer ihre Inspiration, erklärte sie einmal – ein hochpolitischer Hintergrund, wie man hinzufügen möchte.

Mode als Kampfplatz

Denn gerade für Frauen ist die Situation im Iran noch immer heikel. Eine Sittenpolizei überwacht die strengen Kleidervorschriften, die ein Kopftuch und nicht-körperbetonte Kleidung vorschreiben, was oft ein langer Mantel ist. Dadurch ist Kleidung im Iran nicht nur Mode, sondern ein Kampfplatz – in beide Richtungen. Designer nutzen Farben, Traditionselemente und neue Silhouetten, um innerhalb des gesetzlichen Rahmens andere Narrative auszudrücken. Der vorne offene Mantel etwa ist ein typisches Modell dieser Strategie. Anders als das traditionelle Kleidungsstück stellt es Geschlechterrollen und Normen in Frage und steht für Freiheit. Auch Glitter ist mit neuer Bedeutung aufgeladen, statt Feierlichkeit drückt es Freizügigkeit, Individualität und ein neues Selbstbewusstsein aus.

Installationsansicht Chalisée Naamani, Octogene. Kunsthalle Wien, 2026

Komplexe Bedeutungen

Mit diesem Wissen erhalten die vielen, im Untergeschoß der Kunsthalle Wien rund um eine quer durch den Raum verlaufende Umkleidekabine verstreuten Objekte komplexe Bedeutungen. „Octogone“ nennt Naamani ihre Personale, die vorher in Paris zu sehen war.

Titel und Skulpturen beziehen sich auf einen Zurkhaneh (Haus der Stärke) genannten Trainingsraum für einen aus vorislamischer Zeit stammenden Kampfsport, dessen Ring achteckig ist. „Die Zurkhaneh dient nicht nur der Ausbildung von Kriegern“, betont Naamani in einem Interview. „Es geht um die Entwicklung eines ethischen Selbstverständnisses. Der Körper wird zum Werkzeug der Gerechtigkeit. Ich habe versucht, diesen roten Faden durch die Zeit zu ziehen – hin zur Zan-, Zendegi- und Azadi-Bewegung, die ich als eine der ersten feministischen Revolutionen der Geschichte betrachte.“

Ursprünglich Männern vorbehalten, beanspruchen zunehmend Iranerinnen Varzesh-e Pahlavani als emanzipatorischen Akt für sich, worauf Naamanis Objekte voller Blümchen und Ornamenten hinweisen. Vorne vor dem Ausstellungsraum stehen Koffer, Symbole für Transport, für Übergang und Weitergabe, wie sie erklärte. Auf einigen erkennt man Tulpen – das nationale Symbol für Opfer und Märtyrertum. Das heutige Staatswappen erinnert an die Form dieser Blume. In Poesie und Alltag dagegen symbolisiert die Tulpe Frühling, Liebe und Erneuerung. „Mich interessiert, was die Tulpe über Exil, Immigration, die Vergessenen und jene aussagt, die zu Helden und Heldinnen erhoben werden“, so Naamani.

Installationsansicht Chalisée Naamani, Octogene. Kunsthalle Wien, 2026

Im Ausstellungsraum bedeckt eine große Fotografie die hintere Wand: Ein weißer Streifen verläuft über eine Mauer, darauf steht in persischer Schrift ein Slogan, den die Künstlerin als „Leben heißt Widerstand leisten“ übersetzt – die Regierung habe das Graffiti überstreichen lassen, erzählt sie in einem Interview, aber die Protestierenden kamen zurück und erneuerten ihre Botschaft.

Installationsansicht Chalisée Naamani, Octogene. Kunsthalle Wien, 2026

„Ocotogone“ versammelt nicht nur hochsymbolische ´Bildkleider´ zu iranischen Widerstandstrategien. In „Cape et gilet jaune“ spielt sie auf die Bürgerbewegung von 2018 an, als Franzosen die gelben Warnwesten bei ihren Protesten gegen politische Belange trugen. Mit den mit Glitter bedruckten Stoffen und knallgelben Stöckelschuhen in „No Kings, Only Queens“ setzt sie ein Zeichen für Transrechte in den USA. Mit Dirndl und Lederhose lenkt sie den Blick auf geschlechtsspezifische Rollenmuster. Ornamente kontrastieren mit Männlichkeitsvorstellungen, Trainingsgeräte werden zu Bedeutungsträgern für Fragen nach Herrschaft und Protest. Und in allem schwingt dank der starken Farben, vielen Herzen und Blumen ein Gefühl von Hoffnung mit.

veröffentlicht in: Die Presse, 4.3.2026