
In Interludes and Transitions, Diriyah Contemporary Art Biennale 2026, Blick auf den JAX District bei Tag. Foto: Alessandro Brasile, Courtesy Diriyah Biennale Foundation.
Mit der 3. Diriyah Biennale in Saudi-Arabien und der Art Basel Qatar in Katar setzen die Golfstaaten auf andere Narrative fern der Krisen- und Kriegsberichterstattungen.
Kaum eine Region steht gerade derartig im Fokus wie der Nahe Osten. Während die Emirate und Saudi-Arabien in den Bürgerkriegen im Sudan und Jemen militärisch mitmischen, die Regierung im Iran Proteste brutal niederschlägt und ein US-Flugzeugträger im Indischen Ozean auf den Einsatz gegen das Mullah-Regime wartet, finden gleich nebenan Biennalen und die erste Art Basel Qatar (ABQ) statt. Vorbehalte gegen autokratischen Regierungen hielten offensichtlich weder europäische Museumsdirektoren noch US-amerikanische Kuratoren und weltweite Sammlern davon ab, zur Eröffnung der Diriyah Biennale in der saudischen Hauptstadt Riad und weiter zur Kunstmesse nach Katar zu reisen. Im Gegenteil: Mit großer Offenheit verfolgt die Kunstkarawane hier Gesellschaften im rapiden Wandel, die durch und mit Kunst neue Narrative entwickeln.

František Kupka, Motif hindou (Dégradés rouges), 1919. Centre Pompidou, MNAM-Cci, Paris. Hinten: Manal AlDowayan, Ephemeral Witness, 2020. Courtesy of Nick Jackson Photography
Denn Kunst wird hier als Soft Power verwendet, um nach innen und außen ein modernes Image aufzubauen. Zwar fährt Saudi-Arabien gerade die Anfangs enormen Kunstbudgets zurück, um die Bauvorhaben für die Weltausstellung 2030 und die Fußball-WM 2034 zu finanzieren. Aber allein in der Wüstenregion Al Ula sollen mehrere Museen entstehen, darunter das Contemporary Museum in Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou – wofür das französische Haus 50 Millionen erhielt. Als erstes gemeinsames Projekt eröffnete gerade die Ausstellung „Aruna“ in Anwesenheit prominenter französischer Politiker. Übersetzt als ´unser Land´ treten hier Leihgaben des Pompidou von Picasso bis David Hockney in Dialog mit regionaler Kunst.

Pio Abad, Vanwa (2023/2026), hinten rechts: Kamala Ibrahim Ishag, Blues for the Martyrs (2022), Lady Grown in a Tree, 2017; hinten links: Pacita Abad, Asian Abstractions (1983–92). Foto: Alessandro Brasile, Courtesy Diriyah Biennale Foundation
Neue Bilder für die Welt – 3. Diriyah Biennale
Diese Strategie, aus dem Schatten des Westens herauszutreten und regionale Kunst selbstbewusst zu positionieren, prägt auch die Diriyah Biennale in Riad. Wie die beiden vorherigen Ausgaben findet die Ausstellungen in den Lagerhallen im Jax District im Nordwesten der Hauptstadt nahe des historischen Fort Diriyah statt. Der auf 1446 datierte Lehmpalast gilt als Heimstätte der Herrscherfamilie und ist seit 2010 Weltkulturerbe. Die Lagerhallen dagegen liegen inmitten eines Industrieviertels, wo auch in garagenähnlichen Gebäuden Ateliers, Galerien und das SAMOCA genannte Museum der staatlichen Gegenwartskunst-Sammlung eingemietet sind. In den Hallen zeigt die Biennale 67 Künstler und viele Künstlerinnen aus 37 Ländern unter dem Titel „In Interludes and Transitions“ (Zwischenräume und Übergänge). Das Kuratorenduo Nora Razian und Sabih Ahmed, beide in Dubai lebende, gebürtige Saudis, spricht von einem „Geflecht an Bewegungen“. „Wir müssen neue Bilder für unsere Welt finden“, erklärten sie zur Pressekonferenz. In ihrem Video „The Run“ rennt Ahaad Alamoudi durch die Wüste in der Nähe des futuristischen Mega-Siedlungsprojekts Neom, schnurgerade auf ein Bild der Landschaft zu und springt hindurch – was prägt unsere Vorstellungen, welche Symbole, welche Erzählungen sehen wir, fragt sie. Saudische Frauen haben hier übrigens genau die gleichen Rechte wie Männer, wie mehrere Künstlerinnen betonen. Auch das Gebot der Verschleierung ist längst abgeschafft.

Jenny Holzer, SONG , 2026. Lichtprojektion und Drohnen, Museum of Islamic Art, Doha. Gedichte “A Single Word,” “Poetic Regulations” and “Who Am I, Without Exile?” von Mahmoud Darwish. ©️ 2026 Mahmoud Darwish Foundation. ©️ 2026 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY. Foto: MCH Global
Art Basel Qatar im Design Destrict
Es ist eine Biennale, die intensive Auseinandersetzungen erfordert – ein Anspruch, der erstaunlicherweise für die wenige Tage später eröffnende Art Basel Qatar gleichermaßen gilt. Denn hier wird ein neues Konzept praktiziert: Als die Messe letztes Jahr völlig überraschend das 3-Millionen-Einwohner-Emirat als neuen Standort angekündigte, betonte der Künstler und Messe-Leiter Wael Shawky, nicht das bekannte Modell in einer neuen Region wiederholen zu wollen. Anders als auf den bisherigen Art Basel-Messen in Basel, Miami, Hong Kong und Paris reihen sich nicht die Galerien in langen Gängen aneinander, sondern bilden mit ihren qualitativ hochwertigen Solopräsentationen einen museumsreifen, fast an eine Biennale erinnernden, ineinander fließenden Ausstellungsparcours. „Wir sind stolz auf diese Messe“, kommentiert Dyala Nusseibeh, Leiterin der Konkurrenz-Messe in Abu Dhabi, die jüngst von der Frieze übernommen wurde, „das ist wichtig für die Region.“

Sumayyaa Vally, Assembly of Lovers: be a lamp, a lifeboad, a ladder, 2006. Foto: MCH Global, Courtesy Art Basel
Aufgeteilt auf zwei wenige Gehminuten entfernte Gebäude im Msheireb Destrict sind dazu 11 Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum verteilt wie Jenny Holzers spektakuläre Nachtprojektion. Sie lässt Gedichtzeilen über Heimat, Verlust und Erinnerung des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish und der Emirati Nujoom Al-Ghanem über die Fassade des Islamischen Museums ziehen – Dichter, die in westlichen Ausstellung schnell zu Zensur führen wie letztes Jahr im Wiener Belvedere. Auf der Messe in Katar ist von Zensur nichts zu spüren: Die Galerie Thaddaeus Ropac präsentiert den für seine homoerotischen Werke bekannten Raqib Shaw, die Galerie Misr zeigt feministische ägyptische Kunst und in manchem Werk erkennt man nackte Brüste. 4000 VIPs wurden zur Premiere eingeladen, aus der USA reisten nur wenig an, dafür viele aus Deutschland, Frankreich, sogar aus Japan, wie jener Sammler, der sich für die Werke der saudischen Künstlerin Maha Mallouh (Galerie Krinzinger) interessiert. Die meisten Sammler allerdings stammen aus der Region, vor allem aus Dubai. Der Andrang war groß, das Kaufinteresse verhalten, aber zumindest die Jury des staatlichen Ankaufsfonds für das 2030 in Doha eröffnende Art Mill Museum ging auf Einkaufstour – auch dort wird regionale Kunst im Dialog mit der Welt stehen.
veröffentlicht in: Die Presse, 12.2.2026

Eröffnung In Interludes and Transitions, Diriyah Contemporary Art Biennale 2026, Blick auf den JAX District. Courtesy Diriyah Biennale Foundation.
Diriyah Biennale, Riad, 30.1.-2.5.2026; Arduna, Al Ula, 1.2.-15.4.2026; Art Basel Qatar, 5.-7.2.2026