Bei der Dubai Design Week gehen Kunst, Architektur und Design ineinander über – und zeugen von einem enormen Kreativitätsboom in der Region.
Wenn die Tage vom Herbst in den Winter wechseln und es tagsüber nur noch 30 Grad hat, steht Dubai ganz im Zeichen von Design. Vor der im Dunst verschwindenden Kulisse von Downtown Dubai ist dann sechs Tage lang das Kreativviertel d3 Zentrum der Dubai Design Week. Wenige Gehminuten entfernt findet die Designmesse Downtown Dubai statt, untergebracht in zwei temporären Zelten. Bei beiden Veranstaltungen lässt sich eine spannende Entwicklung ablesen: Abgrenzungen zwischen Architektur, Design und Kunst sind aufgehoben. Auf Biennalen und Kunstmessen eher unbeabsichtigt, ist das in Dubai programmatisch. Denn in dem Emirat gilt Kreativität als wirtschaftlich treibende Kraft und wird staatlich kräftig gefördert.
Am deutlichsten wird das bei dem Installations-Parcours der staatlich finanzierten Dubai Design Week. Eine Woche lang wurde die Fußgängerzonen von d3 in eine Ausstellung verwandelt, 135.000 Einheimische und Touristen flanierten entlang der 30 pavillonähnlichen Konstruktionen wie etwa „Stories of the Isle“ von dem jungen Architekturbüro Maraj aus Bahrain. Sie entwickelten eine Ornamentsprache mit Vögeln und Fischen. Gestickt auf Plastikfolien und zum Zelt zusammengefügt, erzählen die Bilder von der Geschichte, aber auch den Problemen der kleinen Insel Nabih Saleh, von Wassermangel und Überfischung.
Die Agentur Designlab Experience mit Büros in Dubai, Riad und Beirut dagegen verwob die Themen Natur, Industrie und Tradition in ihrem surrealen Wald aus Bambuskörben, die auf langen Stämmen in die Luft ragen. Aber auch internationale Brands präsentierten sich wie Jaeger-LeCoultre, deren Präzisionsuhren mit Email-Applikationen höchstes Kunsthandwerk zeigen.
Design muss Geschichten erzählen
Bei all den Veranstaltungen der Dubai Design Week gilt, was Shahad Alwazani von der saudischen Agentur Tanween während bei einem Vortrag sagte: „Design muss eine Erinnerung, eine Geschichte und eine Bedeutung haben.“ Ob in Pop-Up-Geschäften, Workshops oder Vorträgen, oft standen dabei Nachhaltigkeit und neue Materialien zur Debatte – Themen, die auch auf der wenige Gehminuten entfernten Downtown Design Dubai dominierten. 2013 von der Art Dubai Group gegründet, hat sich diese Designmesse in den letzten Jahren unter Direktorin Mette Degn-Christensen zum führenden Treffpunkt der Kreativitätsszene in der Region entwickelt. Seit dem Ende der Pandemie, erklärte sie, werde auch von den Konsumenten immer häufiger hohe Qualität in der Gestaltung und den Materialien gefragt, was sich auf der Messe deutlich abzeichnete.
Hohe Qualität und viel Regionales auf der Designmesse
Die rund 300 Designer – darunter viele italienische, aber auch regionale Brands – präsentierten an 90 oft sehr großzügig angelegten Ständen ihre Entwürfe, von Türklinken über Teppiche, gerne auch opulente Wohnzimmermöbel wie bei Strata aus Pakistan. Der üppig mit aus Holz geschnitzten Bildmotiven verzierte Spiegelrahmen von Designerin Saira Ahsan könnte auch auf einem Galeriestand auf der Art Basel Miami erfreuen.
Eine klare Tendenz sieht Degn-Christensen in den Kooperationen mit lokalen Kreativen, wenn die japanische Möbelmarke Stellar Works mit New Yorker Calico Wallpaper ihre Präsentation von dem Emirati Omar Al Gurk gestalten ließ. Das royal geförderte Zentrum Tashkeel dagegen setzt auf junge, lokalen Designer mit Lampen aus Dattelkernen und Hockern aus verdichtetem Sand, deren Farbigkeit an die Schönheit der Wüste erinnert.
Ihr als ´historische Moderne´ geltendes Gebäude aus den frühen 1980er Jahren wird gerade massiv ausgebaut für mietbare Ateliers, Werkstätten für Keramik bis zu Druckverfahren und Masterklassen für Kreativität. Bei einem Besuch des nahezu fertiggestellten Areals berichtete eine Mitarbeiterin, die Nachfrage nach Ausbildungsangeboten in dem weitgefassten Design-Sektor sei enorm.
Dubai boomt
Warum auf der Messe ausgerechnet die kleine Sektion namens Editions, die mit 28 Mini-Ständen am hinteren Rand des Zeltes ganz explizit Kunst und Design zusammenbringen will, von trauriger Mittelmäßigkeit und hohem Kitschverdacht geprägt war, bleibt bei so viel Engagement unerklärlich. Gerade hier könnte die Programmatik der alles umfassenden Kreativität noch einmal spannend aufgegriffen werden – zumal der Marktplatz Dubai gerade boomt. Die Messe wurde von Fach- und Konsumentenpublikum gestürmt, die Standmitarbeiter waren im Dauereinsatz und die Vertragsabschlüsse spiegelten die enorme Expansion des Emirats mit immer mehr Apartmenttürmen wider.
Neues Stadtviertel, neuer Flughafen, neue Zuglinie
Laut der nationalen „Khaleej Times“ entstanden heuer 74.000 Luxusappartments, die Bevölkerungszahl stieg um rund 200.000 Personen – der permanente Verkehrsstau in Downtown lässt das täglich spürbar werden. Gerade wurde angekündigt, dass die zentralen Straßen mit weiteren Spuren verbreitert werden. Bald soll in Dubai South Richtung Abu Dhabi ein neuer Stadtteil für bis zu einer Millionen Menschen rund um den geplanten Megaflughafen al-Maktoum mit fünf Terminals und 400 Gates entstehen. Aber nicht nur national wird expanidert. 2030 soll die DCC genannte neue Zuglinie entlang der Küste fertig sein, die sechs arabische Golfstaaten vom Oman über die Emirate, Saudi-Arabien bis Kuwait verbinden wird.
Bei all diesen Plänen verwundert es nicht, dass der Kreativitätssektor nicht nur in Dubai, sondern auch bei den Nachbarn ausgebaut wird. Gerade wurde die Übernahme der Abu Dhabi Artfair von der Kunstmesse Frieze ab November 2026 angekündigt, und Anfang Februar wird die Premiere der Art Basel Qatar in Doha eröffnen.
veröffentlicht in: Die Presse, 7.12.2025





