Die Domina Mistress Rebecca lässt für ihren Auftritt in der Secession als Reba Maybury ihre Subs arbeiten – oder umgekehrt?
In fetten goldenen Buchstaben steht „Deep Long Slow“ auf der Fassade der Secession am Karlsplatz. Drei Worte, die keine Kunsterfahrung beschreiben, sondern ein sexualisierter Name sind – von einem Mann, der seine Bordell-Erlebnisse in Wien auf einer Online-Plattform mitteilt. Wie auch Then I Did This oder Green Mouse.
Zwölf Namen sind es insgesamt, ausgewählt und platziert von Reba Maybury – in der Menge bewusst als Anspielung auf die „12 Gründungsmitglieder“ der Künstlervereinigung, wie es beim Presserundgang erklärt wird. Historisch nicht ganz korrekt und auf der Fassade sicher nie genannt, aber das ist wohl nebensächlich.
Secession als Sub
Die 1990 geborene Britin-Pakistanin ist eine Domina, übernimmt also in speziellen Sexpraktiken die dominante Rolle und kontrolliert ihre ´subs´. So nennt man die sich – freiwillig – unterwerfenden Männer. In der Secession tritt Maybury als Künstlerin auf – und die gesamte Institution wird zu ihrem Sub.
Mistress Rebecca und Gustav Klimt
Und das funktioniert alles andere als subtil: Vor Gustav Klimts Beethovenfries steht ein Modell des Raumes mit einem miserabel nachgemalten Mini-Fries, ausgeführt von drei Subs. Auf Befehl von Mistress Rebeccas – so ihr Domina-Name – mussten sie diese Tätigkeit in ihrem Alltag ausführen und die Arbeitsstunden notieren. Laut Aufschrift brauchte es 18 Stunden und 5 Minuten – eine Null-Information im Sinne von Erkenntnis.
Ähnlich visuell und konzeptuell simpel Mayburys weitere Beiträge: Im Eingangsraum der Secession hängen Glasplatten unter der Decke, die ein Sub küssen musste – es sei eine „provokante“ Reaktion auf Gustav Klimts berühmtes Gemälde – bzw. nur auf den Titel, muss man ergänzen – „Der Kuss“, heißt es dazu. Physisch sicher unbequem, ja. Aber provokant? Eher vernachlässigbar dekorativ.
Mistress Rebecca und die Kleider der Subs
Im Kabinett liegen zwölf Kleiderhaufen auf dem Boden, völlig ausgelatschte Schuhe neben billigen Jeans, immer wieder Kappa-Unterhosen, aber auch ein BMW-Schlüssel und Goldkettchen, das meiste hektisch ausgezogen, einmal pedantisch gefaltet. Könnte man soziologisch anschauen, das wäre immerhin eine interessante Ebene. Für „Used Men“ hatte die Domina über mehrere Jahre Subs angewiesen, ihr die Kleidung zu überlassen – die in der Secession von einem anderen Sub an- und wieder ausgezogen wurde, offenbar mit Gestaltungsdrang.
Können diese Befehle eigentlich abgelehnt werden? Nein, aber über die Subs und über ihre „sexualgewerblichen Verträge“ will die Mistress nicht reden. Die Subs seien nur ihr Werkzeug, erklärte sie verächtlich beim Rundgang.
Die Grenzen der Konzeptkunst
An diesem Punkt wird ihr gesamter Konzept-Überbau fragwürdig: Es gehe ihr um patriarchalische Strukturen, betont sie, die Subs sollen ihre Mitschuld an struktureller Unterdrückung sehen, indem sie anonyme Kunstwerke schaffen.
Domina und Sub sind allerdings keine Rollen, in die die Akteure für eine Ausstellung schlüpfen, sondern auf beiden Seite reale sexuelle Neigungen. Zehn bis zwölf Jahre praktiziere sie es, erzählt sie nebenbei.
Wieviel Spielraum bleibt in solchen Praktiken für Reflexionen, wieviel Platz für komplexes konzeptuelle Strategien? Setzen gesellschaftliche Veränderungen ein, wenn ein wahrscheinlich kunstferner Sub den Titel von Gustav Klimts berühmten Werk unter der Decke wortwörtlich ausführen muss? Reicht für das Ineinssetzen der Porno-Namen mit den Secessions-Gründern einzig die Platzierung auf der Fassade?
Eines jedenfalls ist sicher: Der Mini-Fries ignoriert jegliche künstlerische Faszination, um stattdessen „Klimt als prototypisches männliche Genie“ auf- bzw. anzugreifen – reicht für eine sinnhafte Kritik ein beschwerlicher Sub-Auftrag?
Oder soll hier vielleicht gleich die gesamte Kunst gedemütigt werden? Erfindet die Mistress hier nicht unter dem Tarnmantel der Kunst schlicht nur ungewöhnliche ´Verträge´ für ihre Kunden, die sie nebenbei sogar noch ausstellen kann? Eines jedenfalls gelingt ihr: Ihr Auftrag an die Secession, all diese fadenscheinigen Beiträge im Haus zu verteilen, wurde ausgeführt. Vertrag erfüllt – aber zu wessen Befriedigung?
veröffentlicht in: Die Presse, 9.3.2026

