Kaum jemand kennt das Ephesos in Wien, dabei werden hier fantastische Schätze gezeigt – bald folgt eine aufsehenerregende Schau.
Wien ist so reich an hochkarätigen Museen, dass eines sogar fast vergessen ist: das Ephesos Museum. Keine Tourismuskampagnen, nicht einmal Plakate im Stadtraum werben für diese einmalige Sammlung archäologischer Schätze. Dabei ist Ephesos weltberühmt – und eng mit Wien verbunden. Schon seit 1895 erkunden österreichische Archäologen die beeindruckende Ruinenlandschaft an der türkischen Westküste. Sie fanden Skulpturen, Architekturteile, aber auch osmanische Denkmäler, seldschukische Monumente, Teile antiker Straßen und das Große Theater aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., das imposanten 20.000 Menschen Platz bietet. Eigentlich unter strengstem Denkmalschutz stehend, nutzt die Türkei die Open Air-Bühne heute für spektakuläre Mega-Konzerte. Täglich stürmen Tausende Touristen Ephesos, um dem uralten Prozessionsweg zu folgen und Millionen Selfies vor der Celsusbibliothek mit ihrer restaurierten Fassade mit den vielen Säulen zu schießen.
Sultans Geschenk an Kaiser Franz Joseph: Heroon von Trysa
Das Wiener Museum aber liegt im Dornröschenschlaf. Vielleicht braucht es diese Institution ja gar nicht? Da ist Georg Plattner ganz anderer Meinung. Er ist Sammlungsdirektor der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums (KHM) und des Ephesos Museum. Eigentlich gehört beides zusammen, die Ephesos-Sammlung wurde nur aus Platzgründen in ein eigenes Haus ausgelagert. Die antike Stadt sei ein einzigartiges Phänomen mit der Menge überregionaler Heiligtümer und den vielen Formen unterschiedlicher Selbstdarstellungen in Friesen, Statuen bis zu Grabdenkmälern, betont Plattner. Und das größte wissenschaftliche Projekt Österreichs im Ausland. Bis zum Ausfuhrstopp 1906 kamen wichtige Fundstücke mit Genehmigung der osmanischen Behörden nach Wien. Schon 1882 schenkte der Sultan einen zentralen Grabbau Kaiser Franz Joseph I.: Das ´Heroon von Trysa´ genannte Monument besteht aus einem Fries mit über 700 Reliefplatten, dazu das monumentale Tor und ein Sarkophag – der damals provisorisch in den Hof des KHM kam, wo er bis heute steht. Einige Reliefplatten sind in die Antikensammlung im Haupthaus integriert, andere in das Ephesos Museum, ein großer Teil harrt im Lager.
Platzmangel im Ephesos Museum
Denn im Museum ist kein Platz. Dabei wurde das Museum 1978 eigens für die Funde eröffnet. Es ist prominent in der Hofburg gleich neben der Nationalbibliothek untergebracht, in dem ehemals als Wohn- und Empfangsräume der kaiserlichen Familie geplanten Palast. In einem Teil konnte vor einigen Jahren sogar ein Raum eigens für das 80 Tonnen schwere Grabmonument adaptiert werden. Aber seit 2018 gastiert dort das Geschichtsmuseum. Eigentlich nur für achtzehn Monate geplant, gilt das Provisorium eine Corona-Pandemie und andere „Doch-Nicht-Faktoren“ später, wie es Direktor Georg Plattner nennt, noch immer.
Aber nicht nur der Platzmangel ist eine Herausforderung für das Museum. Schon im Eingang dominieren mächtige Marmorsäulen das imperiale Ambiente. Das als Kontrast dazu entwickelte, brutalistische Ausstellungssystem der Statuen und Architekturfragmente auf Stahlrohren ist seit 1978 unverändert. Selbst das Modell von Ephesos ist fünfzig Jahre alt. Neuere Ausgrabungen wie die unter Friedrich Krinzingers Leitung in den 1990er Jahren gefundenen Hanghäuser mit Wandmalereien aus der römischen Kaiserzeit oder das von seinem Nachfolger Martin Steskal 2022 entdeckte frühbyzantinische Geschäfts- und Gastronomieviertel aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. fehlen.
Könnte man die nicht problemlos mit Projektionen hinzufügen? Und vielleicht gleich die Präsentation des Heroon von Trysa überarbeiten? Einzigartig, so lesen wir auf der Erklärungstafel, sei die Verschmelzung verschiedener Mythen auf dem 380 v. Chr. entstandenen Fries, der Elemente der griechischen mit einheimisch-lykischer und persischer Kultur verbinde. Es fällt schwer, diese Elemente zu erkennen – wie einfach wäre eine Lichtprojektion, die per Knopfdruck Motive hervorhebt.
Kleopatras Schwester – ein Mann?
Aber das ist Zukunftsmusik. Ebenso wie die Überarbeitung der extensiven Erklärungstafeln, die jedes Exponat begleiten. Erst einmal sollen so lange verborgene Schätze ans Licht gebracht werden wie das Grabmal der Arsinoë, so Plattner. Datiert auf das Ende des 1. Jahrhundert v. Chr. wurde der oktogonale Grabbau 1904-05 von österreichischen Archäologen an einer prominenten Straße im Zentrum von Ephesos gefunden – ein Hinweis auf die Bedeutung des gefundenen Skeletts. Die achteckige Form verweist auf Ägypten oder Libyen und bald war die Theorie geboren, es handele sich um Arsinoë IV, die jüngere Schwester von Kleopatra und Ptolemäer-Prinzessin. Sie war von Caesar in das Artemis-Heiligtum von Ephesos verbannt und 41 v. Chr. auf Wunsch ihrer Schwester ermordet worden. Nächstes Jahr soll dieser spektakuläre Fund endlich ausgestellt werden. Auch wenn jüngste Untersuchungen ergeben, dass es sich bei dem Skelett um einen Mann handelt, könnte es dem Museum endlich zu der Sichtbarkeit verhelfen, die dieser weltweit einmaligen Sammlung gebührt.
veröffentlicht in: Die Presse, 2.12.2025
KHM, Ephesos Museum, Wien

