Franz West – eine Vaterfigur, durchaus auch manipulativ

01. Nov. 2026 in Ausstellungen

Franz West Skulpturen vor dem Schloss Belvedere, Wien. Foto: Wikipedia, Mister No

Franz West (1947-2012) gehört zu den bekanntesten Künstlern Österreichs. Die Albertina widmet ihm jetzt eine große Personale. Einige Wegbegleiter schauen auf den Menschen hinter dem Künstler zurück.

Kunst darf nicht berührt werden. Das lernen wir in jedem Museum. Franz West aber ignorierte diese Regel. Der 1947 in Wien geborene, 2012 gestorbene Künstler stemmte sich schon früh gegen die Distanz zwischen Werk und Betrachter. In den 1970ern entwickelte er seine „Passstücke“: Merkwürdig amorphe, prothesenhafte Formen, die für einen Moment in der Hand gehalten, an die Schulter angelegt, am Körper getragen werden sollen.

Farben ohne Schönheitswert

Dabei sind sie aus Gips oder Pappmaché und alles andere als anschmiegsam. Anfangs noch als rein weiße Formen, bemalten bald die jungen Künstlern um West herum in der Wiener  Galerie Peter Pakesch die Passstücke. Erst später fand West selbst zur Farbe, wie sich Christian Meyer von der Galerie Meyer Kainer im Gespräch erinnert. West habe Farbe „konzeptualisiert. Braun könnte als fäkal gelesen werden“ und Pink sei „eine Farbe ohne Schönheitswert“, so Meyer. „Aber West hat seine Intentionen kaum jemals explizit gemacht.“

Franz West, Museum Ludwig, Köln. Foto: Wikipedia, HP Schaefer

Vom Autodidakten zum Starkünstler

West begann als Autodidakt und beschäftigte sich früh mit der Wiener Gruppe. 1977 trat er in die Klasse Bruno Gironcolli an der Akademie als sogenannter ´Sonderstudent´ ein, konnte dort arbeiten, war aber nicht regulär immatrikuliert. „Kunsthistorisch gesehen ist Wests Werk eine Revolution der Skulptur“ beschreibt es Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern und Kuratorin der großen Retrospektive. „Seine frühen Passstücke definierten die Kunst neu, waren extrem wegweisend – als partizipativer Kunstbegriff, der eng am Objekt gebunden bleibt, ohne es in einer Lebenspraxis aufzulösen. Damit war er sehr einflussreich.“

Franz West und seine Möbel

Drei Räume werden allein diese Objekte einnehmen. Seinen großen Durchbruch habe er mit den documenta-Möbel geschafft, die Stief als Weiterentwicklung der Passstücke sieht: autonome Formen plus Funktion mit Betonung von Partizipation.

West auf der documenta X

Von West gibt es zahlreiche Anekdoten und eine gehört zu diesem Werk: Auf der documenta X, 1997 stattete West die Vortragsreihe „100 Tage – 100 Gäste“ mit seinen rund 300 „Doku-Stühlen“ aus. Ein Gast, so wurde damals erzählt, beklagte sich, dass die Farbe des bemalten Stahlgestells auf die Kleidung abfärbe. West habe beruhigt: „Das macht nichts, die Farbe kann man neu auftragen.“

Spuren des Wiener Aktionismus´ 

Ob es tatsächlich so passierte, lässt sich kaum überprüfen. Als Charakterisierung seines Umgangs mit Kunst ist sie sicher aufschlussreich. Er löste die Grenze zwischen Kunstwerk und Gebrauchsobjekt ohne Rücksicht auf Konventionen auf. Darin finden sich noch Spuren des Wiener Aktionismus – nicht mit Provokation, Schmerz und Blut. Aber in der Frage, welche Rolle der Körper in der Kunst spielt.

Wichtige Werktitel

Wichtig, das betont Meyer, waren oft die Werktitel. Bei der Wiener Gruppe hatte er gesehen, dass Sprache nicht nur als Mittel der Mitteilung, sondern als Material dienen kann, um spielerisch mit Lauten, visuellen Anordnungen und absurden Situationen zu experimentieren. Bei ihnen wurde das Publikum bisweilen zum Teil der Aktion – ein Schritt, den West zum Prinzip erhob: Wie kann ein Kunstwerk eine Handlung und damit eine soziale Situation erzeugen?

Franz West, sein Atelier und seine Assistenten

Diese Frage ging bei ihm weit über die Kunstproduktion hinaus. Sein Atelier war ein Treffpunkt, um ihn herum gruppierten sich Schriftsteller, Künstler, Musiker, Performer. Meyer nennt den Free-Jazzer Freddy Jelinek, Wests Halbbruder Otto Kobalek, ein Wiener „Arbeiterdichter“, der mit dem Umfeld von Helmut Qualtinger verbunden war, den Schriftsteller Reinhard Priessnitz oder den Bildhauer Roland Polanszky. „Ein Einzelgänger war West nie, er hatte immer eine Entourage um sich“, so Meyer. Ab dem Jahr 2000 arbeiteten sie mit West, sahen ihn nahezu jeden Tag und diskutierten oft philosophische Ideen – die habe er wie „eine Silbermine erforscht und als Anregungen genommen.“

… und Ko-Produzenten

Einige seiner Weggefährten holte West als Koproduzenten ins Atelier wie Gilbert Bretterbauer. Sie lernten sich in der Galerie Pakesch in den 1980ern kennen. Anfangs sei West scheu gewesen, erzählt der Künstler, und habe seine Zeitungszeichnungen für 100 Schilling verkauft.

Schon damals habe West mit den sperrigen Stahlgestellen als Sitzmöbeln begonnen, bald übernahm Bretterbauer die Fertigung der Stoffe für die Hocker, Sessel, Sofas. „Er lag im Nebenzimmer auf der Coach und ich habe vorne im Raum gewerkt, genäht, gemalt, manchmal sogar geschweißt – wilde, bunte Bezüge.“

Test 1994, MOCA – und Wests radikale Reaktion

Ein bekanntes gemeinsames Projekt ist „Test“ von 1994: Für die Installation am MOCA in Los Angeles entwarf West 28 große Sofas, die Bezüge steuerte Bretterbauer bei. Aber am Ende sei West wütend geworden, „weil mein Beitrag zu stark wurde. Er hat die Bezüge heruntergerissen und seine nackten Bänke leer verkauft“, darüber gibt es ein Buch von Bretterbauer.

West als Vaterfigur – bis zum „Auslaugen“

Für manche sei West eine Vaterfigur gewesen, aber auch sehr manipulativ – er habe gut gewusst, wie er Menschen zu seinen Gunsten nutzen konnte, „bis zum Auslaugen“. West, das war „eine mysteriöse, immer alkoholisierte Person – ein faszinierender Mensch, ein Genie. Alles war immer gültig, es gab keine schlechten Arbeiten.“

Aber West kooperierte nicht nur mit seinen Freunden, sondern integrierte ihre Werke auch in seine Ausstellungen wie in „Extroversion 2000-2011“ auf der 51. Biennale Venedig 2011: Im Arsenale baute er den Grundriss der Küche seines Ateliers nach und zeigte darin 43 seiner Werke plus Arbeiten seiner Assistenten und befreundeter Künstler. Beiträge, die autonom blieben, aber gleichzeitig Teil eines größeren Werks wurden.

Ein Werk, so Wests Credo, muss nicht allein von ihm stammen. Oder wie Stief es zusammenfasst: West sei eine „interessante Figur“ gewesen, weil er einerseits viel Philosophie las, „aber auch diesen tiefen Wiener Schmäh verkörpert – diese Spannbreite hat auch seine Kunst.“

veröffentlicht in: Die Presse, Kulturmagazin, 18.10.2026